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Neue Nachbarn fürs Paradies

Wie ein kleines Dorf in Baden-Württemberg sich auf die Ankunft von Flüchtlingen vorbereitet

  • Von Celestine Hassenfratz
  • Lesedauer: 11 Min.

Es gibt einen Ort in Deutschland, an dem die Welt noch in Ordnung zu sein scheint. Versteckt zwischen Hügeln voller Obst und Gemüse liegt er an einem großen See. Wenn im Sommer die Sonne scheint kommen die Menschen hierher um Schiffe mit blähenden Segeln zu besteigen, über den See zu rudern, am Bootssteg Vanilleeis zu schlecken. Es ist schlichte Erholung die sie hier finden, die Füße im Gras, den Blick auf das Wasser. Schriftsteller und Maler zog es immer wieder an diesen Ort, selbst Hermann Hesse lebte eine Weile hier. Zeile um Zeile schrieb er in einem alten Fachwerkhaus, ein kleiner Brunnen leise plätschernd vor dem Fenster.

Die Bewohner dieses Ortes, viele sind es nicht, nur knapp 900, verbindet die tiefe Liebe zu dem schönen Fleckchen Erde auf dem sie wohnen. »Höri« heißt der Landstrich auf dem das Dorf Gaienhofen liegt. In badischem Dialekt erzählen sie sich hier voller Überzeugung, dass der Herrgott einst sagte, 'jetzt höri uf'. Die Vollendung der Schöpfung, sagen sie hier, liegt auf der Halbinsel Höri am Bodensee.

Gaienhofen scheint weit weg von den politischen Bühnen der Hauptstadt und doch haben längst die Oberhäupter der Republik, Angela Merkel und Joachim Gauck, in der dörflichen Idylle Einzug gehalten. Ein bisschen steif sehen sie aus, thronen gerahmt über dem Schreibtisch des Bürgermeisters als wachten sie darüber, was Uwe Eisch hier im Süden Deutschlands entscheide. Eisch ist bereits zum dritten Mal Bürgermeister, beim letzten Mal hat ihn das Dorf mit fast 70 Prozent der Stimmen wiedergewählt.

Eisch weiß, dass die Politik nicht vor den Feldern seines Dorfes Halt macht. Vielleicht hat er die beiden Spitzenpolitiker deshalb über seinem Schreibtisch hängen. Als Mahnung, dass Gaienhofen im Grunde eine Gemeinde wie jeder andere auch ist, die verwaltet werden muss und Aufgaben und Pflichten zu erfüllen hat. Dass Idylle alleine noch keine heile Welt schafft. Uwe Eisch weiß, dass weltweit momentan fast 60 Millionen Menschen auf der Flucht sind. Auch, dass diese Menschen Schutz suchen und dass es die Aufgabe der Landkreise ist, die Schutzsuchenden nach einem bestimmten Schlüssel auf die Gemeinden aufzuteilen, auch auf Gaienhofen.

»Sich der Aufgabe stellen«

Im Mai 2015 klingelte das Telefon des Bürgermeisters. Am Apparat war der Landrat von Konstanz. Es stehe nun fest, 100 Flüchtlinge werde das Dorf aufnehmen müssen. Woher die Menschen kommen werden sei noch nicht klar, Anfang September zögen sie ein. Eisch wusste was nun zu tun ist. Bereits in der Neujahrsansprache hatte er seine Gemeinde darauf vorbereitet, dass auch Gaienhofen die Quote des Landkreises erfüllen müssen wird, »sich der Aufgabe stellen muss«.

Für den 8. Juni organisierte der Bürgermeister rasch eine Versammlung der Gemeinde. In der Höri-Halle, der Sporthalle des Dorfes, rückten an diesem Abend 500 Leute auf Turnbänken zusammen. Das Landratsamt schickte Vertreter, die Diakonie und die Caritas waren da um von anderen Unterkünften im Bodenseekreis zu berichten. Sicher, ein paar wenige besorgte Fragen, wie es denn mit der Versorgung der Flüchtlinge vorgesehen sei habe es gegeben, und überhaupt, 100 Menschen seien ja auch recht viele für so ein kleines Dorf. Die Stimmung aber blieb positiv an diesem Abend, die Menschen neugierig. Es schien als freute sich das Dorf auf die neue Aufgabe.

