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Mondsüchtigkeit und Himmelssehnsucht

Peter Schütt bündelte Gedichte aus 50 Jahren

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Den großen Unbekannten, den großen Unerkannten« nannte ihn kürzlich eine NDR-Redakteurin in einem Autorengespräch. Als streitbarer Kommunist und später als bekennender Muslim hatte Peter Schütt es nicht leicht, sich im Literaturbetrieb dieses Landes einen Namen zu machen. Anders damals in der DDR, besonders im Norden. Dort ist er zumindest den Älteren in guter Erinnerung geblieben.

Seine »Muttermilchpumpe«, die von Peter Schneider dramatisierte Reportage aus dem anderen Amerika, wurde am Rostocker Volkstheater in den Jahren vor der Wende mehr als hundert Mal aufgeführt. Seine im Tribüne-Verlag erschienene Sammlung von Friedens- und Umweltgedichten, »Bäume sterben aufrecht«, erreichte 1988 drei Auflagen. Jetzt hat Peter Schütt unter dem treffendem Titel »Peterchens Mondfahrt« in einer künstlerisch gestalteten Ausgabe »100 Gedichte aus 50 Jahren« veröffentlicht, eine Lebenschronik in Versen, die einen weiten Bogen von jugendlich beschwingten Liebesgedichten bis hin zu altersmelancholischen Meditationen über Gott und die Welt spannen. In seiner chronologisch angeordneten Versfolge macht er keinen Hehl daraus, dass er die DDR einmal für das bessere Deutschland gehalten hat. In seinem »Kommunistischen Manifest«, das er bei den X. Weltfestspielen der Jugend und Studenten 1973 in Berlin vorgetragen hat, misst er die beiden deutschen Staaten nicht mit wirtschaftlichen, sondern mit moralischen Maßstäben und stellt reich und arm gegenüber. Besonders fühlt er sich mit Land und Leuten Mecklenburgs verbunden. Als die Mauer fällt, begrüßt er seinen Rostocker Freund im vertrauten Platt.

Peter Schütt wird oft mit Volker Braun verglichen. Beide sind 1939 geboren, beide sind erklärte Brecht-Schüler und haben in Zeiten der Teilung auch miteinander korrespondiert. In den Jahren des Umbruchs nach der Wende erfindet sich Peter Schütt noch einmal neu. Ohne seine linken Ideale zu verleugnen, bekennt er sich 1991 öffentlich zum Islam und wendet sich auch poetisch - ähnlich wie Goethe in seinem »Westöstlichen Diwan« - dem Morgenland zu.

Dabei gelingen ihm gänzlich neue, in der deutschen Literatur unerhörte Töne. Von seiner Wallfahrt nach Mekka bringt er eine humoristische plattdeutsche Ballade mit, in Jerusalem sucht er nach den Spuren der jüdischen, christlichen und muslimischen Propheten, in Kairo feiert er den gewaltfreien Sieg der Demonstranten über die Panzer. Aber trotz allem Überschwang, trotz aller Mond-süchtigkeit und Himmelssehnsucht behält Peter Schütt immer das Nahe- und das Nächstliegende im Blick. Er fährt kein Auto, er bewegt sich zu Fuß, mit dem Rad oder mit der U-Bahn und bewahrt dadurch eine von Liebe und Respekt geprägte Nähe zu Mensch und Tier. Er ist im Alltag zuhause. Seine Stärke ist seine Dünnhäutigkeit, seine Mitleidensfähigkeit, sein Spürsinn für die Leiden, aber auch die kleinen Freuden der Mühseligen, Beladenen.

Seinen besonders Reiz gewinnt Peter Schütts poetische Lebenschronik durch die über das ganze Buch verstreuten Bilder, Skulpturen und Objekte der eigenwilligen Künstlerin Helga Kreuzritter. Ihre Werke wollen die Gedichte nicht illustrieren, sondern ihnen auf raffiniert ironische und satirische Weise widersprechen und erzeugen dadurch eine widerspruchsgeladene Spannung, an der Altmeister Brecht sicher seine Freude gehabt hätte.

Peter Schütt: Peterchens Mondfahrt.100 Gedichte aus 50 Jahren. Mit Bildern, Skulpturen und Objekten von Helga Kreuzritter. Verlag der PashminArt Gallery Hamburg. 184 S., geb., 38 €.

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