»Die Funai ist tot«

Indigene werfen Brasiliens Präsidentin Rousseff Missachtung ihrer Schutzbehörde vor

  • Von Norbert Suchanek, Rio de Janeiro
  • Lesedauer: 5 Min.

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Indigene der Guarani-Kaiowá müssen sich derzeit in einem Schutzgebiet wieder bewaffneter Übergriffe von Farmern erwehren. Brasiliens Präsidentin Dilma Rousseff wird wegen Passivität kritisiert.

»Die Regierung Rousseff hat die Funai abgewertet und ignoriert deren Autonomie«, kritisiert die ehemalige Funai-Präsidentin Maria Augusta Assirati. Dilma Rousseffs Politik sei Hauptgrund für die faktische Lähmung des Indigenenschutzes in Brasilien. »Nichts hängt mehr nur von der Funai ab.«

Augusta Assirati stand der Indianerschutzbehörde von 2013 bis 2014 lediglich 16 Monate vor. September 2014 legte sie ihr Amt vor allem wegen des Wasserkraftprojektes São Luiz am Rio Tapajós, das das traditionelle Territorium der Munduruku-Indianer zu überfluten droht, nieder. Statt eine Verlegung des geplanten Staudamms in Erwägung zu ziehen, hatte die Regierung die Weisung der Funai zum Schutz des Indianergebiets schlicht ignoriert.

Wirtschaftswachstum geht vor indigenen Rechten. Das scheint der rote Faden der Regierung von Dilma Rousseff zu sein. Tatsächlich hat kein brasilianischer Präsident seit Ende der Militärdiktatur 1985 so wenige Indigenengebiete anerkannt wie Dilma Rousseff. In vier Jahren ihrer ersten Amtszeit, von Januar 2011 bis August 2015 legalisierte sie lediglich 14 Indigenenterritorien. Rousseffs Vorgänger Luiz Inácio Lula da Silva (2003-2011), ebenfalls von der linksgerichteten Arbeiterpartei PT, erkannte immerhin noch 81 Stammesgebiete an und lag damit bereits weit hinter seinem Vorgänger Fernando Henrique Cardoso (1995-2003), der mit der Ausweisung von 145 Territorien in acht Jahren den Rekord hält.

Die Anträge von Funai und Ureinwohnern verstaubten schlicht auf den Schreibtischen der Regierung in Brasília, so Antenor Vaz, der von 2008 bis 2013 in der Indigenenschutzbehörde als politischer Koordinator arbeitete. Rund ein Dutzend Prozesse auf Demarkierung lägen beim Justizministeriums auf der Wartebank. 20 Indigenengebiete warten seit Jahren schlicht auf die Unterschrift des Staatsoberhauptes. Insgesamt steckten derzeit mehr als 200 Indigenenterritorien noch im komplizierten Demarkierungsprozess oder irgendwo in den Mühlen der Bürokratie, so das in São Paulo ansässige Instituto Socioambiental (ISA), das seit 1994 Brasiliens Indianerpolitik kritisch begleitet.

Auch dem seit 2005 demarkierten Indigenenterritorium Ñande Ru Marangatu der Guarani-Kaiowá in Mato Grosso do Sul hat Dilma Rousseff bislang hartnäckig die Unterschrift verweigert. Dies sei mit ein Grund für die zunehmende Gewalt in der Region zwischen Großgrundbesitzern und den Guarani-Kaiowá, kritisiert der Südamerikarepräsentant des UN-Hochkommissars für Menschenrechte Amerigo Incalcaterra anlässlich des jüngsten Opfers des Landkonflikts. Pistoleros der Großgrundbesitzerlobby attackierten am 29. August das Territorium Ñande Ru Marangatu und erschossen den Indigenenführer Simeão Vilhalva. Mit Demonstrationen in Brasília machen die Indigenen seitdem Druck auf Rousseff.

