Wie aus Nachbarn eine Familie wurde

Einmal in der Woche treffen sich alte und junge Karlshorster im Seepark zum Kaffeetrinken und Kultur genießen

Wer zur Seeparkfamilie gehört, kommt jeden Mittwoch in den kleinen Park zwischen Traberweg und Stechlinstraße. Irene Melzer initiierte 2010 das generationsübergreifende Nachbarschaftsprojekt.

Einfach loslegen und ausprobieren. So hat das die Kirchenmusikerin und Gemeindepädagogin schon Zeit ihres Lebens gemacht. Und deshalb klebte die heute 73-Jährige vor fünf Jahren selbst gedruckte Zettel an mehrere Laternenmaste in ihrem Karlshorster Kiez. Omas und Opas, Kinder, Stubenhocker, Gassigeher - kurzum alle die Lust auf ein Zusammentreffen haben - lud sie ein, mittwochnachmittags in den Seepark zu kommen. »Ich dachte, bei selbst gebackenem Kuchen und Kaffee kommt man leichter ins Gespräch und kann anschließend gemeinsam noch eine musikalische Darbietung erleben«, beschreibt Irene Melzer ihre Idee. Rund 30 Neugierige folgten ihrem ersten Aufruf und waren sich sofort einig, dass solche zwanglosen Treffen von nun an regelmäßig stattfinden sollen.

Aus diesem Wunsch ist schon lange gelebte Realität geworden. Denn jeden Mittwoch um 16 Uhr, finden die besonderen Nachmittage statt. Besonders deshalb, weil jedes Mal viele Kuchen mitgebracht werden und ganz selbstverständlich nach den gemütlichen Gesprächen verschiedene Musik gespielt wird. »Für mich bleibt es ein Rätsel, wie es meine Frau immer wieder schafft, Künstler heranzuholen«, sagt Wilfried Melzer. Aber die Seniorin winkt nur bescheiden ab. »Mir fällt es leicht, auf Menschen zuzugehen, sie anzusprechen und für etwas zu begeistern«, sagt sie. Durch ihre frühere Arbeit hat sie Kontakte zu Schulen und Musikern, kennt Chöre und Bands und holt sie alle auf die Bühne im Grünen. Laien und Profis treten auf, eine Trommelgruppe war schon dabei, ein Seniorenkabarett, Puppentheater, Kinder- und Jugendchöre. Sie selbst sei jedes Mal menschlich berührt, weil jeder Künstler auf Honorar verzichtet. Die Zuschauer und Zuhörer indes, spenden nach den gemeinschaftlich organisierten Veranstaltungen einen freiwilligen Betrag. So konnten mit dem Geld mehrere Vorhaben gegen Kinderarmut unterstützt werden. »Wir helfen dem Frauenhaus BORA, Flüchtlingskindern sowie einem Schulprojekt in Neuguinea«, sagt Melzer.

Bis zu 250 Besucher sind schon zu so manchem Seeparkfamilientreffen erschienen. Und noch nie sei eine Veranstaltung ausgefallen. Bei schlechtem Wetter oder im Winter weichen die Karlshorster allerdings auf einen großen Raum in der Seniorenwohnanlage aus. Am schönsten ist es aber draußen unter den alten Lindenbäumen. Wenn sich diese vertraute Atmosphäre einstellt, Gespräche verstummen und jeder die Aufführungen verfolgt.

Melzer erzählt die Geschichte von den alten Stühlen und Tischen, die anfangs mit einer Sackkarre zum Veranstaltungsort gebracht wurden. Mittlerweile lagert das von einer benachbarten Schule ausrangierte Mobiliar direkt unter dem Balkon der Melzers. Jeden Mittwoch ab 15 Uhr tragen Freiwillige die Sitze auf die Parkwiese. Ein technikversierter Nachbar stellt die Verstärkeranlage ein.

Dass sich inzwischen Freundschaften gebildet haben und die Seeparkfamilie, genau wie es sich Irene Melzer wünschte, aus Kindern, Eltern und Großeltern besteht, macht die Ideengeberin glücklich. »Das funktioniert aber nur, weil Woche für Woche viele Ehrenamtliche für das ganze Drum und Dran sorgen«, betont sie. Und sie hofft, dass das noch lange so bleibt. Denn ans Aufhören, will die Karlshorsterin nicht denken.

In diesen Tagen ist die Rentnerin »in jeder freien Minute« im Flüchtlingsheim an der Köpenicker Allee unterwegs. »Die Menschen dort müssen beschäftigt werden«, sagt sie. Deshalb wird sie in den nächsten Monaten aus ihrer Seeparkfamilie schöpfen: Freiwillige suchen, die interessierten Bewohnern das Stricken beibringen. Gemeinsam können dann Pullover, Socken, Schals und andere Dinge entstehen. Bislang wurden von den Karlshorstern jedes Jahr zum Nikolaus Mädchen und Jungen der Albatrosschule mit Selbstgefertigtem beschenkt. Gespannt ist Irene Melzer auf den 16. September. An diesen Tag treten wahrscheinlich zwei syrische Flüchtlinge im Seepark auf. »Einer trug eine Geige auf dem Rücken und ich habe ihn einfach angesprochen«, sagt die Rentnerin.

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