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Faule Zertifikate aus Osteuropa

Studie: Gefälschte Verschmutzungsrechte verursachten mehr Emissionen

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Jahrelang sind manipulierte Zertifikate in Russland und der Ukraine in den EU-Emissionshandel geflossen - das zumindest vermutet eine Untersuchung.

Der Handel mit eingesparten Emissionen ist erst zehn Jahre alt. Entsprechend häufig sind die Kinderkrankheiten des marktbasierten Klimaschutzes: Der CO2-Preis ist seit Jahren am Boden, es kursieren viel zu viele CO2-Gutschriften und es gibt immer wieder unlautere Geschäftspraktiken - besonders dort, wo mehr schlecht als recht kontrolliert wird. Das war laut einer neuen Studie des Stockholm Environment Institute in Russland und der Ukraine der Fall: Dort sind zahlreiche Klimaschutzprojekte manipuliert worden. Die faulen CO2-Zertifikate seien dann in die EU verkauft worden.

Die gefälschten Gutschriften wurden durch das Klimaschutzinstrument Joint Implementation (JI) generiert. JI ermöglicht den Handel mit Verschmutzungsrechten zwischen Industrieländern, die das Kyoto-Protokoll zum Klimaschutz unterzeichnet haben. Die Staaten können gemeinsame Projekte zur Emissionsreduktion auflegen, wobei die Einsparungen dem Land gutgeschrieben werden, das als Investor auftritt. Rund 90 Prozent der Zertifikate kommen dabei bisher aus Russland und der Ukraine. »Durch die fragwürdigen JI-Projekte ist der globale Treibhausgasausstoß gestiegen«, erklärt Studienautorin Anja Kollmuss vom SEI. Schuld daran seien auch die staatlichen Behörden, die die Qualität der Projekte kaum nachkontrolliert hätten.

Andere Projekte seien nicht »zusätzlich« ausgeführt worden - ein entscheidendes Kriterium für die Zulassung. »Diese Projekte - beispielsweise zur Nutzung von Begleitgasen aus der Erdölförderung in Russland - wurden schon vor langer Zeit umgesetzt, haben sich aber erst Jahre später als JI-Projekte registrieren lassen«, erläutert Kollmuss.

Ein weiterer Betrugsvorwurf ist fürs Klima eigentlich der schlimmste: Die Treibhausgase Fluoroform und Schwefelhexafluorid sind laut Studie bei verschiedenen Projekten absichtlich stark emittiert worden, um sie dann teilweise wieder zu reduzieren - mit entsprechendem Gewinn. Schwefelhexafluorid ist das stärkste bisher bekannte Treibhausgas. Seine Konzentration in der Atmosphäre hat in den letzten 20 Jahren dramatisch zugenommen - eine Tonne SF6 entspricht längerfristig tausendfach der Wirkung der gleichen Menge an CO2. Ähnliche Missbräuche hatte es bereits in der Vergangenheit bei Einsparprojekten in Entwicklungsländern gegeben.

Die Autoren kommen zu einem vernichtenden Urteil: Bis zu drei Viertel der untersuchten Zertifikate sind gefälscht. Dadurch seien Mehr- emissionen von rund 600 Millionen Tonnen CO2 entstanden. Die manipulierten Zertifikate wurden zu zwei Dritteln an das Europäische Emissionshandelssystem verkauft. »Die Studie gibt sehr gut die großen Probleme wieder, die wir mit Joint Implementation in einigen Staaten haben«, so Konrad Raeschke-Kessler, Vizechef des UN-Überwachungsgremiums für die CO2-Rechte. »Damit muss Schluss sein.« Das Gremium konnte Betrugsfälle nicht verhindern, da die UN nur einige Projekte begutachtet, die meisten werden von den Staaten selbst überwacht.

»Länder mit anspruchsvollen Klimazielen haben ein Interesse daran, dass die Zertifikate wirklich Einsparungen bringen. Doch Länder wie Russland und die Ukraine, die sehr große Zertifikatsüberschüsse haben, hatten keinen Anreiz die Qualität zu überprüfen«, erklärt Studienautorin Kollmuss, warum dieser Verschmutzungsrechtebetrug schon so lange möglich ist. Ein weiterer Grund ist aber die Korruption in der Privatwirtschaft: So hat das Prüfunternehmen Bureau Veritas Certification laut Studie die meisten der fragwürdigen Zertifikate abgenickt. So wende das Unternehmen »laxe Standards« an, die dazu führten, dass die eingesparten Emissionen »überschätzt« werden.

Die Hoffnung der Retter des Ins- truments liegen nun auf einer Reform: »Mehrere Staaten in der EU haben mit soliden Regeln und Projekten gute Vorarbeit geleistet«, so Raeschke-Kessler. Man hoffe, dass mit einem neuen Klimaabkommen auch der JI-Mechanismus nach diesen Best-Practice-Beispielen reformiert wird.

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