Die Regierung Rousseff kürzte zuletzt die Ausgaben für die Funai. Von 2013 auf 2014 strich sie das Budget um rund elf Prozent. Besonders bitter sind die »Einsparungen« für die noch nicht kontaktierten indigenen Völker und Gruppen in Amazonien. Im brasilianischen Amazonasgebiet seien 26 noch nicht kontaktierte Indianergruppen zweifelsfrei dokumentiert, so Carlos Travassos, Funai-Koordinator für isolierte Indianer. Doch gebe es Anzeichen für weitere 78 indigene Völker oder Gruppen, die sich in Amazonien versteckt halten beziehungsweise im Regenwald auf der Flucht vor der in immer entlegenere Regionen vordringenden Zivilisation sind.

Seit 1988 ist es Funai-Politik, diese noch isoliert lebenden Ureinwohner vor jeglichen Eindringlingen, wie Gold- und Diamantensuchern, Holzfällern, Drogenschmugglern oder auch Touristen zu schützen. Die Regierung Rousseff allerdings sieht andere Prioritäten. Im vergangenen Jahr genehmigte sie der Funai lediglich 2,77 Millionen Reais (etwa 660 000 Euro) für Aufklärung und Schutz der noch isoliert lebenden Indianergruppen, 80 Prozent weniger als die Funai beantragt hatte.

Von mindestens 30 benötigten Posten der Funai in den Grenzregionen Amazoniens, wo heute die Mehrzahl der noch nicht kontaktierten Indigenen Zuflucht suchen, sind lediglich 15 in Funktion. »Es gibt heute keinen Teil Amazoniens, der nicht in irgendeiner Form unter Druck ist«, warnt die brasilianische Anthropologin Barbara Arisi von der Universität für lateinamerikanische Integration in Foz do Iguaçu. »Ich fürchte, dass wir vor einer Dekade der Kontakte stehen«, konkretisiert der Mediziner und Spezialist für öffentliche und indigene Gesundheit Douglas Rodrigues von der staatlichen Universität in São Paulo (USP). Doch die Indigenenschutzbehörde sei aufgrund fehlender Geldmittel und Personal nicht darauf vorbereitet. »Die Funai ist tot. Aber niemand sagt es, und niemand hielt eine Beerdigung«, formuliert es überspitzt der 75-jährige Sydney Possuelo, der 43 Jahre lang für die Funai an vorderster Front gearbeitet hat und 1991 bis 1993 deren Präsident war.

In den 70er bis 80er Jahren kontaktierte und befriedete er im Auftrag der Militärregierung isoliert lebende Indianervölker, mit dem Ziel sie umzusiedeln und der nach Mato Grosso drängenden Agrarfront den Weg zu ebnen. Die im Namen von Indigenenschutz durchgeführten Annäherungen führten faktisch zum Genozid für nicht wenige Gruppen. Die Ureinwohner starben wie die Fliegen. Unwissentlich eingeschleppte Krankheiten wie Grippe, für die die Ureinwohner keine Abwehrkräfte hatten, rafften 50 bis 90 Prozent der Kontaktierten dahin, kritisiert Sydney Possuelo sich selbst und sein Team. Doch Possuelo und seine Funai-Kollegen lernten aus ihren Fehlern und setzten 1988 durch, dass isoliert lebende Ureinwohner nicht mehr kontaktiert werden dürften. Von 1987 bis 2013 kam es deshalb lediglich zu fünf Kontakten zwischen Funai und isolierten Ureinwohnern. Doch nun scheint sich der Spieß umzudrehen. Die Zufluchtsorte für Indianervölker, die nicht mit der Zivilisation leben wollen, werden Tag zu Tag weniger und kleiner, während die Bedrohungen wie Drogenschmuggler und Holzfällertrupps in den Grenzregionen oder Straßen- und Staudammbau sowie sensationsgierige Fernsehteams zunehmen. Brasiliens Regierung drohe die Fehler der Vergangenheit zu wiederholen, so der ehemalige Funai-Chef. Die als isoliert bezeichneten, aber tatsächlich vor der Zivilisation flüchtenden Ureinwohner, seien die letzten Gruppen von Menschen die wirklich frei sind, sagt Possuelo: »Aber wir werden sie töten.«

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