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Gut gemeint, nicht gut

»Meuchelbeck« im WDR

Gewiss, man sollte den Text fiktiver Serien auch dann nicht überinterpretieren, wenn er Teil einer Programmoffensive ist, doch dieser könnte von Tom Buhrow selbst formuliert sein. »Ich weiß, du findest das hier alles fürchterlich«, sagt die neue Hauptfigur im Hauptabendangebot des WDR-Intendanten und lächelt seiner Tochter zerknirscht ins Teenie-Gesicht, »aber Meuchelbeck ist auch eine Chance«. Und gewiss, ihre entgeisterte Reaktion hat mehr mit der ulkigen Story eines Provinzrückkehrers zu tun als mit Senderpolitik. Doch wie besagte Tochter ihren Vater ansieht, das sagt schon viel darüber aus, was Buhrow als Angriff auf ferne Zielgruppen versteht.

Die nämlich sollen ab Montag mit einer Reihe frischer Formate geködert werden, um den Publikumsschnitt des größten deutschen Funkhauses unter die 60 zu drücken. Da dürfen Youtuber das WDR-Archiv kommentieren (»Mischen impossible?!«) und Otto-Normalverbraucher aus dem Alltag erzählen (»Die runde Ecke«). Da reist Anke Engelke als »Die Ansagerin« humoristisch ins Gestern und ein »Lindenstraßen«-Bewohner in eine Sitcom (»Die Mockridges«). Da wird also viel probiert, getunt, dekliniert. »Macht, was euch einfällt!«, hatte der Senderchef seinem Team auf den Weg gegeben. »Experimentiert!«. Was Fernsehverantwortliche halt so sagen, wenn öffentlich-rechtlicher Verjüngungskurs eingeschlagen wird.

Also haben Erik Haffner und Klaus Knoesel nach Büchern vom humorerfahrenen »Tatort«-Autor Stefan Rogall fürs Referenzprojekt »Meuchelbeck« mit etwas experimentiert, das den Regisseuren womöglich sogar gefällt. Das Resultat jedoch ist eine Provinzposse in (zunächst) sechs Teilen, die gleich nach den Hauptnachrichten an unsägliche Schmunzelkrimis davor erinnert. Was uns im niederrheinischen Agrargürtel also zwischen schrulliger Bestattern, rolligen Arztgattinnen und psychotischen Witwern gezeigt wird, ist kein experimenteller Angriff auf Digital Natives, sondern gefällige Grundversorgung der analogen Kernklientel.

Der gescheiterte Großstadtemigrant Markus (Holger Stockhaus) zieht darin nach 20 Jahren Abstinenz mitsamt seiner Tochter (Janina Fautz) ins Dorf seiner Kindheit (das zwar nur winzige Fachwerkhäuser hat, aber eine riesige Schule) und entdeckt dort ein Landleben, dass von »Inspector Barneby« bis »Mord mit Aussicht« längst zur Grundausstattung heiterer Feierabendgestaltung zählt: groteske Charaktere, wohin die Kuh scheißt. Jedes Landei hat seinen Knall, Leichen im Keller oder sonstwie überdrehtes Entertainmentpotenzial im Skript. Understatement? Fehlanzeige! Und zündet die Pointe fehl, springt halt die Mimik ein.

Das ist zuweilen charmant, in Teilen gut gespielt, also nicht frei von Unterhaltsamkeit. Eines aber ist gewiss nicht: experimentell! Schade eigentlich.

WDR, Mo., 24.8., 20.15 Uhr

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