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Berlin nicht anpreisen ist ein Hobby von Sarah Liebigt

Zwei Zitate, zwei Sprachperlen, zwei schillernde Beispiele kantiger Dichtkunst. Ein altes und ein neues. Satz Nummer eins: »Ich will nicht nach Berlin.« Wer ihn kennt, hat sofort die Melodie dazu im Kopf und Klischee-Hipster vor Augen. Nummer zwei: »Die deutsche Hauptstadt dient der ganzen Nation.« Ein Satz, der nicht kleckert, sondern klotzt. Vergesst jedes unscheinbar für ein buntes Berlin werbende Stoffbeutelchen - diese Parole wickelt sich gleich in eine zehn mal zehn Meter große Berliner-Bär-Flagge, posiert auf, nicht vor dem Brandenburger Tor und deutschtümelt alle »wir sind weltoffen«-Slogans weg.

Ich möchte hiermit jede Verantwortung, dem »Image« Deutschlands zu dienen, von mir weisen. Dass eine Stadt ein Image haben kann, ist sowieso nichts weiter als die Behauptung von Menschen, die ich ganz bewusst nicht als Schlipsträger oder alt gewordene Hipster bezeichnen möchte, die in Büros mit Glasfront oder pseudo-abgeranzten Hinterhofaltbauwohnungen bunte Flyer falten.

In dieser Stadt leben Imame, die wegen sexueller Nötigung vor Gericht stehen, kriminelle Motorradfahrer, Menschen, die sich im Internet verstecken und dort gegen jene Neuberliner hetzen, die eben nicht den bunten Imagekampagnen folgten - und schließlich Menschen, die diese Stadt zum Nabel eines Landes küren wollen. Das Schöne ist, dass die alle irgendwann weg sind. Berlin dagegen wird Berlin bleiben, völlig wurst, ob irgendwer seine »Rolle als Hauptstadt näher definieren« oder es zum Stolz der Nation erklären will.

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