Uwe Eisch sitzt an dem runden Besprechungstisch in seinem Bürgermeisterzimmer. Draußen hängen Geranien von den Fenstern, drinnen erzählt eine weiße Baumwolltischdecke mit Spitze von dörflicher Gemütlichkeit. Eisch trägt eine randlose Brille, die grauen Haare an den Spitzen zur Seite gegeelt, das Hemd kariert. Draußen riecht es nach frisch gemähtem Gras und Sommer. Sicher sei er nervös, sagt Uwe Eisch, faltet die Hände, fast wie Merkel in Berlin, und schiebt in einem Nebensatz hinterher, dass er sich jetzt aber richtig freue, trotz der Nervosität. Eisch will es wissen, der Ehrgeiz hat ihn gepackt. Schlagzeilen wie aus Freital oder Heidenau, marschierende Bürger, angezündete Heime, in Gaienhofen, so ist er sich sicher, wird das nicht passieren.

Ob aus Syrien oder Stuttgart, fremd is man in Baden eh schnell

Im Ort gab es über 100 Jahre lang ein Internat. Junge Halbstarke die lärmend durch das Dorf rennen sei man gewohnt. In die alten Jungswohnhäuser des Internats werden die Flüchtlinge einziehen, der Landkreis hat die Räumlichkeiten für die nächsten zehn Jahre von der evangelischen Landeskirche Baden angemietet. Als fremd gilt hier im Badischen bereits wer aus dem benachbarten Schwaben stammt. Ob der Fremde nun ein Stuttgarter oder ein Syrer ist, was spielt das für eine Rolle, wenn jemand Hilfe braucht, sagt Eisch. Und bereits in den neunziger Jahren hat die Gemeinde etwa 60 Bürgerkriegsflüchtlinge aus dem ehemaligen Jugoslawien aufgenommen. Einige Familien seien bis heute in Gaienhofen, die Kinder sprächen inzwischen den urbadischen Höri-Dialekt. »So stelle ich mir Integration vor«, erläutert Herr Eisch. So wie damals, so kann es jetzt wieder werden mit den neuen Nachbarn, da ist man sich sicher in Gaienhofen.

Gerade mal einen Bäcker, eine Kneipe, eine Pizzeria, eine Apotheke und seit wenigen Jahren einen kleinen Lebensmittelmarkt gibt es in dem Ort. Früher gab es einen Drogeriemarkt, vor einigen Jahren hat dieser zugemacht. In den Verkaufsräumen werden zur Zeit Kinder des örtlichen Gymnasiums unterrichtet. Der Platz ist knapp in Gaienhofen. Auf die Schule gehen fast 750 Schüler.

600 Meter vom Rathaus entfernt, die Dorfstraße hinunter, sitzt Dieter Toder in seinem Büro. Er leitet das örtliche Gymnasium, die Schule ist in den letzten Jahren um einige hundert Schüler angewachsen, ist zusätzlich Wirtschaftsgymnasium und Realschule geworden. Aus seinem Büro schaut Herr Toder normalerweise auf den Bodensee, gerade ist sein Blick durch einen Bauzaun versperrt. Eine größere Turnhalle und ein neuer Oberstufencampus entstehen, das alte Schloss, eines der ehemaligen Internatsgebäude, wird zum Lehrerzimmer umgebaut.

