Jähes Ende eines Engagements

Zwei engagierte Deutsche werden ohne Angabe von Gründen aus Moskau ausgewiesen

  • Von Michael Bartsch, Dresden
  • Lesedauer: 4 Min.
Gabriele Feyler hatte vor 2001 mit ihrer Kirchen-, Jugend- und Frauenarbeit in Sachsen für Furore gesorgt. Auch in Moskau und Beslan versuchte sie Keime demokratischen und emanzipatorischen Denkens zu säen und geriet zwangsläufig mit Putins demokratischem Zentralismus in Konflikt.
»Ich habe fünf Jahre nichts anderes gemacht als am Aufbau einer Zivilgesellschaft in Russland mitgearbeitet«, sagt Gabriele Feyler bitter. Gestern startete der »Petersburger Dialog« in Dresden. Dieses 2001 von den damaligen Regierungschefs Putin und Schröder vereinbarte Projekt widmet sich dem Austausch bürgergesellschaftlicher Erfahrungen. 2001, das war auch das Jahr, in dem die engagierte sächsische Sozialarbeiterin ihrem Lebensgefährten Heiko nach Moskau folgte. Ihm war eine Stelle in der dortigen Siemens-Niederlassung angeboten worden. Doch im Mai dieses Jahres fand beider Engagement ein jähes Ende.
Routinemäßig wollte Heiko am 14. Mai von Berlin nach Moskau zurückkehren. Doch im Flughafen Scheremetjewo verweigerte man ihm die Einreise. Laut Computer sei sein Jahresvisum annulliert worden, lautet die einzige bis heute gegebene Begründung. Weder im Auswärtigen Amt noch im Russischen Konsulat war außer der stereotypen Formel, dass es um Sicherheitsinteressen des russischen Staates ginge, Näheres zu erfahren.
Erst über inoffizielle Quellen in seiner Moskauer Firma sickerte durch, die Ausweisung sei erfolgt, weil sich seine Frau »im Nordkaukasus gesellschaftspolitisch engagiert« habe. Das klingt in russischen Ohren ungefähr so wie der Vorwurf, man sei eingetragenes Mitglied des Terrornetzwerkes Al-Qaida. Vermutlich deshalb engagiert sich Siemens auch nicht weiter für seinen Mitarbeiter und hat lediglich die verwaiste Wohnung beräumen lassen.
Gabriele Feyler versuchte daraufhin gar nicht erst eine Wiedereinreise. Ihr üblicherweise jährlich verlängertes Visum galt der »mitreisenden Ehefrau«, ist also von dem ihres Partners abhängig.
Feyler weilte zu dieser Zeit gerade in Deutschland, um Jugendliche aus Beslan zur Erholung und zur Ausbildung meist in kirchlichen Einrichtungen unterzubringen, wie sie es schon oft getan hatte. Nach dem Massaker an der Beslaner Schule im Herbst 2004 hat das Paar dort die »Therapie sociale«, eine Deeskalations-Methode, praktiziert. Sie bezieht die Administration ausdrücklich ein - wodurch Gabriele Feyler ein vertrauensvolles Verhältnis zur Stadtverwaltung in Beslan entwickelt hat. Im Frühjahr 2005 berichtete das Fernsehen über Studenten aus Deutschland, die sie für zwei Wochen zur Arbeit nach Beslan geholt hatte.

Im Konflikt mit der ängstlichen Neutralität
Doch die agile Frau, die unmerkbar die Fünfzig schon knapp überschritten hat, vermutet noch weitere Ausweisungsgründe. Schon nach wenigen Monaten war man in der Moskauer Katholischen Gemeinde auf sie aufmerksam geworden. Der Bischof der bis zum Ural reichenden Diözese setzte sie als Caritasdirektorin ein. Doch mit der ängstlichen politischen Neutralität der Kirche geriet sie bald in ähnlicher Weise in Konflikt wie in Dresden, wo sie als Gästeführerin der Kathedrale 1998 bei einer Nazidemo auf dem Theaterplatz spontan die Glocken läutete und dafür gemaßregelt wurde. »Ich habe wahrscheinlich zu viele ehemalige KGB-Agenten aus der Caritas geschmissen«, sagt sie heute.
Doch das kann es nicht allein gewesen sein. Auch ihr emanzipatorisches Verständnis von Sozialarbeit kollidierte mit russischen Gewohnheiten. »Almosenvergabe schafft nur weitere Hilflosigkeit. Ich will Hilfe zur Selbsthilfe geben!« Das hieß nicht nur Streetwork in Moskau, sondern auch Kontakte in die sich zaghaft entwickelnden Salons und bürgergesellschaftlichen Kreise hinein. Ob es nun aufgeklärte Strömungen in der Russisch-Orthodoxen Kirche oder Angehörige der Opfer des Massakers im Nord-Ost-Theater waren, die endlich Aufklärung verlangen. Wer schließlich in ihrem Genossenschafts-Wohnhochhaus einmal die Deschurnaja oder den »Kommandant« erlebt hat, weiß außerdem, dass Stalin noch längst nicht tot ist.
Jetzt sitzt der Schock erst einmal bei beiden tief, von einer Lebensaufgabe abrupt abgeschnitten zu sein. »Viele haben wir liebgewonnen«, sagt Heiko, und Gabriele spricht von der Erfahrung, »Leben zu teilen«. Im gegenseitigen Geben und Nehmen und nicht als Besserwessis. Deshalb beklagen beide einerseits, dass »Demokratie offenbar nicht gewollt ist in Russland, und zwar von Zar Putin ebensowenig wie von breiten unemanzipierten Bevölkerungskreisen«. Perestroika und Turbokapitalismus hätten so viel Chaos und Verunsicherung gebracht, dass man sich nach Ordnung und starken Autoritäten sehne.

Die Eine-Frau-NGO aus dem Ausland
Ihren Hinauswurf sieht Gabriele deshalb im Zusammenhang mit der Verschärfung des Gesetzes über die Nichtregierungsorganisationen NGO vom April dieses Jahres. Und Gabriele Feyler war nach ihrem Ende bei der Moskauer Caritas 2005 so etwas wie eine Eine-Frau-NGO. Aber eben schlimmerweise eine ausländische, und die tief verwurzelte russische Ausländerfeindlichkeit spiegelt sich auch in dem neuen Gesetz.
Gabriele Feyler und Heiko werben aber zugleich um Verständnis für die restaurativen Tendenzen in Russland, deren Opfer sie geworden sind. »Wir sollten nicht so arrogant tun, als hätte Russland den Aufnahmetest in den Kreis demokratischer Staaten nicht bestanden. Hinfahren, kennenlernen, unterstützen und eigentlich gar nicht urteilen«, lautet ihre Aufforderung. Denn jenseits aller Behördenschikanen hat Gabriele auch ein »Solidargefühl erlebt, das bis auf den Grund der Seele« geht. »Das«, fügt Gabriele Feyler hinzu, »vermisse ich hier.«

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