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Blick von außen auf die eigene Kultur

Claude Lévi-Strauss: »Wir sind alle Kannibalen« - Essays, die erstmals auf Deutsch erscheinen

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In der Zeitung »France Soir« war am 25. Dezember 1951 folgendes zu lesen: »Gestern Nachmittag wurde auf dem Gitter der Kathedrale von Dijon der Weihnachtsmann aufgehängt und auf dem Vorplatz öffentlich verbrannt. Diese spektakuläre Hinrichtung fand im Beisein einiger hundert Hortkinder statt.« In einem Kommuniqué der Katholischen Kirche, das »France Soir« ebenfalls abdruckte, hieß es: »Der Weihnachtsmann wurde geopfert und den Flammen übergeben ..., die Lüge vermag im Kinde kein religiöses Gefühl zu wecken ... Für uns Christen muss Weihnachten das Fest der Geburt des Erlösers bleiben.«

»Der gemarterte Weihnachtsmann« ist der älteste Text in Claude Lévy-Strauss’ Essaysammlung »Wir sind alle Kannibalen«. Alle anderen hat der 2009 gestorbene französische Ethnologe zwischen 1989 und 2000 für die italienische Tageszeitung »La Republica« geschrieben. Aber schon dieser frühe Aufsatz zeigt, worum es ihm sein Leben lang ging: Um das Verständnis für die von uns »zu unrecht als primitiv bezeichneten Kulturen«. Immer wieder hat er dafür das »wilde Denken« in unserer eigenen Lebensweise aufgespürt. Oft sind es Selbstverständlichkeiten, in denen er das Fremde im Eigenen entdeckt. Schmuck beispielsweise ist fast so alt wie die Menschheit. Gold, Silber und Edelsteine gehören zu den langlebigsten Materialien, die es gibt. »Wenn unsere Frauen Ringe an ihren Ohren befestigen«, heißt es in »Die Juwelen des Ethnologen«, »wissen sie noch vage - und wir, die wir sie betrachten -, dass es hier darum geht, den vergänglichen Körper mittels unvergänglicher Substanzen zu festigen. Zwischen dem Leben und dem Tod sorgen die Juwelen, die die weichen Teile in harte Teile umwandeln, für eine Vermittlung.« Wenn es dann in der Werbung für Schmuck heißt, er sei »schön, ewig, strahlend, schillernd, universell, warm, reich einzigartig«, meint Lévy-Strauss, drücken es »die Mythen der Indianer an der Pazifikküste ... nicht anders aus«.

Im Grunde ist die Lektüre von »Wir sind alle Kannibalen« eine Übung im Blick von außen. Sie zeigt, dass es wenig Anlass gibt, unsere westliche Kultur für das Bessere zu halten. Gleichzeitig ist sie aber auch nicht schlechter als andere Kulturen, wie Claude Lévy-Strauss betont. Wenn er allerdings feststellt, dass die Indianer Amerikas gedanklich mit der Ankunft der Weißen rechneten und sie ohne Probleme in ihr Weltbild integrieren konnten, während sich das Denken und Verhalten der weißen Eroberer »durch Gleichgültigkeit gegenüber den Menschen und den Dingen, durch willentliche Blindheit vor zu viel Neuem« auszeichnete, dann gibt das gerade heute zu denken. Nur das heute das Neue, die Fremden, nicht mehr erobert werden, sondern als Flüchtlinge zu uns kommen.

Claude Lévi-Strauss: Wir sind alle Kannibalen. Aus dem Französischen von Eva Moldenhauer. Suhrkamp. 252 S., geb., 26,95 €.

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