Feuer brennt immer

Zu behaupten, fremdenfeindliche Gewalt habe hier keinen Platz, ist zynisch, meint Sarah Liebigt

Neun brennende Fackeln wurden über den Zaun der Flüchtlingsunterkunft in Marzahn-Hellersdorf geschmissen. Sie verlöschten, ohne Schaden angerichtet zu haben.

Man kann sich jetzt darüber lustig machen, dass die brennenden Latten nur auf dem Rasen landeten. Oder darüber, dass Marzahner Rassisten nicht mal gescheite Mollis bauen können und offensichtlich nicht genug Muskelkraft haben, ihre Brandsätze weit genug zu schleudern.

Froh sein darüber, dass Neonazis und Rassisten zu blöd zum Feuer legen sind, kann man sich für eine kurze Atempause voller Zynismus leisten.

Denn zu viel geht auch dann schon kaputt, wenn Feuer auf Sand fällt und nichts materielles findet, das es vernichten kann. Zerstört wird die vielleicht gerade aufgekeimte Zuversicht jenes Menschen, der sich mit seinem Schlafplatz im Wohncontainer vorerst abgefunden hat. Zerstört wird die Arbeit all der Freiwilligen, die entgegen der öffentlich äußerst wirksam breitgetretenen Stimmung in ihrem Bezirk den Geflüchteten helfen, die in endlosen Debatten sich den Mund fusselig reden gegen das übliche Gelalle der üblichen Ressentiments, Vorurteile und angeblich besorgten Argumente.

Es reicht nicht, derlei Aktionen als »feige« zu verurteilen und zu behaupten, »Gewalt gegen Asylsuchende hat keinen Platz in Deutschland«. Das ist zynisch. Denn den hat sie. Ebenfalls in der Nacht von Donnerstag auf Freitag wurde ein Flüchtling niedergestochen und ausgeraubt. Es sind dies nur zwei »Fälle« von Gewalt. Zwei Ereignisse, allein in Berlin. Zwei Ereignisse, die ihren Weg in den Nachrichtenkanal fanden.

Fremdenfeindliche Gewalt hat ihren Platz in dieser Gesellschaft. Sie wird ihn mit Stunk und Zank verteidigen und sie wird sich weiter ausbreiten, solange es keinen generellen Stimmungswechsel gibt bei denen, die ihr Futter geben. Indem sie immer wieder vom »Ansturm« der Flüchtlinge schreiben oder »fehlende Kitaplätze« gegen »teure Heime für Flüchtlinge« ausspielen.

Die Tatsache, dass bisher »nur« Wiesen und Wände brennen, ist keine Garantie dafür, dass sich das nicht ändern wird.

Dazu passende Podcast-Folgen:
  • ndPodcast
    Berliner*innen werden laut gegen Verdrängung / Außerdem: Brandanschlag gegen Hausprojekt / Tramlinie durch den Görli / Berliner Vermüllung
    • Länge: 00:16:57 Stunden

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung