Denken mit geladener Pistole

Von Gelehrten, Geschäftsleuten und einem grandiosen Reinfall

Er entstammte einer wohlhabenden deutschen Kaufmannsfamilie. Eigentlich hätte er nach dem Willen seines Vaters in der Handelsmetropole London zur Welt kommen sollen. Doch seine Mutter, die als Schwangere deshalb für einige Zeit dorthin gereist war, wurde depressiv und fuhr zurück nach Deutschland, wo sie schließlich ihren Sohn gebar.

Als dieser neun Jahre alt war, schickte ihn sein Vater zu einem Geschäftsfreund nach Le Havre. Mit elf kam er zurück und sprach zur Überraschung seiner Familie perfekt Französisch. Nach dem Besuch einer Privatschule in Hamburg wäre er gern aufs Gymnasium gegangen. Aber sein Wunsch erfüllte sich nicht. So viel höhere Bildung sei nicht nötig, meinte sein Vater und riet seinem Sohn stattdessen zu einer Reise durch mehrere europäische Länder, darunter Holland, England, Frankreich, die Schweiz, Österreich und Preußen. Während dieser Zeit eignete sich der aufgeweckte Junge sieben Sprachen an, in denen er sich ein Leben lang vollendet unterhalten konnte.

Nach Hause zurückgekehrt, begann er eine Kaufmannslehre. Gedrängt dazu hatte ihn wiederum sein Vater, der jedoch wenig später vom Dachspeicher seines Hauses in den Tod stürzte. Daraufhin erbte der von uns Gesuchte ein stattliches Vermögen und war zudem erleichtert, endlich das tun zu können, worauf er Lust hatte. Er brach seine Lehre ab, besuchte das Gymnasium und zuletzt die Universität, wo er unter anderem Medizin, Philosophie und Naturwissenschaften studierte.

Mit 25 Jahren verfasste er seine Doktorarbeit und wurde an der Universität Jena in Abwesenheit promoviert. Seine Gedanken erregten bei Philosophen einiges Aufsehen, und alles deutete darauf hin, dass er einmal ein bedeutender akademischer Gelehrter werden würde. Eines indes war er bereits: ein ziemlicher Griesgram, der die Bekanntschaft von Frauen mied und ständig Angst hatte vor Krankheiten, Katastrophen und Dieben. Er schlief deshalb später stets mit einem Degen an seiner Seite. Außerdem besorgte er sich eine Pistole, die er im geladenen Zustand unter sein Kopfkissen legte.

Gern hielt er sich bei seiner Mutter in Weimar auf und lernte bei einer solchen Gelegenheit Goethe kennen, der ihm ebenfalls eine große Zukunft prophezeite. Allein die Mutter, eine heitere, gesellige Schriftstellerin, war alsbald genervt von den ewigen Nörgeleien ihres Sohnes und daher froh, wenn dieser wieder abreiste.

Nach dem endgültigen Zerwürfnis beider ließ er sich in Dresden nieder und begann dort mit der Abfassung seines philosophischen Hauptwerks. Er habe darin Gedanken entwickelt, schrieb er an seinen Verleger, wie sie noch nie in irgendeines Menschen Kopf gekommen seien. Seine Fachkollegen jedoch schenkten den beiden dicken Bänden keine Beachtung. Und auch für die Schönheit und Klarheit seiner Sprache interessierte sich zunächst kaum jemand.

Als er unerwartet in finanzielle Schwierigkeiten geriet, ging er als Dozent an die Berliner Universität. Selbstbewusst wie er war, setzte er seine Vorlesungen just zur selben Zeit an wie der berühmte Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel. Das Ergebnis: Zu Hegel strömten die Studenten in Scharen, er hingegen blieb im Hörsaal so gut wie allein. Sein Groll kannte nun keine Grenzen mehr. Er schimpfte über Gott und die Welt, vor allem aber über die Boshaftigkeit seiner Kollegen. Während er hinfort als Privatgelehrter in Frankfurt am Main lebte, wandelten sich die politischen Verhältnisse in Europa grundlegend. Damit fanden auch seine vormals missachteten Ideen mehr Aufmerksamkeit, wenngleich er den großen Triumph seiner Philosophie nicht mehr erlebte.

In seinen letzten Lebensmonaten sorgte sich der einstige Hypochonder mehr um die Zukunft seines Werkes als um seine Gesundheit. Als er an einer schweren Lungenentzündung erkrankte, sprach er ruhig: »Das ist der Tod.« Wenige Wochen darauf starb er. Er wurde 72 Jahre alt.

Wer war's?

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung