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Nicht von Pappe

Wer Bilder von einem der gigantischen Arirang-Festivals betrachtet, wird sich schwerlich deren ästhetischer Faszination entziehen können. Auf den im Stadion »Erster Mai« in Pjöngjang ausgetragenen Großveranstaltungen verschmelzen auf den Rängen Zehntausende in akribischen Massenchoreografien zu heroischen Bildern, die an revolutionäre Taten erinnern und den Fortschritt des Landes preisen. Wie präzise gearbeitete Mosaike erstrahlen die Bilder, die aus dem Zusammenspiel unzähliger Papptäfelchen erstehen. Der Mensch verschmilzt mit der propagierten Geschichte; er löst sich darin auf. Jeder Großbildschirm auf einer westlichen Fanmeile wirkt wie ein Scheißdreck dagegen.

Benannt ist das Festival nach dem koreanischen Volkslied »Arirang«. Die slowenische Industrialband Laibach, die in dieser Woche als erste westliche Rockformation zwei Konzerte in der »Demokratischen Volksrepublik« geben durfte, hatte das Stück zur Freude des Publikums in ihrem Programm. Laibach, ansonsten bekannt für ihr martialisch-militaristisches Bühnengebaren, scheinen sich den Landesgepflogenheiten mühelos angepasst zu haben. Zu großen Teilen soll ihr Programm aus handzahmen Adaptionen von Stücken aus dem Musical »The Sound of Music« bestanden haben. Man kann sich das vorstellen, als würde Rammstein zur Melodie von »Atemlos durch die Nacht« den Text der »Kleinen weißen Friedenstaube« intonieren.

Die Konzerte im Rahmenprogramm der 70-Jahrfeierlichkeiten zum Ende der japanischen Kolonialherrschaft wurden von den artig in den Stuhlreihen des Pongwha-Theaters ausharrenden Zuhörern mit wohlwollenden Worten goutiert. So zitierte das deutsche Fernsehen einen höflichen älteren Herren: »Es gibt ja viele Arten von Musik und jetzt wissen wir, dass es auch diese Art von Musik gibt.«

Was aber führt Laibach in jenes Land, das dem Rest der Welt gerade wieder einen Schauer über den Rücken laufen lässt, indem es seine Truppen mobilisiert? Die Band ist oft für ihr Kokettieren mit Totalitarismen gescholten worden. Insofern scheint Laibach zu Pjöngjang zu passen wie Ai Weiwei zu Berlin. Ästhetisch imposanter als durch das Foto auf einem menschenleeren Platz hätten die Bandmitglieder sich dann aber in Szene setzen können, wenn ihre Konterfeis, in Tausende Pappquader fragmentiert, im Arirang-Stadion von den werktätigen Massen zusammengefügt worden wären. mha Foto: dpa/Jorund F. Pedersen

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