Diakonischen Grundgedanken praktisch leben

Sicher habe er sich Gedanken gemacht, als er erfahren habe, dass Flüchtlinge nach Gaienhofen kommen, erzählt der Schulleiter. Was bedeutet das, wenn 100 Menschen mehr plötzlich in dem kleinen Ort leben. Wird der Platz für alle zu knapp sein? Er ist es ja jetzt schon manchmal. Wird es Ärger geben in der großen Pause, wenn die zu einem Großteil wohlhabenden Jugendlichen der Schule auf Menschen treffen, die mit nichts außer Mut ihr Zuhause verlassen haben und nun plötzlich hier in diesem kleinen Dorf gelandet sind. Werden Sprache, soziale Codes die selben sein? Die Ängste, es sind recht praktische. Da geht es um die Schwimmfähigkeit der Flüchtlinge, die Einhaltung der Nachtruhe, Fragen des Zusammenlebens, die man sich besser im Vorhinein schon stellt, meint Dieter Toder. In den Fächern Wirtschaft und Verantwortung, Gemeinschaftskunde, sogar in Französisch habe man die Schüler bereits auf die Flüchtlingsthematik vorbereitet. Und auch hier an der Schule will man helfen, dass alle im Ort gut miteinander leben können. Schüler haben die Gruppe »Reli direkt« gegründet, hier soll der diakonische Grundgedanke der evangelischen Schule ganz praktisch gelebt werden. Hausaufgabenhilfe, Deutschkurse, gemeinsames Spielen, miteinander in Kontakt kommen und sich kennenlernen. 30 Schüler haben fest zugesagt sich im Ehrenamt zu engagieren. Auch der Schulleiter selbst hat bereits das alte Kinderfahrrad seines Sohnes herausgeputzt, vielleicht, so sagt er, kann es eines der Flüchtlingskinder gut gebrauchen.

Auch die Gemeinde hat einen Helferkreis gegründet nach der Info-Veranstaltung am 8. Juni. Zwei Wochen später sollte das erste Treffen stattfinden: »Wir dachten es kommen vielleicht zehn, fünfzehn Leute zum zweiten Treffen«, erzählt Bärbel Wagner von der Diakonie in Singen. Sie ist im ganzen Bodenseekreis unterwegs um Gemeinden dabei zu unterstützen, Helferkreise zu gründen, Anwohner zu informieren, in Garagen Kinderfahrräder, Pullover, Schuhe zu stapeln, von einem Ort zum nächsten zu düsen. Erst kürzlich, erzählt Frau Wagner, konnte sie einer Familie bei einer Familienzusammenführung helfen, die Bilder der Vereinten zeigt sie stolz auf ihrer kleinen Digitalkamera. 100 Menschen waren es, die zur Gründungsveranstaltung des Helferkreises kamen. Die große Hilfsbereitschaft des Dorfes hatte sich am Ende des Abends in acht Unterhilfskreise organisiert. »Fast hätten wir einen Doppelhelferkreis bilden können«, scherzt Uwe Eisch, den Stolz auf seine Bürger in der Stimme unverborgen. »So ein Engagement habe ich selten erlebt«, erzählt Bärbel Wagner. Die Mitmenschlichkeit, sie scheint in Gaienhofen konserviert worden und den Menschen hier ein leichtes zu sein.

Eine alte Scheune neben Hermann-Hesses altem Haus. Der Schriftsteller lebte einige Jahre in Gaienhofen.
Eine alte Scheune neben Hermann-Hesses altem Haus. Der Schriftsteller lebte einige Jahre in Gaienhofen.

Der Hass kommt ins Dorf

Bis eines Abends die Wütenden, die Rassisten nach Gaienhofen kamen. Gift in die Idylle spritzten. Der Bürgermeister saß gerade mit seiner Frau beim Italiener zum Abendessen als er auf vier Jugendliche aufmerksam wurde. An den Nachbartischen verteilten die jungen Leute Flyer. Uwe Eisch stellte die Gruppe zur Rede. Drei Männer, eine Frau. 18 Jahre lang war Eisch bei der Bundeswehr gewesen. Diese Halbstarken machten ihm keine Angst. Die Personalien wollte er, patzige Antworten und höhnisches Gelächter lieferte ihm die Gruppe. Hingehen, wo sie hergekommen seien, und zwar schleunigst, sollen sie, versuchte der Bürgermeister sie des Dorfes zu verweisen. Als alles nichts half, Beschimpfungen mehr, und die Geduld des Bürgermeisters weniger wurde, rief er die Polizei. Die positive Stimmung im Ort, jetzt, so kurz bevor die Flüchtlinge einziehen sollten, wollte er sich von niemandem kaputt machen lassen.

