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Minenräumung ist ein schöner Traum

Der Politologe Jiménez Millán über das Ziel, Kolumbien bis 2021 frei von den tödlichen Sprengkörpern zu machen

Jiménez Millán ist Politologe, war Sprecher der linksgerichteten kolumbianischen Guerilla-Organisation M-19 während der Friedensverhandlungen 1984 und ist Ende 50. Über die Lage in Kolumbien nach Jahrzehnten des bewaffneten Konfliktes sprach mit ihm für »nd« Knut Henkel.

Kolumbien gehört zu den Ländern mit den meisten Minenopfern weltweit - gibt es eine positive Entwicklung?
Es gibt innerhalb der vergangenen drei Jahre weniger Opfer, weniger Unfälle - das ist eine positive Nachricht, aber es ändert nichts an der Tatsache, dass Kolumbien eines der Länder mit den meisten Minenopfern weltweit ist. Gemeinsam mit Afghanistan und Kambodscha führt Kolumbien die Liste der Unfälle an, die Tote oder verstümmelte Opfer nach sich ziehen. Wir sind nach Afghanistan das Land mit den meisten minderjährigen Opfern von Minen weltweit. Im Zuge des Bürgerkriegs sind die Minen zu einer wichtigen Waffe geworden - für die bewaffneten Akteure. Obwohl Kolumbien der Internationalen Konvention zum Verbot des Einsatzes, der Lagerung und der Herstellung von Minen beigetreten ist, der sogenannten Ottawa-Konvention, und sich verpflichtet hat, die Minen zu räumen, ist das nur ein schöner Traum.

Gibt es Zweifel am politischem Willen?
Ja, definitiv gibt es Zweifel, aber die große Herausforderung ist das Ende dieses Krieges. Ohne dessen Ende wird es sehr schwer, zu einem Ende des Einsatzes von Minen zu kommen.

Warum?
Weil wir kaum vorankommen können mit der Räumung der Minen, wenn wir keine Sicherheit für die Dörfer und die Räumkräfte garantieren können.

Wenn Du eine Mine entfernst und der Krieg weitergeht, wird eine Ecke weiter bereits die nächste gesetzt. Der Effekt wäre dann null beziehungsweise noch weniger als null, denn es gibt schließlich Ausgaben, Frustration und möglicherweise neues Leid.

Welche Bedeutung hat das Abkommen zwischen der FARC-Guerilla und der Regierung, gemeinsam Minen zu räumen?
Es ist immens wichtig. Dafür haben wir uns 15 Jahre lang engagiert und nun ist es real. Das ist eine zentrale Bedingung, um wirklich das Ziel zu erreichen, Kolumbien bis 2021 minenfrei zu machen, wie es die Verträge vorsehen. Dieses Abkommen ist ein Schritt in Richtung Frieden. Es ist ein erster gemeinsamer Schritt der bewaffneten Akteure für den Wiederaufbau des Landes - davon profitieren die ärmsten Kolumbianer. Die leben nämlich in aller Regel auf dem Land.

Die Zahl der Minenopfer ist sehr hoch - erhalten sie die Beachtung und die Hilfe, die ihnen zusteht?
In Kolumbien gibt es drei wesentliche Probleme für die Opfer von Minen. Zuerst einmal fehlen in vielen Regionen die staatlichen Institutionen, um den Opfern zu helfen und sie zu versorgen. Immerhin gibt es Garantien und Nothilfezusagen, aber die psychologische Betreuung, die Therapien, die medizinisch-orthopädische Hilfe muss von den Opfern erstritten werden - das ist ein Problem. Es ist unstrittig, dass Kolumbien in den vergangenen zehn, fünfzehn Jahren beachtliche Fortschritte gemacht hat, aber wird sind noch weit davon entfernt, die Zielvorgaben zu erreichen.

Ich persönlich denke nicht, dass es ein Problem der Mittel ist, sondern ein Problem der internen Abstimmung und des politischen Willens. Wir sind ein Land mit ausreichend Ressourcen, aber es gibt ein Verteilungsproblem.

Welche Rolle spielen die Paramilitärs, setzen sie ebenfalls Minen ein?
Die Paramilitärs haben Minen eingesetzt. Nach ihrer Demobilisierung und dem Auftauchen der Nachfolgeorganisationen, der neuen kriminellen Banden, der sogenannten Bacrim, wissen wir vom Einsatz von Minen in zwei Regionen des Landes: im Süden des Departamentos Córdoba und im Bajo Cauca antioqueño. Da geht es um die Kontrolle bestimmter Landstriche, die strategische Kontrolle und die Vermeidung von Aktionen von Armee und Polizei. Unstrittig ist jedoch, dass es die Guerillas FARC und ELN sind, die die Minen vor allem nutzen.

Wo werden besonders viele Minen ausgebracht und wie viele sind es landesweit?
Wir registrieren vor allem die Opfer - aus diesen Zahlen kann man zwar vieles ableiten, aber die Opferzahlen geben nicht alle Facetten des Problems wieder. Der Konflikt sorgt auch dafür, dass die Angaben nicht komplett, oft fragwürdig und manchmal sogar falsch sind. Das ist ein Problem und der zentrale Grund, weshalb wir nicht darüber spekulieren, wie viele Minen in Kolumbien liegen könnten und was die Räumung der Minen kosten würde.

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