Ohrenschützer für Wale

Der Lärm beim Bau von Windparks auf See vertreibt viele Meeressäuger. Um die Grenzwerte einzuhalten, sind neue Techniken nötig. Von Dierk Jensen

Schweinswale sind beeindruckende Säugetiere. Doch ihre Bestände in Nord- und Ostsee schrumpfen. Schiffsverkehr, Meeresverschmutzung, Fischerei und bauliche Aktivitäten gefährden die kleinen Säugetiere. In der Ostsee leben nur noch wenige hundert dieser Meerestiere, die sich nicht über Sehorgane, sondern über akustische Signale im Wasser orientieren. Daher hatten Naturschützer frühzeitig Regeln eingefordert, die beim Bau von Windenergienanlagen auf den Meeren gelten sollten. Jedes Offshore-Projekt muss im Vorfeld eine umfangreiche Umweltverträglichkeitsprüfung durchlaufen, außerdem fordert das für alle Aktivitäten auf deutschen Gewässern zuständige Bundesamt für Seeschifffahrt- und Hydrographie (BSH) eine umweltverträgliche Bauphase.

Dabei spielt das Thema Lärmschutz mit Blick auf die Meeressäuger eine zentrale Rolle. Das BSH schreibt den Errichtern von Offshore-Windenergielagen Schallschutzobergrenzen vor, die beim Rammen der gewaltigen Gründungskonstruktionen für die Megawatt-Turbinen eingehalten werden müssen. Der Lärm dabei liegt aktuell mit einem Schallexpositionspegel von 160 Dezibel (dB) und einem Spitzenschalldruckpegel von 190 dB in 750 Meter Entfernung zur Emissionsstelle deutlich höher als von Naturschutzexperten gefordert. Während die Öl- und Gasindustrie bisher ohne Lärmgrenzwerte auf hoher See nach Erdöl und Gas bohren darf, muss die Offshore-Windenergie nun als erste Branche zum Schutz der Meerestiere schärfere Auflagen in deutschen Gewässern erfüllen.

Zum Vergleich: Während das lauteste Rockkonzert auf rund 130 dB kommt, wurden beim Rammen eines siebzig Meter langen Gründungsrohrs schon Werte von weit über 160 dB erreicht. Ein unglaublicher Krach, der für Schweinswale lebensgefährlich ist, weil er deren akustische Ortungssysteme zerstört. Die noch junge deutsche Offshore-Windenergiebranche suchte deshalb nach Unternehmen, die technisch in der Lage sind, die Schallemissionen drastisch zu vermindern.

Und wurde in Holland fündig. Die offshore-erfahrene Firma IHC Hydrohammer aus Kinderdijk erkannte schon zu einem frühen Zeitpunkt den kommenden Bedarf an schallmindernden Errichtungsmethoden und entwickelte neue Schallschutzkonzepte. Im Jahr 2012 wurden diese beim Offshore-Projekt Riffgat I zum ersten Mal eingesetzt. Die bis dato weltweit einmalige Technologie besteht darin, dass zuerst ein Schallschutzrohr mit großen Gummilippen an beiden Enden auf dem Meeresboden abgestellt wird, in das das eigentliche Gründungsrohr (Monopile) später hineingeführt wird. Danach pumpt man das Meerwasser aus dem Zwischenraum heraus, sodass sich am Ende nur noch Luft darin befindet. »Dadurch wird die Schallübertragung beim Rammen des Monopiles zu einem wesentlichen Teil unterbrochen«, erklärt Henk van Vessem, Leiter des Technischen Kundendienstes bei IHC Hydrohammer, das Prinzip. Das Schallschutzrohr mit seinen wasserabweisenden und salzresistenten Gummilippen - 40 Zentimeter dick, neun Meter breit und mit einem Umfang von circa 30 Metern - dämpft nicht nur den Lärm, es hilft als senkrechter Kanal auch beim passgenauen Rammen der Gründungen für die riesigen Windturbinen.