Da Gaienhofen keine Polizeistelle hat, nur eine kleine Zweigstelle die am Wochenende nicht besetzt ist, dauerte es dreißig Minuten bis die Ordnungshüter aus Radolfzell angefahren kamen um den Vorfall aufzunehmen. Die vier Nazis mit ihren Flyern voller Lügen über Flüchtlinge waren da längst wieder verschwunden. »Im Keim muss man das ersticken«, regt Bärbel Wagner sich auf. Gerade in kleinen Orten wie Gaienhofen sei es wichtig, dass die Stimmung nicht kippe, die Menschen sich nicht von rassistischen Parolen beeinflussen lassen. Gekippt ist in Gaienhofen nichts. Die Hilfsbereitschaft unter den Menschen ist so groß, dass erst einmal ein Sammelstopp verhängt wurde für Hilfsgüter. Erst wenn die Menschen angekommen sind will man sehen, was eigentlich wirklich benötigt wird.

Warum die Stimmung gerade in Gaienhofen so einzigartig ist, kann Frau Wagner nicht erklären. Sie ist selbst zugezogen, wohnt ein paar Ortschaften weiter. Dass es die dörfliche Struktur mit nach wie vor starkem kirchlichen Bezug sein kann, die die Hilfsbereitschaft befördert, ist möglich, mutmaßt Wagner. Bürgermeister Eisch meint, dass es eine große Solidarität unter den Bürgern gebe. Auch leben viele Zugezogene im Dorf, neben Künstlern, Wohlhabenden, Lehrern, Landwirten. Die Sozialstruktur ist durchmischt. Schulleiter Dieter Toder gibt ein tiefes, gemütliches Lachen von sich, während er über die Frage nachdenkt, ob die Welt hier in Gaienhofen einfach noch ein Stück mehr in Ordnung sei als sonstwo in Deutschland. Sicher, auf dem Dorf drehten sich die Uhren langsamer, alte Werte, die in den Städten vermeintlichen Freiheiten der Moderne zum Opfer gefallen seien, bestünden fort. Außerdem gäbe es ein großes Vereinswesen im Ort, die Menschen sind miteinander vernetzt, man kennt sich, man hilft sich. So will man es nun eben auch mit den neuen Nachbarn machen.

Ohne Angst

Damit es klappt, mit den neuen und den alten Bewohnern, hat der Bürgermeister bereits alle Hebel umgelegt. Dem örtlichen Supermatktbesitzer hat er die Aufgabe zugewiesen sich um die angemessene Lebensmittelauswahl für Menschen aus arabischen Kulturkreisen zu kümmern. Die Werkrealschule des Ortes richtet Willkommensklassen ein, die Dachböden und Keller der Dorfbewohner werden zum Spendenfundus. Die Sportgruppen des Dorfes haben schon versprochen die Flüchtlinge zum Training abzuholen. Der Helferkreis hat damit begonnen ein riesiges Willkommensfest zu organisieren. Mit den letzten übrig gebliebenen besorgten Nachbarn hat der Bürgermeister sich zum Café getroffen und selbst versucht die letzten Zweifel auszuräumen.

Die Flüchtlinge sollen sich wohlfühlen in ihrem neuen Zuhause. Auch wenn es nur auf Zeit ist. In Gaienhofen entsteht eine Gemeinschaftsunterkunft. Fast fände er es sein bisschen schade, dass die ganzen Integrationsbemühungen für »ihre Flüchtlinge« ein bisschen ins Leere laufen, überlegt Herr Eisch. Nach ein paar Monaten werden die neuen Nachbarn in eine Anschlussunterbringung vermittelt werden und den Ort wieder verlassen.

Zweifel, Ängste, dass es schief gehen kann hat Uwe Eisch nicht. Fast herausfordernd lädt der Bürgermeister dazu ein, Gaienhofen in ein paar Monaten wieder zu besuchen. Um zu sehen, dass es klappen kann mit dem Zusammenleben, wenn nur alle gemeinsam an einem Strang ziehen. Es scheint fast als gäbe es ihn tatsächlich, diesen Ort in Deutschland, an dem die Welt selbst dann noch in Ordnung ist, wenn sie sich ein klein wenig verändert.

Ein Anruf am 2.9 in Gaienhofen bringt ein aktuelles Stimmungsbild ein: Herr Eisch ist am Telefon, er erzählt, dass die ersten beiden Familien eingezogen sind, auch vier junge Männer sind gekommen. Die Familien haben bereits damit begonnen rund um das Haus die Gärten und Beete zu richten, sogar der Deutschkurs ist schon angelaufen. Die Stimmung in Gaienhofen, sie ist nach wie vor gut.

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