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Sisyphusarbeit für »Eleftherios Venizelos«

Fähre bringt tausende Flüchtlinge auf griechisches Festland / UNHCR fordert Aufbau von Hilfsstrukturen

  • Von Anke Stefan, Athen
  • Lesedauer: 3 Min.
Die griechischen Inseln sind mit den dort ankommenden Flüchtlingen überfordert. Die Regierung bringt sie nun mit eigens gecharterten Fähren aufs Festland.

Es erinnert an die Geschichte mit Sisyphus: Eine von der griechischen Regierung eigens gecharterte Fähre traf am Mittwochabend mit etwa 2000 Flüchtlingen im Hafen von Piräus ein. Die »Eleftherios Venizelos« hatte diese zuvor von den griechischen Inseln Kos, Leros und Kalymnos abgeholt und wird sich umgehend wieder auf den Rückweg zu den nahe der türkischen Küste gelegenen Eilanden machen. Dort sind unterdessen bereits weitere 1000 vor Krieg und Zerstörung geflüchtete Menschen gestrandet.

Allein im Juli wurden über 50 000 auf dem Seeweg angekommene Flüchtlinge registriert, das sind mehr als im gesamten Vorjahr. Und die Tendenz ist steigend: 20 843 Menschen erreichten Griechenland nach der Zählung des UN-Hochkommissariat für Flüchtlinge (UNHCR) allein in der vergangenen Woche.

Die weitgehend mittellose griechische Regierung versucht bisher relativ vergeblich, diesem Ansturm Herr zu werden. Vielerorts werden die Flüchtlinge hauptsächlich von der Zivilgesellschaft verpflegt. Selbst im Herzen der Hauptstadt Athen waren etwa 500 Flüchtlinge aus Afghanistan fast einen Monat lang von einer spontan organisierten Hilfsorganisation versorgt worden. Dazu gehörten gut Spendenkampagnen für jeweils nötige Lebensmittel, Medikamente und Dinge des täglichen Bedarfs aber auch feste Kochgruppen, die für zwei Mahlzeiten am Tag sorgten. Einem Team freiwillig arbeitender Ärzte war es sogar gelungen, die anfänglich vor allem unter den über 100 Kindern grassierende Gastritis in den Griff zu bekommen. Erst am vergangenen Sonntag konnten die bis dahin in Zelten in einem öffentlichen Park lebenden Flüchtlinge dann in ein eilig eingerichtetes Containercamp am Rande der Hauptstadt umziehen.

Ähnliche offene Unterbringungszentren will die Regierung nun auch auf den Inseln gegenüber der türkischen Küste einrichten. Bis es soweit ist, sind zunächst mobile Einheiten geplant, die die Flüchtlinge registrieren und sie mit Essen, Kleidung und Medikamenten versorgen. Auch das Rote Kreuz Griechenlands wird sich an den Anstrengungen beteiligen. Die geschlossenen Sammellager auf den Inseln sind dagegen sind völlig unzureichend ausgestattet und bereits hoffnungslos überbelegt.

Probleme breiten den Inseln vor allem die Registrierung der zumeist aus Syrien, Afghanistan und Irak stammenden Neuankömmlinge. Zwar werden Menschen aus diesen Regionen in der Regel rasch als Flüchtlinge anerkannt. Trotzdem kommt es hier immer wieder zu verzweifelten Protestaktionen. Die Menschen müssen bei glühender Hitze und unzureichenden hygienischen wie medizinischen Bedingungen tagelang auf das für die Weiterreise aufs Festland nötige Papier warten. In Zukunft soll eine Registrierung deswegen nicht nur in den überlasteten Polizeistationen, sondern auch auf der von der Regierung gecharterten »Flüchtlingsfähre« möglich sein.

Nach Meinung des griechischen Staatspräsidenten Prokopis Pavlopoulos ist nicht nur Griechenland, sondern sind auch größere EU-Grenzstaaten wie Italien mit der Aufnahme der Geflüchteten überfordert. Um eine Lösung zu finden, müsse ein weiterer EU-Gipfel unter der Beteiligung des UNHCR einberufen werden, hieß es aus dem Umfeld von Pavlopoulos.

Dessen Sprecher William Spindler erklärte dagegen, das UNHCR warne seit Monaten, »dass die Flüchtlingskrise in Griechenland immer schlimmer wird«. Für deren Bewältigung müssten nicht nur Anstrengungen für die Einrichtung von Strukturen zur Unterbringung und Versorgung der Menschen intensiviert werden. Das UNHCR empfahl der SYRIZA-geführten Regierung vor allem, eine einheitliche Struktur zu gründen, die für die Koordination und den Aufbau eines geeigneten Apparats humanitärer Hilfe verantwortlich zeichne. Wenn es eine solche gäbe, »wären wir und andere internationale Organisationen bereit, uns anzuschließen und zu helfen«, wurde William Spindel am Mittwochmorgen in der griechischen Presse zitiert. »Aber es ist schwierig für uns vor Ort zu arbeiten, wenn es dort keinen verantwortlichen Ansprechpartner gibt.«

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