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Beton am Bitterfelder Weg

Arbeitsmilieus in der DDR-Literatur. Von Silvia Ottow

Dieser verdammte Bau ist ein Fass ohne Boden, dachte der King, und er spuckte wieder Zementkrümel aus, und wieder starrte er auf den schwappenden Brei im Bottich vor sich. Wenn er die Augen zumachte, erschienen, grell beleuchtet von Tiefstrahlern, Hunderte von Riesenbottichen, und in allen schwappte dieser verhasste, graue Brei, und manchmal hatte er das erstickende, dumpfe Gefühl, als watete er bis zum Hals darin herum oder als schwappte und brodelte das Zeug sogar in seinem eigenen Schädel«.

Der verdammte Bau, das war das künftige VEB Gaskombinat Schwarze Pumpe. King war die vom Schriftsteller Siegfried Pitschmann erdachte Hauptfigur eines Romans, die Züge des Autors trug und Ende der 50er Jahre freiwillig den Klavierhocker mit der Knochenarbeit auf einer Großbaustelle vertauscht. Der junge Mann war Pianist und hatte folglich zarte Hände und ein ebensolches Gemüt. Wie es so jemandem im groben Gefüge einer Baustellenbrigade, zumal in den Nachkriegsjahren mit Mängeln und technischen Unzulänglichkeiten und in einer nie gewagten Größenordnung ergeht, hatte sein Erfinder selbst erlebt.

Pitschmann war nicht etwa im Elfenbeinturm auf die Idee zu diesem Roman gekommen, den er »Erziehung eines Helden« nannte. Auch er hatte sein Leben geändert, mit dem Saufen aufgehört, sich von seiner Frau getrennt. Auf einer sozialistischen Großbaustelle wollte er dieses Experiment wagen, wollte dabei sein, wenn hinter dem Beton ein neues Zeitalter heraufzieht. »Beton, mein Freund. Dies ist eine Welt von Beton, soweit die Tiefstrahler mit ihrer verdammten kalten Flut reichen, und hinter den Tiefstrahlern ist die Welt zu Ende, und wenn du jemals Kiefern im Regen gesehen hast, so muss das vor tausend Lichtjahren gewesen sein«. Als sich der Bauneuling plötzlich in einer Nachtschicht dabei ertappte, einen Maschinendefekt herbeizusehnen, damit mal Pause sein könnte, erschrak er, bezichtigte sich dreckigsten Frevels und schrieb: »Man müsste dir dafür sofort fünf Nachschichten aufbrummen, oder vielleicht sollte man dir ganz einfach kurz und exemplarisch in den Hintern treten.«

Das übernahm Schriftstellerkollege Erwin Strittmatter. Auf der Autorenkonferenz des Mitteldeutschen Verlages in Halle wettert er am 24. April 1959 gegen die harte amerikanische Schreibweise, die sich einige DDR-Autoren abgeguckt hätten: »Sie sagen etwa so: Was faselt ihr davon, daß die Helden unseres Werktages poetische und liebenswerte Menschen sind? Die Realität ist hart. Das Kombinat Schwarze Pumpe wird nicht von weißen Lämmern aufgebaut. Na, das gewiß nicht! Es wird aber nicht nur von Radaubrüdern, Säufern, Glücksrittern und von solchen Arbeitern aufgebaut, die ihre Kräfte um der dicken Lohntüte willen verdoppeln und verdreifachen«. Das ging eindeutig an Pitschmanns Adresse, es folgten Aussprachen im Schriftstellerverband, die dieser später als »entsetzliches Abschlachten« schilderte. Der Autor versuchte, sich das Leben zu nehmen. Da war er schon mit der Schriftstellerin Brigitte Reimann verheiratet, die den Suizidversuch mit ihren Eltern verhinderte. Auch Strittmatter versuchte danach einzulenken. Doch Pitschmann schrieb nie wieder einen Roman. »Erziehung eines Helden« fand die Verlegerin Kristina Stella im Literaturarchiv Neubrandenburg und gab ihn 2015 heraus. Da war der Autor 13 Jahre tot und weithin unbekannt geblieben. Er war nicht der einzige, der am »Bitterfelder Weg« - ausgerufen auf der gleichnamigen Konferenz - scheiterte. Der Autor Werner Bräuning hatte 1959 in Vorbereitung der 1. Bitterfelder Konferenz sogar gemeinsam mit Jan Koplowitz den Aufruf »Greif zur Feder, Kumpel!« verfasst. Sein grandioser Roman »Rummelplatz« über die Wismut AG wurde ebenfalls nicht veröffentlicht. Bräunig starb mit 42 Jahren verbittert und alkoholkrank.

Dem Bitterfelder Weg, von Kulturfunktionären der DDR gern als Beginn einer Kulturrevolution und Massenbewegung in beide Richtungen geschildert - die Arbeiter lernen selbst zu schreiben und die Schriftsteller lernen in der Produktion -, sollte keine lange Lebensdauer beschieden sein. Im Ansatz dem nicht unplausiblen Gedanken folgend, dass der Blick ins Leben der Literatur durchaus Saft und Kraft verleihen kann, war er am Größenwahn der Funktionäre gescheitert, die mehr am Umschreiben der Wirklichkeit interessiert waren.

Das erfuhr auch die kapriziöse Schriftstellerin Brigitte Reimann in vielen »Aussprachen« im Schriftstellerverband. Sie war einige Jahre mit Siegfried Pitschmann verheiratet, lebte mit ihm in Hoyerswerda und schrieb den in der DDR viel beachteten Roman »Franziska Linkerhand« über eine junge Architektin in einer fiktiven Wohnstadt, die dem Hoyerswerda der »Pumpschen« ähnelt. Ein Roman von der Liebe und dem Scheitern der architektonischen Ansprüche der Hauptfigur. Er erschien nach dem Krebstod der Autorin, vermutlich um einige Textstellen bereinigt, die unliebsame Kritik an der DDR enthielten. Reimann starb 1973 mit 39 Jahren.

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