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Karl Schmückle

Annotiert

  • Von Michael Eckardt
  • Lesedauer: 2 Min.

Es gilt, ihn neu zu entdecken, den schwäbischen Kommunisten und Marx-Forscher Karl Schmückle (1898-1938), der zu den vergessenen Autoren des 20. Jahrhunderts gehört. Vergessen vor allem auch deshalb, weil die DDR-Literaturwissenschaft, die gerne zur in Moskau beheimateten deutschen Länderkommission der »Internationalen Vereinigung Revolutionärer Schriftsteller« um Johannes R. Becher und Willi Bredel forschte, den vermeintlichen Trotzkisten nur mit spitzen Fingern anfasste. Selbst Ende der 1980er Jahre durfte ein von Simone Barck und Werner Röhr zusammengestellter Band in der DDR nicht erscheinen.

Wer war dieser deutsche Kommunist, dessen »Liquidation« sogar George Lukács gefordert hatte? Geboren 1898 im württembergischen Weiler Gompelscheuer (heute zur Gemeinde Enzklösterle gehörig), hatte sich Schmückle bereits 1925 in die Sowjetunion begeben, um seinen Beitrag am Gelingen des Aufbaus einer neuen Gesellschaft beizusteuern. Er wirkte am Moskauer Marx-Engels-Institut als Experte für die Handschrift von Karl Marx und war maßgeblich an der Publikation von 21 Bänden der ersten Marx-Engels-Gesamtausgabe (MEGA) beteiligt.

Röhr beschreibt detailliert Schmückles Weg vom Tübinger Theologiestudenten (1919) bis zum von Karl Korsch in Jena marxistisch ausgebildeten Doktor der Staatswissenschaften (1923) und sodann das Unrecht, das ihm im »Vaterland der Werktätigen« widerfuhr. In einer böswilligen Pressekampagne wurden Schmückle »mangelnde revolutionäre Wachsamkeit« und »Versöhnlertum« vorgeworfen. Seine »zivile Hinrichtung« erfolgte in einer geschlossenen Parteiversammlung im September 1936. Im Januar 1938 wurde er wegen Spionage angeklagt, seine Erschießung erfolgte kaum zwei Monate später am 14. März.

Die als Band 17 der Reihe »Berliner Beiträge zur Kritischen Theorie« firmierende Monografie versammelt Originaltexte aus Schmückles Feder, darunter seine (hier erstmals veröffentlichte) Jenenser Dissertation »Logisch-historische Elemente der Utopie« (1923). Die literaturkritischen Texte atmen den Geist des antifaschistischen Kampfes. Interessant liest sich seine Wertung von Anna Seghers’ Roman »Der Weg durch den Februar« (1935). Die Aufsätze über Don Quijote demonstrieren, wie sich mit dem Werkzeugkasten der Marxschen Methodik ein Roman gesellschaftskritisch interpretieren lässt. Obwohl Schmückle 1958 in Moskau juristisch rehabilitiert wurde, wirkten die Verleumdungen bis 1989 fort. Dem Herausgeber folgend, bleibt zu bemerken: Schmückle lebte zur falschen Zeit in Moskau. Den aufrechten Marxisten nun der Vergessenheit entrissen zu haben, ist Werner Röhr zu danken. Michael Eckardt

Werner Röhr (Hg.): Karl Schmückle: Begegnungen mit Don Quijote. Argument Verlag, Hamburg. 347 S., geb., 46 €.

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