Sportliche Stadttour

Andreas Ruby, ein »eher ängstlicher Typ«, liebt Parkour. Von René Gralla

Früher hätte er sich das niemals zugetraut. Aus fünf Metern Höhe springt Andreas Ruby von einer Stange - und landet präzise auf einem anderen langen und schmalen Eisenteil, das immer noch beachtliche 2,50 Meter Luftraum zwischen sich und dem sicheren Erdboden aufweist. Und das, obwohl der 30-jährige Münchner von Natur aus »ein eher ängstlicher Typ« ist, wie er selber sagt. Doch mittlerweile geht er Wege, die andere nicht gehen. Und er nimmt dabei Abkürzungen, die gerne ausgefallen sind, also mal eben über ein Treppengeländer balanciert oder eine Mauer erklommen.

Andreas Ruby ist nämlich ein »Traceur«, das heißt jemand, »der eine Linie zieht«. Diese wörtliche Übersetzung aus dem Französischen beschreibt recht genau den Clou jenes Freizeitsports, der unter dem Namen »Parkour« bekannt geworden ist und der ihm jedes Mal »eine unglaubliche Freude« bereitet. Beim Parkour versuchen die Aktiven, im städtischen Raum ein Strecke möglichst direkt zurückzulegen - möglichst ohne im Weg stehenden Hindernissen auszuweichen, sondern sich über sie hinwegzusetzen.

Diese auf die urbanen Steinwüsten der Moderne zugeschnittene Disziplin entstand Ende der 1980er Jahre im Pariser Vorort Lisses. Ihr Pionier ist der heute 52-jährige David Belle. Inspiriert worden war er von seinem Vater Raymond. Der 1939 geborene Belle Senior wuchs in Vietnam während des Krieges auf und hatte wie andere Gleichaltrige dort auch immer wieder effiziente Bewegungstechniken für den Überlebenskampf durchgespielt. Später halfen ihm die dabei erworbene Technik und Kondition, bei der Pariser Feuerwehr Karriere zu machen. Und bei dem fixen Papa schaute sich Sohn David wiederum die ersten Tricks ab.

Für die heutigen Fans ist dieser Hintergrund kaum von Interesse. So liebt auch Andreas Ruby am Parkour die Bewegung an sich, weil die ihn, wie er sagt, zurück zu den Wurzeln führt. Schließlich hätten unsere frühen Vorfahren ihre Tage überwiegend mit Laufen verbracht. Aggressive Fressfeinde seien den bemitleidenswerten Urahnen oft genug auf den Fersen gewesen, und Wegrennen war meist die beste Option. »Darauf waren unsere Körper ursprünglich getrimmt«, und das noch vorhandene Potenzial werde, modifiziert fürs Urbane, beim Parkour frei gesetzt. Dabei probiert Ruby nicht selten Sachen aus, von denen er dachte, »dass ich die nicht schaffe, und nun lerne ich sie doch!« Der jeweilige Schub fürs Selbstbewusstsein sei erheblich, sagt er.

Das alles sei ihm viel wichtiger als ein momentaner Richtungs- und Begriffsstreit, auf den Ruby hinweist. Ein Teil der Aktiven nennt seinen Sport gemäß der Sprachregelung ihres Erfinders konsequent »Parkour«. Ein anderer Teil spricht inzwischen von »Freerunning«. Wobei es allerdings auch einen inhaltlichen Hintergrund gibt: Das klassische Konzept aus dem Hause Belle lehnt Schnickschnack ab. Effizientes Kräftesparen bis ins Ziel, lautet die Devise, und entsprechend wählt der Traceur auf der Strecke den individuellen Weg mit seinen Schikanen aus. Dagegen ist für die Freerunner der Weg das Ziel: »Sie spielen quasi mit Hindernissen, sind kreativ und akrobatisch«, erläutert Andreas Ruby.

Ihm gefallen solche spielerischen Aspekte durchaus, meint Ruby, aber in der Praxis sieht er darin zu viel Selbstzweck. Sein Credo laute vielmehr: »Vergiss die Namen, bewege dich!« Und dem verspielten Programm der Freerunner setzt er gern das Vermächtnis des Pariser Feuerwehrmannes Raymond Belle entgegen: »Sei stark, um nützlich zu sein!« Dieser Maxime fühle sich wohl jeder Traceur verpflichtet. »Viele engagieren sich nicht zuletzt deshalb sozial und trainieren beispielsweise aktuell auch mit Flüchtlingen«, berichtet Andreas Ruby.

Und noch etwas stellt der gelernte Sportlehrer, der als Eventmanager tätig ist, in diesem Zusammenhang klar: Da Parkour zum Trend geworden sei, würden sich Firmen, die ein junges Publikum erreichen wollten - zum Beispiel die Hersteller von Energydrinks - »dranhängen und Wettbewerbe veranstalten«. Aber genau das stünde im Widerspruch zum Geist in der Szene: »Wir lehnen den Konkurrenzgedanken strikt ab.« Deshalb auch Meisterschaften. »Die würden bloß zu immer riskanteren, extremeren Stunts führen, und das wäre unverantwortlich in einem Sport, der ohnehin ein gewisses Verletzungsrisiko hat«, betont Andreas Ruby.

Und wie kriegt er das hin, ohne Blessuren auch mal eine vier Meter hohe Mauer zu überwinden, kann er etwa die Schwerkraft austricksen? Kann er nicht, aber: »Ich nutze die Anlaufgeschwindigkeit und lenke sie um, eben nach oben.« Und falls er doch ausrutscht? »Ich habe gelernt, mich abzufangen und im Notfall perfekt auf den Füßen zu landen.«

Welche Tipps gibt der Erfahrene dem Anfänger? »Nicht zu viel riskieren, sondern zuerst Präzision und Balance üben«, rät Ruby. Etwa im »Animal Walk« auf allen Vieren zuerst auf einer Bordsteinkante, später auf einer niedrigen Mauer zu gehen. »Den Sport ohne Hilfestellung von Dritten entdecken und auf deinen Körper hören, was du kannst und wo du dich sicher fühlst.«

Dann also los, die Stadt wartet. Wenigstens den »Animal Walk« sollte doch wohl auch ein bisher hoffnungsloser Fall von Stuben- und Computerhocker hinkriegen.

Weitere Infos: www.famjam.org

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