Von Bullerbü nach Lönneberga

Bei Pippi Langstrumpf, die 70 wird, und bei Michel im Astrid-Lindgren-Land. Von Stephan Brünjes

  • Von Stephan Brünjes
  • Lesedauer: 6 Min.

Von der Bettkante über einen Hocker auf den kaum handbreiten Kaminsims klettern. Festklammern, nur nicht abrutschen! Dann rüber auf die Kommode springen, von dort mit Zwischenlandung im Sofa weiter über den Ankleidetisch zurück ins Bett. »Nicht den Boden berühren!« heißt dieses Spiel. »Astrid Lindgren hat’s mit ihrem ein Jahr älteren Bruder Gunnar gespielt«, erzählt Anna Apenskog, »hier im Schlafzimmer ihres Elternhauses.« Blümchentapete, Tütenlampen, Wanduhr, Flickenteppich - dieser düstere, vielleicht 15 Quadratmeter kleine Raum sieht nicht gerade aus wie eine Indoor-Tobehalle. War er aber für Astrid. »1907 geboren, hatte sie enorm tolerante Eltern, die ihren Kindern ungewöhnliche Freiheiten ließen«, schwärmt Anna, während sie ihre Besuchergruppe durch das rot-weiße Holzhaus führt, das Astrid Lindgren Ende der 80er Jahre so weit wie möglich in den Zustand ihrer Kindheit zurückversetzte - die Zeit als sie schon mal auf dem Dach herumkletterte und in der fast hohlen Ulme.

Von diesem »Limonadenbaum«, dem »Nicht den Boden berühren«-Spiel und waghalsigen Balanceakten in zehn Meter Höhe erfährt die ganze Welt gut 30 Jahre später in »Pippi Langstrumpf«, Astrid Lindgrens am 13. September 1945 erschienener Geschichte, geschrieben für Tochter Karin. Sie erfand auch den Namen für dieses starke, freche, selbstbewusste waghalsige Mädchen, wohnhaft mit Affe und Pferd im gelben Holzhaus. »Das Vorbild dieser Villa Kunterbunt steht da drüben«, sagt Anna und zeigt durchs Fenster: »Astrids zweites Elternhaus, erbaut vom Vater, als das rote Haus zu klein wurde.« Angenehm unaufgeregt, kenntnisreich und anekdotisch erzählt die 35-Jährige aus dem Familienleben der berühmten Autorin in ihrem Geburtsort Vimmerby, gut drei Autostunden südlich von Stockholm.

In dem heute 9000 Einwohner zählenden Ort schlendern Besucher nahtlos von einer Lindgren-Geschichte in die nächste: »Hauptstraße und kleine Straße, das war alles, was es gab. Und den Marktplatz natürlich«, so beschreibt die Autorin den Schauplatz von »Kalle Blomquist«. »Der heißt zwar Kleinköping, aber sie hatte Vimmerby vor Augen«, verriet Astrid Lindgrens Tochter Karin mal. Pastellfarbene, geriffelte Holzfassaden, Kopfsteinpflaster, altertümliche Laternen, so sieht’s hier bis heute aus, in der Straße Storgatan etwa. Haus Nr. 14 bewohnte Kalle, und in Nr. 40 kaufte Pippi für die Kinder des Ortes 60 Zuckerstangen, 72 Pakete Sahnebonbons und 103 Schokozigaretten. Steht so im Rundgangsstadtplan, prangt aber nirgendwo emailliert an Zaun oder Ladentür. Denn jeglicher Lindgren-Heldenkult ist verpönt in ihrer Heimat. Keine Plakate, keine Statuen. Mit einer Ausnahme auf dem Marktplatz, wo Astrid versonnen in Bronze hinter ihrer Schreibmaschine sitzt.

Kinder toben ein paar Schritte über Pippis Schiff »Hoppetosse« und durch Bullerbü-Plastikhäuser, direkt vorm ersten Hotel am Platze. Selbst in der »Astrid Lindgrens Värld«, dem Freizeitpark am Rande der Stadt, sind die Macher immun gegen jeden Disneyvirus: Weder Achter- noch Bimmelbahn, keine Burger und Pommes. Dafür schattige Picknickwiesen und sechs Bühnen, auf denen Pippi, Michel, Ronja & Co sehr nah am Original inszeniert werden.

Nach deren Drehorten im Umkreis von Vimmerby zu suchen, ist eine unterhaltsame Schnitzeljagd. Kein Bullerbü im Navi, aber Bullerbyn auf einem Straßenschild - leicht zu übersehen und verwittert zwischen allerlei anderen Ortsnamen. Das versteckte Ensemble aus den drei nebeneinander liegenden Höfen mit roten Fassaden war ab 1986 Schauplatz für Außenaufnahmen der Bullerbü-Filme und ist heute Kulisse für Gruppenfotos radelnder Familien sowie Selfies bärtiger Biker in Lederkluft. Rein in Nordhof, Mittelhof und Südhof darf keiner - Privatbesitz. Die Kinder toben sowieso lieber gegenüber im Schober durchs Heu, streicheln Hasen und drehen eine Runde auf »Snicka«, dem Pony. Bei Puddingteilchen und Zitronenlimo in Karina Svenssons Scheunencafé verabreichen manche Eltern dann den Bildungsteil: »Vorbild für den schnell rennenden, meist lauten Lasse ist Gunnar, Astrid Lindgrens großer Bruder. Und ihre Oma sorgte hier in Bullerbü stets dafür, dass große Kinder die Kirschen ganz unten am Baum für die kleinen zum Pflücken hängen lassen - so wie später der Bullerbü-Opa im Buch.«

