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Vom Genuss zur Sucht

Vor 125 Jahren wurde Elvin M. Jellinek geboren: Er begründete die Krankheitslehre des Alkoholismus

Lange galt Alkoholismus als Zeichen von Willensschwäche. Inzwischen sehen Ärzte darin eine Krankheit. Beschreibung und Klassifikation gehen auf den Physiologen Elvin M. Jellinek zurück.

In vielen Ländern sind alkoholische Getränke ein Bestandteil der Kultur, so wie in Frankreich der Wein, in Russland der Wodka oder in Deutschland das Bier. Denn maßvoll genossen, wirkt Alkohol entspannend und trägt dazu bei, unsere Stimmung aufzuhellen. Das ändert jedoch nichts an der Tatsache, dass Alkohol auch ein Suchtmittel ist. Und dazu noch eines, das man hierzulande fast überall in beliebigen Mengen und für relativ wenig Geld kaufen kann. Viele Menschen sind daher versucht, mehr Alkohol zu trinken, als sie vertragen. Manche tun dies, weil sie Probleme haben oder sich unwohl fühlen. Andere brauchen keinen Anlass; sie trinken schlicht aus Gewohnheit und werden dadurch, wie der Volksmund sagt, zum Säufer.

In unserer Umgangssprache werden die Wörter »Säufer« und »Alkoholiker« häufig synonym gebraucht. Verbunden damit ist bei vielen die Vorstellung, dass Alkoholiker gescheiterte, heruntergekommene Menschen seien, die gewöhnlich in ärmlichen Verhältnissen lebten. In Wirklichkeit kommt Alkoholmissbrauch in allen sozialen Schichten vor. Frauen sind davon ebenso betroffen wie Männer (wenn auch bei weitem nicht so häufig). Nach Schätzungen gibt es in Deutschland rund 9,5 Millionen Menschen, die Alkoholmengen konsumieren, die als gesundheitsgefährdend eingestuft werden. Das heißt, sie nehmen pro Tag mehr als 24 Gramm (Männer) bzw. 12 Gramm (Frauen) reinen Alkohol zu sich. Die Zahl der Alkoholabhängigen wird dagegen auf 1,3 bis 2,5 Millionen beziffert.

Die Erkenntnis, dass alkoholabhängige Menschen krank sind, setzte sich in der Medizin nur langsam durch. Zwar hatte der schwedische Arzt Magnus Huss bereits 1849 Alkoholismus als Krankheit definiert und hierbei zwischen einer akuten und chronischen Verlaufsform unterschieden. Doch erst dem US-amerikanischen Physiologen Elvin Morton Jellinek (*15. August 1890; †22. Oktober 1963) ist es zu verdanken, dass diese Auffassung vor rund 60 Jahren zum Allgemeingut der medizinischen Wissenschaft wurde.

In seinem Buch »The Disease Concept of Alcoholism« (1960) unterscheidet Jellinek fünf Typen des problematischen bzw. krankhaften Alkoholkonsums. Am unteren Ende der Skala steht der Alpha-Trinker, auch Erleichterungstrinker genannt. Er trinkt, um Konflikte zu bewältigen oder Spannungen abzubauen. Die meisten Alpha-Trinker sind zwar psychisch vom Alkohol abhängig, können aber jederzeit mit dem Trinken aufhören. Sie gelten daher nicht als alkoholkrank, wohl aber als gefährdet. Gleiches trifft auf Beta-Trinker (Gelegenheitstrinker) zu, die bei entsprechenden Anlässen Unmengen an Alkohol konsumieren. Trotzdem behalten sie die Kontrolle über ihr Trinkverhalten. Sie zeigen keine Suchtmerkmale, jedoch ist ihre Gesundheit oft nachhaltig beeinträchtigt.

