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Geplante Unterkunft in Ex-Lungenklinik Heckeshorn soll 500 Flüchtlingen Platz bieten

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Am Großen Wannsee geht es an diesem Wochenendtag beschaulich zu. In der Segelschule »Große Freiheit« direkt am Ufer wird das Sommerfest begangen. Um die Ecke steigt eine englisch sprechende Gruppe aus einem Bus, um das »Haus der Wannseekonferenz« zu besuchen, wo die Nationalsozialisten einst den Völkermord an den europäischen Juden planten. Ganz in der Nähe der betuchten Villengegend liegt die ehemalige Lungenklinik »Heckeshorn«, sie entstand nach dem Zweiten Weltkrieg auf dem Gelände der »Reichsluftschutzschule« Hermann Görings. In der ehemaligen Klinik, die nach ihrer Schließung ein beliebter Drehort für Krankenhausfernsehserien war, soll eine große Flüchtlingsunterkunft für 500 Flüchtlinge entstehen - die erste kleine Gruppe von bis zu 60 Asylsuchenden ist bereits vorletzten Montag eingezogen.

»Die Umbauarbeiten haben da begonnen, Heckeshorn ist ein ausgewählter Standort, da wird ein Flüchtlingsheim entstehen«, sagt die Sprecherin von Sozialsenator Mario Czaja (CDU) dem »neuen deutschland«. Wann die Arbeiten abgeschlossen sein werden, kann man noch nicht sagen. Vom Fortschritt der Arbeiten machten sich Czaja und der Bezirksbürgermeister von Steglitz-Zehlendorf, Norbert Kopp (CDU), laut Bezirksamt jüngst selbst ein Bild von der Baustelle. Hinter den Kulissen, so ist zu hören, waren sich die beiden CDU-Politiker bei der Einrichtung dieses Standortes allerdings in der Vergangenheit nicht so einig. Auch mit Blick auf den Wahlkampf und die Stammwähler in der Filetlage soll die örtliche CDU das Projekt gebremst haben. Für eine Nachfrage war der Bezirksamtschef am Freitag zunächst nicht zu erreichen.

Das Beispiel Heckeshorn wirft die grundsätzliche Frage auf, hätten Senat und Bezirke nicht viel frühzeitiger auf den Zuzug der Asylsuchenden reagieren müssen? Und wären Zeltstädte wie die in der Schmidt-Knobelsdorf-Kaserne in Spandau nicht zu verhindern gewesen? Unterbringungsstandards seien nicht mehr die Frage, sondern Dach über dem Kopf oder Obdachlosigkeit, hatte Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) in dieser Woche sinngemäß erklärt. In der »Berliner Morgenpost« sagte Müller, dass die Hauptstadt nach seiner Auffassung noch mehr Flüchtlinge unterbringen könne. »Den Punkt, an dem es nicht mehr gehe, sehe ich noch lange nicht«, sagte Müller dem Blatt.

In Heckeshorn hätten aus Sicht des lokalen »Willkommensbündnisses für Flüchtlinge in Steglitz-Zehlendorf« schon lange Flüchtlinge in das Bettenhaus der ehemaligen Klinik einziehen können. »Mein Sohn hat bereits vor einem halben Jahr Spielzeug gesammelt«, sagt der Initiator des Bündnisses, Günther Schulze. Die Unterkunft sei »ein Politikum«, bei dem man den Eindruck haben kann, dass es »verzögert wird«. »Die Politik hinkt hinterher«, sagt Schulze. Und: »Es gibt genug Menschen, die obdachlos sind, da kann man parteipolitische Präferenzen nicht in den Vordergrund stellen.«

Eine ganz andere Dynamik zeigt sich unterdessen bei den Bürgern: Weil das ehrenamtliche Engagement auch in Steglitz-Zehlendorf derart überwältigend ist, ist das Bündnis an einem Punkt angelangt, wo es kaum noch hinterher kommt. 200 Flüchtlinge bekommen durch die Ehrenamtlichen, die keinen Cent für ihre Arbeit sehen, Deutschunterricht. Das Spendenaufkommen ist so überwältigend, so dass es keine Lagermöglichkeiten mehr gibt. Auch vor Ort auf dem Gelände der ehemaligen Klinik bereiten sich kirchliche Organisationen auf die Menschen vor, die dort bald einziehen sollen.

Neben Heckeshorn kennt der flüchtlingspolitische Sprecher der Piratenfraktion, Fabio Reinhardt, weitere Beispiele für wohl verschleppte Unterbringungsmöglichkeiten. »Mir fallen allein in Friedrichshain-Kreuzberg drei Gebäude ein, die der Bezirk dem Senat angeboten hatte, und von denen es dann hieß, ein Umbau würde zu lange Zeit in Anspruch nehmen«, sagt Reinhardt.

Dass weder das Land Berlin noch die Bezirke ein Leestandskataster haben, erweist sich in der gegenwärtigen Lage als großes Problem. Hinzu kommt, dass der Senat alte Verordnungen zur Notstandsversorgung aus den Achtziger Jahre zu den »Läusepensionen« nicht nutzt und auch die Bezirke die Notstandsklauseln von Wohnungen nicht in Anspruch nehmen, die in den Verträgen für einst an die Wohnungsbaugesellschaften überschriebene Wohnungen stehen. Berlin könnte also mehr als Zeltstädte. Die Bürger machen es der Politik mit ihrem Engagement vor.

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