Smaland heißt diese Gegend, in der die meisten Lindgren-Klassiker spielen. Sie dimmt Besucher vom ersten Tag an wie von Geisterhand runter in den schwedischen Gelassenheitsmodus. Tempomatgedrosselt rollt der Wagen über die Landstraße 40, vorbei an Wäldern aus Bohnenstangenfichten - unten kahl, oben mit ein paar Zweigen Marke Grünkohlstrunk dran. Dazwischen sattgrüne Wiesen mit Farnen, Löwenzahn und Lupinen, bemoosten Felsen und Blaubeerbüschen. Anhalten, pflücken, genießen und dann weiter zu Michel.

Aber nicht nach Lönneberga, das (wirklich existierende) Dorf aus den Michel-Büchern. Denn gedreht wurden die Streiche des struppig-blonden Strolchs auf Katthult. Ein Lindgren-Fantasiename, inzwischen aber als Wegweiser existent. Das rot-weiße Hofensemble der Familie Johansson war ideal für die Verfilmung des Lausbubenklassikers Anfang der 70er Jahre. Thomas Johansson, heute Hofbesitzer in vierter Generation war dabei: »Mit fünf Jahren, ich hab mich oft unterm Küchentisch versteckt, weil Anton, Michels Vater, immer so brüllte.« Zum Beispiel als er von Michel in die »Trissebude«, das Plumpsklo, gesperrt wurde. »Später«, sagt Johansson, »durfte ich Michels dressiertes Schwein spazieren führen.« Auch an die berühmte Fahnenstangenszene erinnert sich der 47-Jährige: »Michel zog seine Schwester, Klein-Ida, am Mast hoch, damit sie mal bis nach Mariannelund schauen kann. In Wirklichkeit wurde eine Puppe gehisst.« Trotzdem, viele Väter unter den täglich bis zu 700 Katthult-Besuchern stellen die Szene nach, stemmen ihre kleinen Töchter mit beiden Armen waagerecht in die Höhe. Den Tischlerschuppen (zur Strafe drin eingesperrt, schnitzte Michel hier seine Holzmännchen), Knecht Alfreds Gesindestube und das Klohäuschen - alles steht den Besuchern offen. Nur das Wohnhaus nicht, da lebt Familie Johansson bis heute. Und schaut jedes Jahr im Winter einmal alle Michel-Filme. »Als Nachhilfe - damit wir unseren Gästen nichts Falsches erzählen«, sagt Thomas Johansson augenzwinkernd.

Klein-Idas Rat, einen Blick nach Mariannelund zu werfen, ist gut. Im dortigen »Barnfilmbyn« (Kinderfilmdorf) gibt’s ein ganzes Haus voller Kulissen, Requisiten und Fotos der Michel-Filme, ein Verkleidungszimmer für Kinder, vor allem aber noch mehr Geschichten vom Dreh: »Unter der Suppenschüssel steckt gar nicht der Kopf des Michel-Darstellers Jan Ohlsson. Er war krank und wurde gedoubelt«, erzählt Sara Schwardt in bestem Deutsch bei der Museumsführung. Als Zwölfjährige schrieb sie damals an Astrid Lindgren, dass die Kinderdarsteller in ihren Verfilmungen hochnäsig und gekünstelt wirken. »Ich war neidisch, wollte selbst eine der Rollen«, sagt die Museumsführerin - noch heute ein wenig verschämt. Lindgren schrieb ihr einen energischen Brief zurück, den Sara erschrocken im Klo hinunterspülte. Ab 1971 entwickelte sich dann eine Freundschaft zwischen beiden bis zu Astrid Lindgrens Tod 2002. Mehr als 80 Briefe aus dieser Zeit hat Sara Schwardt kürzlich auch auf Deutsch als Buch veröffentlicht.

Pippi, Kalle, die Bullerbükinder oder Michel - nach einer Reise durch Smalands lieblichen Lindgren-Kosmos sinniert man schon, ob die Bestsellerautorin wohl einen Lieblingshelden hatte. »Ja, den Michel«, vermuten viele in und um Vimmerby, da steckt nicht nur am meisten von Astrids Kindheit drin, sondern auch reichlich Familiengeschichte: Michel hat angeblich viel von Astrids Vater, Michels Mutter ist ihrer eigenen Mutter nachempfunden. Michels Vater Anton wiederum ist die Kopie eines kauzigen, geizigen Verwandten, und Knecht Alfred - Michels bester Freund - ist Pelle nachempfunden, einem Knecht in Astrids Familie. Nachdem Astrid Lindgren die letzten Zeilen des letzten Michel-Buchs getippt hatte, soll die Autorin geweint haben: »Den Jungen sehe ich nun nie wieder.«

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