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Die Frau, die einen Sniper liebt

Martin Leidenfrost besuchte die Ex-Frau eines serbischen Scharfschützen, der für die Donezker Separatisten kämpft

  • Von Martin Leidenfrost
  • Lesedauer: 4 Min.

Ein altmodischer Mittelscheitel, die Dachform der buschigen Augenbrauen verstärkt den gutmütigen Hundeblick - so sieht uns Dejan Beric von Fotos an. Beric ist Serbe, und er ist Scharfschütze bei den Donezker Separatisten. Die Legende besagt, dass er »in 18 Sniper-Duellen siegte« und »am Donezker Flughafen vier Amerikaner liquidierte«. Er wurde angeblich aus ukrainischer Gefangenschaft freigekauft, drei Mal verwundet, trägt neun Orden.

»Deki«, stellte er sich letzten Sommer in einem Frontvideo vor, »Serbien, Vojvodina, Spezial-Scharfschützen-Gruppe.« - »Was ist dein Ziel?« - »Faschisten jagen.« Inzwischen gibt er laufend Interviews und füttert täglich seine 2100 Follower auf Facebook. Er betont die serbisch-russische Freundschaft, versteigert zugunsten eines kranken Mädchens Uniformstücke, und wenn er ungeduldige Ausländer aus einer orthodoxen Messe rauslaufen sieht, postet er: »Der Westen hat keine Kultur.« Seit »Foreign Fighters« in Serbien mit hohen Haftstrafen bedroht werden, kann Beric nicht mehr nach Hause. Ich aber kann dorthin fahren, kann seine Freunde und seine Frau fragen, wie sie über »Deki« denken.

Ich komme Samstagnacht in Berics Dorf an. Junge Schweinebauern bestellen am Verkaufsfenster einer Bäckerei Burek und Pizza. Jeder in Putinci kennt Dejan Beric. Einer ahmt prustend einen Zielsucher nach, das Drücken des Abzugs. »Bei uns hatte er eine kleine Firma, hat Türen und Fenster eingebaut, ist wegen nicht zahlender Kunden krachen gegangen. Dann hat er auf Sniper umgeschult.« Die Jungs behaupten, dass Beric es für den Sold macht: »Für insgesamt 30 000 Dollar!« Sie können nicht glauben, dass ich das wenig finde. »Er hat dort geile russische Weiber, Nutten …« Ich frage sie: »Ist er ein Held für euch?« - »Ja.« In der Tanzbar nebenan ist der Tenor ähnlich. Uneins ist die Runde nur darüber, ob Beric seine serbischen Schulden bedient.

Über Berics Frau wird mir erzählt, dass sie grob und fett sei, einen Laden in Golubinci drüben führe und den Verstand verloren habe. Sonntagmittag irre ich durch Golubinci, jeder weitere Hinweis enthält weitere Fehler. Ich spreche eine Verkäuferin an, eine hübsche Enddreißigerin mit guter Figur in einem Trainingsanzug aus lila Plüsch: »Ich suche die Frau von Dejan Beric.« Die Frau starrt mich entflammt an: »Ich bin das.« Sie habe stets jeden Kontakt mit Medien abgelehnt, sagt sie. Kurz darauf fügt sie mitleidig hinzu: »Aber wenn Sie extra so weit gefahren sind. Wir können nach meiner Schicht reden.«

Sie erscheint tatsächlich im Café. So peinlich es ihr ist, überprüft sie zunächst meine Ausweise. Ihr Gesicht ist voller kleiner Regungen, ohne Panzerung. Als er schon Sniper war, sei Dejan noch ein letztes Mal nach Hause gekommen, »wir ließen uns einvernehmlich scheiden. Mit unserem 17-jährigen Sohn kommuniziert er.« Sie stammt aus Nordwestbosnien, hält noch Kontakt zu muslimischen Jugendfreundinnen, »die Ukraine erinnert mich an das Zerschlagen Jugoslawiens.« - »Wer zerschlägt das?« Sie schweigt.

Plötzlich tut sich eine Leerstelle auf. Dejan habe nie prorussische Reden gehalten, sagt sie, »er war sogar Mitglied der Demokratischen Partei«, einer entschieden prowestlichen Business-Partei. Dejan habe im Kosovo-Krieg gedient, habe aber nie davon erzählt. Beim Angeln hätten sich Kumpels über ihn lustig gemacht: »Er warf jeden Fisch zurück ins Wasser, er konnte nicht einmal einen Fisch töten. Er ist ein guter Mann. Nein, er tut das nicht für Geld.« Dejan habe vor dem Krieg in Russland gejobbt, ein Jahr lang. Jemand muss ihn gewendet haben.

Nach der Liebe frage ich die Ex-Frau des Snipers nicht. Sie sagt: »Er kommt nicht zurück.« Ich lese in ihren Augen - sie nähme ihn wieder. Ich frage sie nur noch: »Halten Sie für richtig, was er macht?« Hundert Regungen. Dann: »Ich bin unfähig, darüber nachzudenken.«

Nach meiner Abreise verfolge ich Dekis Facebook. Neuerdings zeigt er sich dort mit einer Donezkerin. Ein Follower kommentiert: »Russische Schönheit und serbischer Held.« Bei Kriegsausbruch postete die Schönheit: »Mit mehr als 30 Jahren Verspätung möchte ich jetzt danke sagen - für meine friedliche Kindheit, für die ruhigen Nächte, und dass mein geliebtes Donezk Stadt der Rosen hieß und nicht Zone ATO.« ATO - Anti-Terror-Zone, so nennt die ukrainische Regierung das Kriegsgebiet. Deki erklärt: »Meine serbischen Verwandten sind stolz auf das, was ich in der Donezker Volksrepublik mache.«

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