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Im Zentrum der Reformation

Die Landesausstellung Sachsen-Anhalt in Wittenberg lässt Lucas Cranach d. J. endlich aus dem Schatten des Vaters treten

  • Von Martina Jammers
  • Lesedauer: 7 Min.

In desolater Verfassung zeigt sich der Weinberg in seiner linken Hälfte. Der umfriedende Zaun ist zerborsten. Die Pflanzen darben vor sich hin. Mit sichtlicher Wonne hauen Kardinäle mit Äxten zusätzlich ins Verkrautete. Selbst der Papst beteiligt sich am Zerstörungswerk, indem er auf die unschuldigen Reben mit seinem Kreuzstab eindrischt. Noch tolldreister gebärden sich Bischöfe und Ordensleute, die Wackersteine in einen Brunnen hieven und ihn damit zum Versiegen bringen. Feuerchen werden gezündelt. Und mittendrin gönnt sich ein feister Mönch einen tiefen Schluck aus der Weinpulle.

Diesem tollen und wahnwitzigen Treiben des Wimmelbildes »Weinberg des Herrn« diametral entgegengesetzt demonstriert das Geschehen auf der rechten Seite, kompositorisch abgesetzt durch einen markanten Weg, hingebungsvolle Hege und Pflege. Eine bedeutend kleinere Gruppe von 20 Wittenberger Reformatoren nimmt sich der Rekultivierung des zerstörten Weinbergs an: Steine werden aufgelesen und entfernt, die Pflanzen beschnitten und gedüngt, Pfähle gesetzt und die Weinstöcke angebunden. Kein Geringerer als Philipp Melanchthon ist verantwortlich für das Hochziehen des Wassers am prominent platzierten Brunnen. Links vom Brunnen harkt Martin Luther mit seinem Rechen siegelbeschwerte Dokumente zusammen, die sich direkt über der Tiara des Papstes im Vordergrund befinden. Es handelt sich um die »Decretales«, jene kanonischen Rechtsbücher, welche Luther mitsamt einem Druck der päpstlichen Bannandrohungsbulle am 10. Dezember 1520 vor Wittenberger Studenten verbrannt hatte.

Explizit thematisiert Cranach d. J. in seinem Gemälde den von Luther so gegeißelten Ablasshandel, indem er auf der vorderen Raumbühne den Papst und sein klerikales Gefolge konfrontiert mit Jesus Christus und seinen zwölf Jüngern. Dreist fordert der Papst mit ausgestreckter Hand den Lohn für die von den Seinigen erzielte »Arbeit« im Weinberg ein. Cranach bezieht sich in dem heute in Salzwedel befindlichen Bild auf den mehrfach in der Bibel auftauchenden »Weinberg« als christliches Symbol für die Kirche, für das »Volk des Herrn«. Zugleich spielt er aber auch an auf die erwähnte Androhungsbulle des Papstes Leo X., der Luther dort als Wildschwein bezeichnet hatte, das in den Weinberg des Herrn eingedrungen sei. Polemisch spitzt Cranach hier den Gegensatz zwischen frech auf Ansprüchen beharrender wie prassender Papstkirche und der reformierten Kirche zu, welche die Rückbesinnung auf die Heilige Schrift, auf Ursprung und Anliegen des Christentums betont. Kleine Ironie am Rande: Bekanntlich wollte sich Papst Benedikt XVI. als einfacher Arbeiter im Weinberg des Herrn begriffen wissen.

Die Forschung hat dem jüngeren Cranach oftmals vorgeworfen, wenig innovativ gewesen zu sein und lediglich die vom Vater, Lucas Cranach dem Älteren, ersonnenen Bildfindungen endlos reproduziert zu haben. Aus Anlass seines 500. Geburtstages wird er nun in der diesjährigen, überaus gelungenen Landesausstellung Sachsen-Anhalts erstmals weltweit ins Zentrum gerückt - und aus dem Schatten seines schier übermächtigen Vaters herausgeholt. Eine ausgeklügelte Lichttechnik im gediegen wirkenden und verdunkelten Pfeilersaal des Augusteums verleiht jedem der Cranach-Bilder eine eigene Aura. Sehr passend gewählt ist der Ort, der so genannte »Fürstensaal«, in dem die sächsischen Kurfürsten und Schirmherren der Universität einst ihre Bildergalerien zeigten.

Die gewundene, bekrönte Schlange mit Rubinring im Mäulchen und mit Flügeln bekrönt: Sie war das Branding der Cranach-Werkstatt. Und bürgte für einen wiedererkennbaren Cranach-Stil. Eine eigenständige Handschrift, an der man einen Mitarbeiter, die Söhne oder den alten Cranach hätte erkennen können, war gar nicht intendiert. Dieses Konzept hatte zur Konsequenz, dass in den Jahren 1530 bis 1550 die Urheberschaft ihrer Werke bis auf wenige Ausnahmen nie wirklich eindeutig festzulegen war. Erst ab 1550, als der Vater ins Exil ging, lassen sich datierte Werke definitiv zuschreiben. Ein einmal gefundenes Thema wurde immer wieder neu variiert. So zeigt eine Medienstation im Erdgeschoss, dass es etwa 34 Versionen von »Christus segnet die Kinder«, 60 von der sich durchbohrenden »Lucretia« sowie 129 Portraits von Martin Luther gibt, die auf Vorrat produziert und in diversen Formaten ausgeführt wurden.

