Energiekonzerne bringen Kommunen in Bedrängnis

RWE, Vattenfall und Co. haben sich kaum auf die Energiewende eingestellt und fahren Verluste ein. Darunter leiden auch öffentliche Haushalte

  • Von Rolf Schraa und Anna Ringle
  • Lesedauer: 3 Min.
Viele Kommunen müssen den Gürtel enger schnallen, weil die Krise der Stromkonzerne Gewerbesteuer- und Dividendeneinnahmen pulverisiert hat. Betroffen sind Städte im Osten wie im Westen.

Die Krise der deutschen Stromkonzerne trifft nicht nur Mitarbeiter und Anteilseigner - auch die Kommunen an den Standorten müssen längst eingeplante Millionen aus ihren Haushalten streichen. Das Ruhrgebiet ist sogar mehrfach betroffen: Kommunen leiden nicht nur unter dem Rückgang der Gewerbesteuer vom Essener RWE-Konzern, sie müssen als Großaktionäre auch noch den Wertverlust und mögliche Dividendenkürzungen ihrer Aktien verdauen. In der Lausitz will Vattenfall in großem Stil vorausgezahlte Gewerbesteuer zurückfordern, weil die Gewinne aus der Braunkohle eingebrochen sind. Ein Schock für Kommunen wie Cottbus.

Viele Kämmerer müssen neu rechnen. Kaum einer weiß, wie er die Einnahmeausfälle ausgleichen soll. Besonders spektakulär wirkt sich das in Essen aus. Die einst reiche Industriestadt musste schon Ende 2013 eine gewaltige Wertberichtigung von 850 Millionen Euro in ihren Büchern vornehmen, weil ihre 18 Millionen RWE-Aktien über die Jahre stark an Wert verloren hatten. Praktisch das gesamte Vermögen der Stadt war danach weg. Jetzt steht zum Jahresende eine weitere Berichtigung von - nach aktuellem Stand - etwa 170 Millionen Euro an, weil die RWE-Papiere weiter gefallen sind. Essen ist bereits mit aktuell 86 Millionen Euro negativem Eigenkapital überschuldet. Die RWE-Wertverluste reißen die Stadt nun noch tiefer in die roten Zahlen.

Für 2015 rechnet der Essener Kämmerer Lars Martin Klieve außerdem mit einer erheblichen Kürzung der RWE-Dividende, die zuletzt einen Euro betrug. »50 bis 60 Cent sind realistisch«, sagte er der Deutschen Presse Agentur. Das brächte rund neun Millionen Euro Einnahmeverluste für die Stadt. Wie sich das etwa auf die Finanzierung des Nahverkehrs in der Stadt auswirken würde, lasse sich noch nicht absehen, sagt er. »Fatale Folgen für den städtischen Haushalt« befürchtet auch der Kämmerer in Mülheim an der Ruhr, Uwe Bonan, falls die Dividende weiter schrumpft.

Zur Entwicklung der Gewerbesteuer will Klieve wegen des Steuergeheimnisses nicht sagen. Jedenfalls entwickelten sich die Steuereinnahmen logischerweise nicht unabhängig von den Gewinnen des Unternehmens, deutet er an. Und diese stürzen seit Jahren steil in den Keller. Wegen steuerlicher Verluste leiste RWE seit 2014 und auch aktuell keine Gewerbesteuervorauszahlungen mehr, sagt eine Sprecherin des Energiekonzerns. Schon deshalb fielen auch keine Rückzahlungsforderungen an.

Anders bei Vattenfall: Der schwedische Energieriese leistete millionenschwere Vorauszahlungen - genaue Zahlen gibt es nicht, Städte und Konzern verweisen auf das Steuergeheimnis. In Brandenburg und Sachsen betreibt das Unternehmen fünf Tagebaue und vier Kraftwerke. Rund 8000 Mitarbeiter sind im zweitgrößten Braunkohlerevier Deutschlands beschäftigt. Für die strukturschwache Region ist Vattenfall ein Zugpferd.

Die dortigen Kommunen müssen an den Stromkonzern voraussichtlich sämtliche Gewerbesteuervorauszahlungen für 2014 zurücküberweisen. Cottbus trifft das hart. Die zweitgrößte Stadt Brandenburgs mit knapp 100 000 Einwohnern steht ohnehin mit rund 300 Millionen Euro in der Kreide. Die Verwaltung geht davon aus, dass mit Vattenfalls Ankündigung im Haushalt für 2016 Einnahmen in Millionenhöhe fehlen werden.

Oberbürgermeister Holger Kelch (CDU) sagt: »Begonnene Vorhaben werden fortgeführt, Neues nur angefangen, wenn klar ist, dass wir damit langfristig kostengünstiger arbeiten. Ohne zusätzliche Hilfen vom Land Brandenburg werden wir die fehlenden Einnahmen jedoch nicht kompensieren können.« dpa/nd

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