Von Hans-Dieter Schütt

Die Hausmaus als Partisan

Kunstfest Weimar: «Adolf Hitler: Mein Kampf, Band 1 & 2» von Rimini Protokoll

Alles auf Erden ist zu bessern.« Gut, dieser Satz. Das Einfache, so schwer zu machen. Vielleicht deshalb so gut. Leider ein Satz von Hitler. Oh! Schnell jetzt Abstand, Korrektur: Welch ein banaler Satz! Er steht in »Mein Kampf« - dem Buch Hitlers, das er in den 20er Jahren in Festungshaft schrieb und dessen geringstes Übel im Mulm des Banalen besteht. Rund ums Banale wuchert Barbarisches. Das Programm zur Praxis. Verboten ist die Hetzschrift (Auflage einst: 12,5 Millionen) nicht; wer sucht, findet; nur darf sie nicht verbreitet und neu gedruckt werden. Im Januar 2016 läuft das Urheberrecht des Freistaates Bayern aus - was dann? Renaissance für einen »Klassiker« der Volksverhetzung? Wie wird sich der Aufklärungsdrang mit dem Strafrecht einigen? Was überhaupt nützen Verbote (von Parteien wie von Geistesprodukten)?

Beim »Kunstfest Weimar« hatte »Adolf Hitler: Mein Kampf, Band 1 & 2« Premiere, eine Produktion von Rimini Protokoll (Konzept, Regie, Text: Helgard Haug, Daniel Wetzel, Bühne: Marc Jungreithmeier, Grit Schuster). Informationen, Plaudereien rund um den heiklen Text, sehr persönliche Erinnerungen, Recherchen. Rimini Protokoll treibt auf gewohnte Weise dem Theater das Theater aus - mit Mitteln des Theaters. Aus soziologischer Forschung, aus dem Graben in realen Erfahrungswelten, aus dem Zusammentreffen von »Experten der Wirklichkeit« wird ein Dokumentarspiel - so, wie es in allen Zeiten eine skeptische Reaktion der Kunst auf sich selbst gab, auf üppige Künstlichkeit, auf den Überdruss des Ästhetischen, auf lügnerische Bedrängungen des schönen Scheins.

Die junge Juristin Anna Gilsbach (Völkerrecht) schrieb an eine Polarstation in der Antarktis: Haben die Forscher »Mein Kampf« in ihrer Bibliothek? Sie wird später durchs strafrechtliche Gefahrenfeld jetziger und künftiger Verbreitung des Buches führen. Professorin Sybilla Flügge, ebenfalls Juristin (Frauenrecht), zeigt einen Hefter, sorglich herausgeschriebene Hitler-Zitate - als Vierzehnjährige hatte sie das Buch im Haushalt gefunden, den liebevoll gestalteten Hefter legte sie ihren Eltern 1965 unter den Weihnachtsbaum. Christian Spremberg, der blinde Musik- und Brailleschriftredakteur, der bereits bei Rimini Protokolls »Kapital« mitgewirkt hatte, liest aus mehreren dicken Volianten: Hitler in Blindenschrift. Matthias Hageböck, Buchrestaurator an der Weimarer Anna-Amalia-Bibliothek, erzählt von papierkundlichen Aspekten, er weiß, wie sich alte Bücher in Verstecken, unter Staub und Feuchtigkeit, verändern; in seinen Erzählungen erscheint die Hausmaus als knabbernder Partisan bei der Hitlervernichtung. Der dynamische deutsch-türkische Rapper Volkan T Error kippt seinen antinationalistischen Sound wie einen Aufputschcocktail über die Szene. Und wir hören Auszüge aus einer Debatte des israelischen Parlaments von 1995, ob das Buch im Lande zugelassen werden solle. Inzwischen gibt es eine Ausgabe in Hebräisch, die Hitlers Kindheit weglässt, um die Erkenntnis zu torpedieren, auch der größte Verbrecher habe eine unschuldige Kinderseele besessen.

Kunstausübung bedeutet immer auch, dass der Mensch den zynischen Bodensatz seines Wesens mit geübter Unterdrückungskultur im Zaume hält - indem er diesen Bodensatz spielerisch von der Leine lässt. Zwischen Scheu und Neugier steigen wir gern hinab ins Herz der Finsternis. Die Beschäftigung mit »Mein Kampf« nun als Signal einer gewissenlosen Sinnlichkeit des Negativen? Kitzel eines Tabubruchs? Nein, die Aufführung ist zu klug, sich diesen Bruch zu heben. Der zweistündige Abend hat eine mitunter geradezu gemächliche Unterhaltsamkeit; die Distanz zum Buch zeigt sich ohne Didaktik, der Ekel ohne Mundschaum, die Mahnung trägt keine Wächteruniform. Nur Professorin Flügge schüttelt sich manchmal offensiv. Man gibt sich gegenseitig die biografisch-thematischen Stichpunkte, keiner muss je jemanden aus der Reserve locken. Einmal wirft man sich »Mein Kampf«-Exemplare zu - so, wie man mit Stühlen »Die Reise nach Jerusalem« spielt: Wer das Buch in der Hand hat, wenn die Musik stoppt, ist als nächster dran. Das Ensemble präsentiert eine Unmenge weltweit aufgestöberter Bücher, darunter einen horrend dummen Manga-Comic - auffällig ist die Begehrlichkeit im Nahen Osten; auch in Weimar wurde eine Ausgabe in einem Militaria-Laden erworben, für knapp 120 Euro.