Die spezifischen, eigenständigen Qualitäten des jüngeren Cranach scheinen bei seiner Darstellung des »Sündenfalls« von 1549 beispielhaft auf, die sich in der Öffnung des Raumes, der lichtvolleren Landschaft sowie in der getüpfelten Maltechnik äußern. Verglichen mit dem gleichen Sujet beim Vater, erscheinen Adam und Eva hier nicht so scharf konturiert. Zudem kann der jüngere Cranach hier seine Virtuosität in der Behandlung der Landschaft unter Beweis stellen. Dies wird nochmals gesteigert in der ein Jahr später geschaffenen »Ruhenden Quellnymphe«: Erotisch räkelt sich die junge Gefährtin der Diana vor einer breit angelegten Felslandschaft mit einem Stadtweichbild am Horizont. Der laszive Schlafzimmerblick der Schönen bestätigt die lateinische Inschrift am oberen Bildrand: »Ich bin die Nymphe der heiligen Quelle, störe nicht meinen Schlaf, ich ruhe.«

Als Lucas Cranach d. J. mit zwölf Jahren in die väterliche Werkstatt eintrat, war die Residenz- und Universitätsstadt Wittenberg bereits das Zentrum der Reformation, eine kirchliche Metropole von europäischer Bedeutung. War der Vater nicht zuletzt durch seine innige Freundschaft zu Luther intensiv involviert in die Urgründe der Reformation, die er mit der Illustration von polemischen und satirischen Flugschriften sowie mannigfachen Portraits von Luther und Melanchthon befeuerte, so ist bei Cranach d. J. zu beobachten, dass er sich verstärkt der Konsolidierung des Protestantismus zuwandte. Dies geschah in Form von »Glaubensbildern«, die die neue Glaubensüberzeugung vor Augen führten. Der Schwerpunkt lag auf tröstlichen Bildthemen, die Christus ins Zentrum stellen, um Glaube und Heilsgewissheit zu vermitteln. Dazu zählen etwa die beiden überaus populären Themen »Christus segnet die Kinder« sowie »Christus und die Ehebrecherin«.

Für die Etablierung einer von der Reformation geprägten konfessionsspezifischen Bildpraxis und -Tradition war Cranach d. J. ungleich wichtiger als sein Vater. Hatte doch letzterer im Bereich der Kirchenausstattung noch so gut wie keine Aufträge von Protestanten erhalten und hatte daher vorwiegend für altgläubige Auftraggeber gearbeitet. Erst in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts eröffnete sich mit der voranschreitenden Konfessionalisierung und der mit ihr verbundenen Neuausstattung protestantischer Kirchen für die Cranach-Werkstatt ein neues Arbeitsfeld. Jene Portraittypen der Reformatoren, die sein Vater vorgeprägt hatte, übernimmt der Jüngere, fügt sie aber nun in heils- und reformationsgeschichtliche Kontexte ein. Hierzu gehört als prominentes Beispiel der so genannte »Reformationsaltar« in der Wittenberger Marienkirche, auf dem Luther in der Kluft des »Junker Jörg« in die Abendmahls-Runde von Christus und seinen Jüngern integriert wird.

Cranach reüssierte auch als Meister der Miniatur, wie seine vorzüglichen Illustrationen der kostbaren »Lutherbibeln« belegen, die Mitte des 16. Jahrhunderts für diverse Fürsten und Herrscher aufwändig in Wittenberg entstanden. Hier konnte Cranach junior nicht zuletzt seine Meisterschaft im feinmalerischen Portraitieren ausspielen, wünschten doch zahlreiche Auftraggeber ihr Konterfei im Frontispiz dieser Prachtbibeln. Schon seit langem wurde Cranachs Portraitkunst höchste Wertschätzung zuteil. In Absetzung von seinem Vater, der in dieser Gattung eine glatte Malweise bevorzugte, die Personen idealisierte und mit einem kühlen, porzellanhaften Teint versah, zeigt sein Sohn sie als lebensvolle und realitätsnahe Charakterstudien. Absolutes Highlight der Wittenberger Schau sind die 13 Portraitstudien aus dem Musée des Beaux-arts in Reims. Sie zeigen Mitglieder des sächsischen Herrscherhauses und der mit ihnen verwandten oder politisch verbundenen protestantischen Fürsten. Die Zeichnungen faszinieren vor allem durch ihre malerischen Qualitäten: Sie leben - wie etwa im ausdrucksstarken Bildnis des »Philipp von Pommern-Wolgast« - vom Kontrast der nur mit wenigen Strichen angedeuteten Büste zum sorgfältig ausgearbeiteten Kopf, der vital hervortritt. Als sie 1770 in Reims inventarisiert wurden, schrieb man sie noch Dürer zu. Dank der Ausstellung wird nun endlich auch der jüngere Cranach als eigenständige Künstlerpersönlichkeit fassbar - vollkommen auf Augenhöhe mit dem Vater.

»Lucas Cranach der Jüngere. Entdeckung eines Meisters« ist bis zum 1. November im Wittenberger Augusteum zu sehen, das frisch saniert erstmals für die Öffentlichkeit zugänglich ist. Phantasievoll wie anregungsreich ist »Pop up Cranach« für Kinder im zweiten Stock. - Korrespondierende Ausstellungen sind zu sehen in der Wittenberger Marienkirche sowie im Geburtshaus Cranachs. Hinzu kommen Außenstationen im Dessauer Johannbau sowie im Gotischen Haus in Wörlitz. - Katalog. Weitere Infos unter: www.cranach2015.de

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