Zusätzlich zu diesem Verfahren hat man, so erklärt der Maschinenbauer weiter, ein Luftblasen-System (»Blasenschleier«) entwickelt. Vereinfacht gesagt ist der Blasenschleier ein perforierter Schlauch aus Synthesekautschuk (EPDM), der um die Baustelle herum auf den Meerboden ausgelegt wird. Unter hohem Luftdruck entweichen aus diesem Schlauch unzählige Luftblasen, die eine Blasenwand bis zur Meeresoberfläche bilden, die den sich konzentrisch ausbreitenden Schall hemmt.

»Es ist ein großartiger Job, den ich machen darf«, freut sich Henk van Vessem darüber, dass er und sein Team dazu beitragen, die Meeresfauna zu schützen. »Ich denke, dass Großbritannien, Frankreich und andere Offshore-Windenergieländer dem Beispiel Deutschlands folgen werden.« Er hofft auf weltumspannende Lärmschutzauflagen. Dass die Sensibilität im Umgang mit den Meeren tatsächlich zunimmt, beweist auch die Tatsache, dass die niederländische Schallschutztechnologie bald in taiwanesischen Gewässern zum Einsatz kommt, um die dort lebenden Weißen Delfine zu schützen.

Ob darüber hinaus die Öl- und Gasindustrie in die Fußstapfen der Windenergie treten wird, bleibt allerdings abzuwarten. »Ich hoffe das sehr«, sagt van Vessem. Er setzt auf ein Umdenken auch in diesen Branchen.

Als erfahrener Wasserbauer weiß Cay Grunau, Geschäftsführer der Hydrotechnik Lübeck, um den erheblichen Eingriff in die Natur, die Baustellen auf und im Wasser verursachen. So hat der erfahrene Fachmann in der Vergangenheit in den Häfen von Triest, Le Havre und Abu Dhabi für praktischen Umweltschutz gesorgt. Seit einigen Jahren bietet auch die Hydrotechnik Lübeck - ähnlich wie IHC Hydrohammer - den Einsatz von Blasenschleier-Technologie für den Aufbau von Offshore-Windparks an. Dabei setzt die Lübecker Firma ein Spezialschiff ein, dessen Besatzung die Gummischläuche über große Winden mit einer Gesamtlänge von fast 400 Metern ringförmig um die jeweiligen Baustellen auf den Meeresgrund senkt. Die Schläuche wiegen mehrere Tonnen, haben einen Durchmesser von rund zehn Zentimetern und sind mit vielen Löchern versehen. Die Lübecker haben ihr Verfahren bereits beim Bau des in diesem Jahr in Betrieb gehenden 288-MW-Offshore-Windpark Butendiek erfolgreich eingesetzt. Der wurde in den letzten Monaten 30 Kilometer westlich vor Sylt errichtet. Bei einem Druck von 10 Bar stiegen dort die Luftblasen aus den Schläuchen an die Meeresoberfläche. In Kombination mit einem ebenfalls eingesetzten Schallschutzrohr senkte der Blasenschleier den Baulärm unter den vorgeschriebenen Wert von 156 dB; was aus Tierschutzsicht allerdings immer noch zuviel ist.

»So einen Schlauch gibt es nicht von der Stange«, betont Markus Röse von der Lürding & Büttner GmbH. Das Spezialunternehmen für Schläuche und Armaturen aus Essen hat für die Hydrotechnik Lübeck den Blasenschleier-Schlauch konfektioniert und gepresst. Auch bei diesen Schläuchen sind spezielle Materialien nötig, um im Meerwasser bestehen zu können. Für die Zukunft dieses Anwendungsbereichs ist er optimistisch: »Der Schallschutz im Offshore-Bereich könnte ein durchaus interessanter Markt werden.« Für die Schweinwale wäre das gut.

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