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Mittal killt Klimakiller

Der weltgrößte Stahlkonzern stellt künftig Treibstoff aus Abfallgasen her und reduziert so den Kohlendioxidausstoß. Von Hermannus Pfeiffer

  • Von Hermannus Pfeiffer
  • Lesedauer: 3 Min.

Auf die Stahlkocher in Europa rollt eine Kostenlawine zu. Zu den Überkapazitäten und chinesischen Billig-Importen kommen noch verschärfte Klimaschutzgesetze in der EU. Zwar ist noch nichts endgültig entschieden, aber die Europäische Kommission plant eine Verschärfung des Emissionshandels, die auch die Stahlindustrie träfe. Branchenprimus Mittal baut deshalb auf neue Technik.

Stahlkonzerne sind noch immer eine ziemlich schmutzige Industrie. Sie emittieren in Deutschland schätzungsweise 60 Millionen Tonnen Kohlendioxid (CO2) jährlich - mehr als ein Drittel der Emissionen der deutschen Braunkohlekraftwerke. Der größte Hersteller der Welt, Arcelor Mittal, beschreitet einen neuen Weg: Er will künftig in seinem Stahlwerk im belgischen Gent die Abgase zu »Bioethanol« verarbeiten.

Das Verfahren verspricht doppelten Nutzen für die Umwelt. Denn neben der Reduzierung des Klimakillers CO2 werden Rohstoffe geschont. Bisher wird Biotreibstoff vorwiegend aus den Agrarrohstoffen Zuckerrohr und Mais hergestellt. Mittals Stahlwerk in Belgien wäre die erste großtechnische Anwendung weltweit. 87 Millionen Euro will der in Luxemburg ansässige Konzern investieren, der von der indischen Familie Mittal beherrscht wird. Das Verfahren baut auf der sogenannten Gas-Fermentierung auf. Es wurde in Neuseeland vom jungen Unternehmen LanzaTech entwickelt. 2012 hatte LanzaTech die industrielle Gasfermentierung erstmals ausprobiert. Laut Firmenangaben erfolgreich.

Das vor allem in Hochöfen bei der Rohstahlproduktion anfallende sogenannte Gichtgas enthält neben CO2 und Stickstoff große Mengen giftiges und brennbares Kohlenmonoxid. Diese Abgase werden meist »abgefackelt«. Wobei CO2 entsteht. Pro Tonne Rohstahl etwa 1,35 Tonnen CO2.

Ganz anders in den von LanzaTech entwickelten Reaktoren. Dort werden die Abgase »fermentiert«. Als Fermentierung bezeichnen Ingenieure die biochemische Umwandlung von Stoffen durch Kleinstlebewesen. Mit der Hilfe eines natürlich vorkommenden Bakteriums soll schließlich Bioethanol entstehen, das beispielsweise normalem Benzin beigemischt werden kann.

Von »Bio« zu sprechen, wie es Mittal tut, hält Verfahrenstechniker Bernd Meyer für übertrieben. Green-Washing betreibe der Konzern damit allerdings nicht. Die bisherigen Technologien zur CO2-Minimierung im Produktionsprozess seien heute »praktisch ausgeschöpft«. Daher werden international nun nachgeschaltete Lösungen - »End of Pipe« - vorangetrieben. »Diese waren bisher viel zu teuer«, sagt der Professor an der TU Bergakademie Freiberg. Das neuartige Verfahren sei an sich »effizient und sauber«. Ob es allerdings genügend Leistung für Großanlagen erbringe und auf Dauer stabil funktioniere, sei »noch offen«, warnt Meyer. Erprobt hat LanzaTech seine Technologie in mehreren kleineren Pilotanlagen in China. Die chinesischen Stahlerzeuger Baosteel und Shougang gelten denn auch als die nächsten Kaufinteressenten.

Zur technischen Umsetzung trug Siemens bei. Im Sommer 2013 schloss der deutsche Elektromulti ein über zehn Jahre laufendes Abkommen mit LanzaTech ab. Gemeinsam wurde das Verfahren optimiert und soll nun vermarktet werden. Der deutsche Stahlkonzern Thyssen-Krupp setzt dagegen auf die klassische »Methanol-Synthese«. Das Verfahren gilt als großtechnisch ausgereift. Meyer über den Ausgang des Rennens zwischen Fermentierung und Synthese: »Am Ende werden die Kosten entscheiden.«

Arcelor Mittal will noch in diesem Jahr mit dem Bau seiner Fermentierungsanlage in Gent beginnen. Die Europäische Union beteiligt sich mit zehn Millionen Euro. Sobald die »wirtschaftliche Rentabilität des Projekts bewiesen ist«, sollen ähnliche Anlagen in anderen Stahlwerken von Mittal errichtet werden, teilt der Konzern mit. Würden alle europäischen Werke mit der neuen Technik nachgerüstet, könnte Mittal nach eigenen Angaben rund 500 000 Tonnen Ethanol pro Jahr erzeugen - was einem Zehntel des heutigen europäischen Bioethanolbedarfs entspräche.

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