Hetze in Sicht?

Robert D. Meyer über eine Studie zu rassistischen Kommentaren im Netz

  • Von Robert D. Meyer
  • Lesedauer: 2 Min.

Mit einer erstaunlichen Erkenntnis zur Debattenkultur im Internet überraschte das Beratungsunternehmen Munich Digital Institute die Netzgemeinde: Rassismus und andere Hasstiraden in der Diskussion um die Flüchtlinge? Alles weniger dramatisch als befürchtet, die Debatte liefe überwiegend sachlich ab. Untersucht haben die Meinungsforscher seit Dezember 2014 alle Facebook-Kommentare unter den Seiten von »Bild«, »Welt«, »Süddeutsche Zeitung«, »Die Zeit«, »FAZ« und der ARD-Tagesschau sowie deren redaktionelles Angebot. Ergebnis: 51 Prozent der Äußerungen seien eindeutig pro Flüchtlinge zu werten, lediglich eine Minderheit von vier Prozent äußerte sich klar negativ, während die verbleibenden Kommentatoren sowohl Pro- als auch Gegenargumente äußerten.

»Klar positive Äußerungen nehmen im Social Web immer dann signifikant zu, wenn Kampagnen zur Unterstützung auffordern«, stellten die Forscher fest. Dieser Trend verstärke sich, sobald Prominente Stellung beziehen. So habe der Kommentar der Journalistin Anja Reschke in der Tagesschau eine überdurchschnittlich positive Resonanz erfahren. Eine aggressive Tonalität löste dagegen das Video »Das wird man wohl noch sagen dürfen mundaufmachen« auf der Facebook-Seite der beiden TV-Moderatoren »Joko & Klaas« aus. Die Forscher schlussfolgerten: Wer seine Zuschauer beschimpft, provoziere seinerseits »vulgäre Diskussionen«.

Heißt es also: Alles friedlich im Netz? Zumindest eine Schwäche der Studie benennen die Forscher gleich selbst. Nicht analysiert wurden jene Kommentare, die von den Medien gelöscht wurden. Nun dürfte genau in diesen Äußerungen jene rassistischen Abgründe lauern, die es den vorgelegten Zahlen nach nicht gibt. Was bei Süddeutsche und Co. an menschenverachtenden Kommentaren tatsächlich eingeht, erfahren wir nicht, sondern im Grunde lediglich nur, ob die jeweils für die sozialen Medien zuständigen Redakteuren ihren Arbeit machen.

Es wäre fatal, aus der der Untersuchung das Fehlurteil zu ziehen, Rassismus im Netz sei ein deutlich geringeres Problem als befürchtet. Spätestens mit dem Aufkommen von Pegida, deren Facebook-Präsenz 156 000 »Gefällt mir« zählt, haben nicht nur chronische Trolle erkannt, dass die von ihnen verbreitete Menschenfeindlichkeit besonders dort auf Zustimmung stößt, wo sich weder ein verantwortlicher Redakteur noch die Zivilgesellschaft tummelt. Genau das suchen (nicht nur) Rassisten: Bestätigung für ihr Weltbild.

Seit Jahren florieren innerhalb des Internets digitale Parallelwelten, eine Universum zwischen »Politically Incorrect« »Kopp-Nachrichten« und den ungezählten Plattformen selbst erklärter »kritischer Bürger«. Letztlich bestärkt Facebook diese Entwicklung. Der Logarithmus des sozialen Netzwerkes filtert jene Inhalte oder Neuigkeiten heraus, die aufgrund des Profils des Nutzers für diesen nicht relevant sind. Die Hetze im Netz findet weiter statt.

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