Kein bisschen Südsee

Wer wissen will, was da war, wird ohne den Band »Abspann« und andere Bücher von Hermann Kant nicht auskommen

  • Von Klaus Joachim Herrmann
  • Lesedauer: 5 Min.

Der Band »Ein bisschen Südsee« und darin besonders »Mitten im kalten Winter« dürften es gewesen sein, die für meine späte Hinwendung zum »Abspann« Hermann Kants sorgten. Erst einmal ging es in einem Wartezimmer auf dem eigens für leere Stunden mitgeführten E-Reader um Zeitvertreib. Der junge Elektrik grüßt vom Mast herab, neckt und gewinnt ein Mädchen lieb. Ungewisser Ausgang mit vager Hoffnung auf Happy End. Das berührt sanft, hat Romantik und etwas von jugendlicher Großtuerei, liest sich einfach und gut. Danach noch rasch, fast in einem Zuge, der »Dritte Nagel« und die »Bronzezeit«. Die lesen sich schon anders; man begegnet anderen Figuren und Umständen als einem Elektrik mit Steigeisen.

All das birgt Erinnerungen an bereits Gelesenes und Vergangenes, an Bekanntes und die Lust auf mehr, am besten tiefere Einsicht. Der Griff nach Kants »Erinnerungen an meine Gegenwart« kann als folgerichtig gelten. Zu finden sind darin nicht nur Herkünfte aus Hamburg und Parchim, sondern mit Orten der »Aula« und des »Aufenthalts« Lebenswege. Kunde wird von dem schillernden Glanz des Amtes eines Schriftstellerpräsidenten in der DDR. Dass es Macht verleihe, meinte sicher nicht nur Stephan Hermlin. Verquickungen von Gut und Böse, kein Ruhm ohne Verachtung, keine gute Tat ohne Verstrickung und Anklage - vielleicht gerade noch selbstsüchtigen und rasch vergessenen Dank.

Kants Sprache ist in seinen Erinnerungen nicht mehr jene des Anfangs und der »Aula«. Von diesem Roman war lange zu denken und bleibt nunmehr zu hoffen, dass er bleiben werde. Das schaffte der Staat, dessen Menschen und Werden er beschrieb, nicht. Sicher ist es »Der Aufenthalt«, der von Kant die Zeiten überdauert. Da wird eben nicht nur DDR-, sondern in die Welt greifende deutsche Geschichte erzählt. Für beides und mehr aber gilt Heinrich Heines Leitspruch: »Der heutige Tag ist ein Resultat des gestrigen. Was dieser gewollt hat, müssen wir erforschen, wenn wir zu wissen wünschen, was jener will.« Das schmückt den Umschlag meines ziemlich zerstoßenen und angegilbten Exemplars der 1. Aula-Auflage von 1965.

In besonderer Weise passt dieses Motto auch für »Abspann«. Darin erweckt gewohnte satzbildende Kunstfertigkeit und sprachliche Lust und Verspieltheit des Autors nicht mehr so sehr früheres Misstrauen, hier könne einer Klarheit meiden und dies und jenes verbergen, aber trotzdem irgendwie mitteilen wollen. Bis in die Sprache hinein zeigt sich das Wechselspiel von Last und Lust, von Wenden und Windungen, Ahnungen und Gewissheiten, scheinbaren Siegen und wirklichen Niederlagen, von Aufbrüchen und Rückschlägen, Zweifeln, Gewissheiten und Wahrheiten. Was aus den Sätzen spricht, ist bitter, ironisch, spöttisch, zuweilen lustig, auch lachhaft. Zwischen manchen Zeilen mag der Leser nach alter Gewohnheit und Schule noch immer nach versteckten Hinweisen suchen.

Kant hat im Frühjahr 1989 mit der Niederschrift begonnen, erschienen ist das Buch 1991. Da war der Staat aufgegeben, der Autor raus aus Amt und häufig aus Ansehen. Er wurde als SED-Hardliner verteufelt und war doch schon so viel weiter in Erkenntnissen als manch anderer damals, heute oder jemals. Alten Freunden oder Feinden, wohlwollenden, nun gründlich abweisenden oder einfach aus eigener Überzeugung gewollt misslaunigen Kritikern galt er vielfach als Spitzbube, Schurke und Übel von gestern.

In diesem auch damals schon Gestern hatte aber auch er selbst einiges Leben zwischen Stühlen zugebracht. Sein »Impressum« geriet für Jahre in die Keller. Es war nicht verboten, wurde nur unter absurdesten Beschuldigungen nicht gedruckt. Bei der Obrigkeit war er nicht allzeit wohl gelitten. »Der Veteran des kalten Krieges gefiel«, weiß er, »der differenzierende und relativierende Autor ... minder«. Er selbst sieht sich trotzig als getreuen Paladin, der über den Schlaf sorgloser Gefährten gewacht habe und »bei Gefahr ins Horn stieß«.

Der Verfasser jenes wütend umstrittenen ersten Satzes des »Impressums«, dass da einer nicht Minister werden wolle, beginnt den »Abspann« vieldeutig. Er sei seiner Mutter »regierbarstes Kind« gewesen, habe diese dem Fernsehen erzählt. Dass er eben das immer wieder aufgreift, kann bei seiner literarischen Qualität und erzählerischen Meisterschaft kein Zufall sein. Als alles vergangen ist und vorbei, fragt er sich öffentlich ausgerechnet am Beispiel der beispiellos mühseligen Einführung eines kindlichen Sabberlatzes nach westlichem Muster in die sozialistische Produktion, warum alles »am Ende nur kläglichen Abgang machte«.

Meist schwankt Kant zwischen scharfzüngigem Spott und Bitternis, hellsichtigem Urteil und »Treue zur Sache«. Aus eben dieser Anhänglichkeit, auch gern »fester Klassenstandpunkt« geheißen, unterlässt er alles, was als Handlangerdienst für den »Klassenfeind« wirken könnte. Um die kleinen Besserungen des großen Ganzen geht es ihm. Damit war er nicht allein, und jenes Elend, in das »die Sache« sich bewegte, findet auch darin Begründung.

Wenn jegliches seine Zeit hat, so auch jegliches Buch. Manches offenbart sich dem Leser dann, wenn dieser dazu bereit ist. Jetzt war es an der Zeit. Zu spät wäre es auch nicht für jene, die ehrlichen Herzens wissen wollen, was da war. Sie werden ohne diesen Kant und seine Bücher nicht auskommen. Die waren zu ihrer Zeit Bestseller, in Dutzende Länder und Sprachen gebracht oder wie »Die Aula« Lehrmaterial für US-Diplomaten. Seine Mitteilungen reichen über der Tage Wirren und deren später aufgeklebten Etiketten und billigen Formeln weit hinaus.

Eine unserer Bekannten floh einst in Malerei, Orgelspiel und aus dem sozialistischen Staate. Der mochte sie und ihren Pfarrersmann ebenfalls nicht mehr dulden. An einem langen Abend sprachen wir darüber, und sie blieb neugierig darauf, wie unsereins, na ja na Gott na ja, eben so sei. Oder war. Ihr wurde der »Abspann« gereicht, die eigene Tochter gleich noch auf »Die Aula« neugierig gemacht. »Das Impressum« blieb vorbehalten als eine Art Pflichtlektüre für den inzwischen langjährigen ND-Redakteur. Nicht nur er dürfte beim einstigen erstmaligen Lesen einiges übersehen haben.

Hermann Kant: Abspann. Erinnerungen an meine Gegenwart. Aufbau Taschenbuch Verlag. 543 S., 8,95 €.

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