Rimini Protokoll liebt Regale. Da ordnen wir ein, da sammeln wir, da stellen wir aus, da verstecken wir, da stehen unsere Bücher, und zwar so, wie wir selber gern wären: nicht mit dem Rücken zur Wand. Für »Mein Kampf« wurde ein bühnenbreites Regal reaktiviert - wir blicken auf die Rückseite jener Kulisse, die vor Jahren für die Inszenierung zu Marx’ »Kapital« gebaut wurde. Die Feindbild-Bibeln, Seite und Kehrseite. Fächer, Nischen. Hitlerfähnchen. Beleuchtbare Mao-Büste, Plattenspieler-Ecke. Freiflächen für Video-Projektionen. Ganz vorn ein Fernseher: Bilder vom Eichmann-Prozess. Die Spieler sitzen, stehen manchmal in den Regalen, als wohnten sie darin: Was man zu erzählen hat, ist wie ein Auszug aus einem noch ungelesenem Buch. Leben eben: im Vergessen so aktiv wie im Bewahren, der Witz freundet sich mit der Warnung an. Rechnet man die Grundstimmung des Abends hoch (der in München, Mannheim, Graz, Zürich, Berlin zu sehen sein wird), so ist sie heiter - und souverän unentschieden, wie man mit Ungeheuerlichkeiten umgehen soll. Buch und Buchenwald, Meinungsfreiheit und Sittenzwang: immer Spannung. Wie Links und Mitte, wie Theorie und Praxis, wie Traum und Tatsächlichkeit, wie »das freie Gewissen, das sich gegen das gebundene, gar befohlene Gewissen wehrt« (Martin Walser). Und Vorsicht vor der Arroganz: Denn dumm und gefährdet sind bekanntlich nur immer die anderen.

Besagte Spannung steigt: Patriotismus und Pegida, ein Europa der Festungen oder der integrierten Flüchtlinge - wie schnell das Kampf-Vokabular, die LTI-Rhetorik, derzeit durch die Frontlinien rauscht! Aron Kraus, der israelische Rechtsanwalt, erzählt von einer Freundesfeier daheim, wo er zum Entsetzen aller die erste Strophe der deutschen Hymne sang. Er ist der zuständige Provokateur. Mit Anna Gilsbach spielt er seinen einstigen Strand-Flirt der besonderen Art nach: In Badehose (in einer Mischung aus Voyeurismus und Strafkitzel?) bat er einmal in Tel Aviv eine junge deutsche Frau, ihm aus »Mein Kampf« vorzulesen. Und das Buch rettete ihn sogar aus einer depressiven Phase; hochgerissen wurde er als müder Student von Hitlers dampfender Missionsenergie, von dieser »Aura der Erfüllung«. Das ist sie, jene gewisse Dosis an Absurdität, die aus unseren Handlungsmotiven nicht zu tilgen ist. Teuflischste, menschenwahrste Dialektik: Böses, das Gutes bewirkt - dies lehrte schon Goethes Mephisto.

Hitlers Buch ein dummes Buch? Verführer wurden nie arbeitslos. Das Geheimnisvolle, Gefährliche zwischen Macht und Masse ist nie das, was erledigt ist. Es erledigt uns, immer wieder. Daher fordert Herzensbildung, als Präventivmittel, immer auch die Bereitschaft der »Selbstvereinigung« (Thomas Mann) - und zwar mit dem Kruden. Der Wert geschichtlicher Betrachtung wächst, wo man sich selber in die Variante einschließt, verführbar zu sein fürs Grässlichste. So wie man fürs Gütigste verführbar bleibt. Sei also niemand zu gewiss, wenn über Anfechtbarkeit geredet wird. Auf welcher Seite auch immer. Volkan T Error rappte einst gegen den Deutschnationalismus - gemeinsam mit Deso Drogg, der heute bei ISIS klebt. Mein Kampf, unser Kampf. »Auf, auf zum Kampf!« wird von den Spielern angestimmt - nicht nur der Rosa Luxemburg reichte solch eine martialisch marschierende Melodie die Hand, dem Kaiser Wilhelm ebenfalls. Und Hitler. Lieder wechseln wie Menschen die Seiten und Zeiten, und so bleibt vieles beim Alten: Rituale, Uniformen, Manipulationspraktiken, um den Menschen zu vergesellschaften.

Zu den erschütternden Augenblicken gehört, als Frau Flügge einen Abschiedsbrief ihrer Schwester vorliest, vor Jahrzehnten gerichtet an die Mutter: ein Brief kurz vorm Gang der jungen Frau in den verbrecherischen Untergrund der RAF-Mörder. Noch immer leise Trauer beim Vorlesen, aber auch bleibendes Unverständnis - das lodernde, lederne Wort »revolutionär« im Brief stattet die Vorleserin mit mehreren »r« aus: Phrasen müssen rollen für den Sieg - der aus einer Vergangenheit kommt, die nie existiert hat, und in eine Zukunft führt, die nie verwirklicht wird. Am Wegesrand aber Opfer, und die größte Entrüstung der Totalitären besteht immer in der Entrüstung darüber, dass sich die Opfer entrüsten.

Anna Gilsbach erhielt Post, aus der Antarktis. »Mein Kampf« gibt’s bei den Polarforschern nicht. Im tiefsten Frost: hitlerfreie Zone. Ansonsten ist das Eis allerorten dünn. Wir tasten, fürchten, warnen. Trotzdem tanzen wir. Heißer Brei geht nie aus.

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