Als alkoholkrank im engeren Sinn gilt laut Jellinek der Gamma-Trinker (Rauschtrinker). Denn er ist nicht nur mental süchtig nach Alkohol, sondern erleidet beim Trinken rasch einen Kontrollverlust. Das heißt, ein Gamma-Trinker hört auch dann nicht auf zu bechern, wenn er bereits betrunken ist. Zwischendurch jedoch kann er längere Zeit auf alkoholische Getränke verzichten. Im Gegensatz zum Delta-Trinker (Spiegeltrinker), der körperlich vom Alkohol abhängig ist. Er benötigt davon regelmäßig eine Mindestmenge, um sich wohl zu fühlen. Ohne Alkohol leidet er an Entzugserscheinungen und wird dadurch bisweilen sozial auffällig. Bliebe noch der Epsilon-Trinker zu erwähnen, auch Quartalssäufer genannt. Nach Monaten der Abstinenz gibt er sich plötzlich einem exzessiven Alkoholrausch hin, der Tage oder Wochen dauern und zu einem vorübergehenden Gedächtnisschwund, einem sogenannten Filmriss, führen kann. Danach lebt er unauffällig weiter. Als Grundkonzept gilt dieses Typen-Schema in der Medizin bis heute, obwohl man anmerken muss, dass Jellinek vor allem männliche Trinker untersucht hatte. Ungeachtet dessen wurde sein Modell bis in die jüngere Zeit auch auf Frauen übertragen. Inzwischen weiß man jedoch, dass dies so einfach nicht möglich ist. Denn Frauen haben häufig andere Trinkmuster, die es selbst Experten erschweren, die Diagnose Alkoholismus zu stellen.

Ohnehin bleibt festzuhalten, dass die Verwendung des Begriffs »Alkoholismus« in der Literatur nicht immer einheitlich erfolgt. Manche Autoren fassen darunter sowohl den Alkoholmissbrauch als auch die Alkoholabhängigkeit. Andere sehen im Alkoholmissbrauch lediglich eine Vorstufe zur Alkoholkrankheit und unterscheiden deshalb streng zwischen einem Trinker bzw. Säufer und einem Alkoholiker. Der Trinker konsumiert übermäßig viel Alkohol und untergräbt dadurch nachweislich seine Gesundheit. Außerdem fällt er im Suff häufig unangenehm in der Öffentlichkeit auf. Aber er wird nicht abhängig, im Gegensatz zum Alkoholiker, der sich im Alltag wiederum oft so gut im Griff hat, dass niemand etwas von seinem Problem bemerkt. Bis heute ist die Alkoholkrankheit nicht heilbar, sie kann nur zum Stillstand gebracht werden. Das heißt: Wer Alkoholiker ist, bleibt dies sein Leben lang, selbst wenn er nach einer erfolgreichen Therapie kein Glas mehr anrührt. Allerdings könnte schon der nächste Schluck Alkohol einen Rückfall in den Teufelskreis der Sucht bedeuten.

Rund 85 Prozent der Deutschen trinken Alkohol. Aber nur drei Prozent werden abhängig. Wie ist das zu erklären? Früher war die Meinung verbreitet, dass in erster Linie sogenannte Suchtpersönlichkeiten zum Alkoholismus neigten. Doch diese von der Psychoanalyse inspirierte Erklärung gilt inzwischen als überholt. Heute gehen die meisten Wissenschaftler davon aus, dass eine Alkoholerkrankung sowohl genetische als auch psychosoziale Ursachen hat. »Alkoholismus ist zu 50 bis 60 Prozent genetisch bedingt«, sagt der Mannheimer Suchtforscher Karl Mann. Die angeborenen Unterschiede beziehen sich dabei vor allem auf die Alkoholabbaukapazität der Leber. Genau besehen sind es zwei Enzyme, die darüber entscheiden, ob jemand Alkohol gut verträgt oder rasch unter Vergiftungserscheinungen leidet. Letzteres widerfährt bekanntlich vielen Chinesen und Japanern. Weil es diesen an einem jener Enzyme mangelt, wird für sie ein Bier- oder Weinabend zur Tortur. Generell gilt: Je mehr Alkohol ein Mensch auf Grund seiner Konstitution verträgt, desto größer ist die Gefahr einer Sucht.

Doch auch ein Alkoholiker muss irgendwann mit dem Trinken anfangen. Und hier kommt unweigerlich die soziale Umwelt ins Spiel: Familie, Freunde, Vorbilder etc. Wer täglich erlebt, wie einfach es ist, mit Hilfe einer legalen Droge alle Sorgen und Probleme in einem Rausch zu ertränken, wird aus freien Stücken so schnell nicht von der Flasche lassen. Selbst wenn er weiß, dass in Deutschland jedes Jahr rund 74 000 Menschen direkt oder indirekt an den Folgen von Alkoholmissbrauch sterben. Denn wie viele Kranke hat auch ein Alkoholiker die Hoffnung, dass es in seinem Fall so schlimm schon nicht kommen wird.

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