Werbung

Urteil: lebenslänglich

Szenische Lesung zum Auschwitz-Prozess vor 50 Jahren: Fritz Bauer, der Unrechtsstaat und »Aber-Nazis«

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 6 Min.

Bei uns droht die ABOkalypse!

Wir brauchen zahlende Digitalleser/innen.

Unterstütze uns und überlasse die Informationsflanke nicht den Rechten!

Mach mit! Dein freiwilliger, regelmäßiger Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

Wenn er sein Dienstzimmer verlasse, betrete er »feindliches Ausland.« Sagt ein westdeutscher Anwalt über die westdeutsche Gegenwart. Ein Generalstaatsanwalt. Ein Jude. Fritz Bauer. 1963 beginnt der von ihm initiierte Auschwitz-Prozess in Frankfurt am Main. Kulminationspunkt einer fatalen bundesrepublikanischen Vertuschungs- und Verdrängungspraxis brauner Vergangenheit. »Fritz Bauer - und der Unrechtsstaat« - so der Titel einer szenischen Lesung am vergangenen Sonnabend in der Kalkscheune in Berlin. Eine Veranstaltung von Linkspartei und Rosa-Luxemburg-Stiftung, Textcollage: Luc Jochimsen, Regie: Franz Sodann.

Fritz Bauer (1903-1968): im Filmausschnitt Zigarrenrauch und in der Stimme eine knarrende Kantigkeit, die an Herbert Wehner erinnert; der Kopf so, wie es Günter Gaus einmal von einem Dichter sagte: Man könne meinen, dessen schlohweißes Haar wehe noch in geschlossenen Räumen. Bauer, der Emigrant. Nach dem Krieg Rückkehr nach Stuttgart. Dort wieder Anwalt zu sein, muss scheitern: Justizminister ist jener Mann, der ihn 1933 entließ. Der Heimgekommene als Unwillkommener. Bis er nach langem Warten hessischer Generalstaatsanwalt wird. Sein Leben: unaufhörlicher Kampf für die Wahrheit - über jenen Unrechtsstaat Hitlers, der in der Bundesrepublik unheilvolle Fortsetzungsmetastasen bildet. Alles von Nazis durchsottet - so folgt die junge Republik dem Gemüt einer Mehrheit, die sich für das Opfer der Diktatur hielt. Als sei Deutschland, sagt Bauer, nicht »naziversessen«, sondern »ein von einem Feind besetztes Land« gewesen. Der Auschwitz-Prozess: gegen Lagerführer, Ärzte, Adjutanten, und am Ende: »Keiner hielt sich für schuldig« - so die Publizistin Luc Jochimsen, die gemeinsam mit dem Schauspieler Rolf Becker erzählend leitet, überleitet. Zu immer neuen Fakten unerträglicher Arroganz gegen Menschen, die sich Hitler damals verwehrten, die ausgestoßen wurden und die nun alle Kraft in eine ständig torpedierte Aufklärung stecken.

Gregor Gysi liest Texte Bauers. Dazu Szenen aus Peter Weiss' »Ermittlung« (Michel Friedman ist der Richter, Historiker Hannes Heer der Ankläger, Politiker Jan Korte ein Zeuge). Bilder vom Eichmann-Prozess, Briefe, Essayauszüge, Anklageschriften, Urteilsbegründungen. Fotos von Bauer. Der 1968 tot in seiner Wohnung aufgefunden wird. Theodor W. Adorno, gelesen von Hannes Heer, verweist auf die Zustände in Westdeutschland, etwa die Notstandgesetze - es sei begreiflich, »dass Bauer unter diesen Dingen so gelitten hat, dass sie ihm schließlich den Lebensfaden abgeschnitten haben.«

Der Lebensfaden. Der Faden der Geschichte. Kein roter Faden, ein Knäuel eher, mit gordischen Knoten darin. Und eine Lesung, die im Historischen den wunden Punkt Gegenwart suchte. Martin Walser wird zitiert, der damals vom Auschwitz-Prozesse berichtete. Er nennt das, was Auschwitz ermöglichte, »ein Betriebssystem«. Bei dem jedes Schräubchen ein Hirn hatte, ein Herz. Es gibt kein Unbeteiligtsein. Eine anschließende Diskussion kommt rasch auf dieses akut Bedrängende: von Auschwitz zum Ausländerhass, von scheinbar erkalteter Geschichte zu brennenden Unterkünften für Flüchtlinge. Der ehemalige Justizminister Brandenburgs, Volkmar Schöneburg, beklagt den institutionellen Reflex, bei gesteigerter rechter Gewalt nur immer »Strafrechtproduktion« zu betreiben; unterbelichtet bliebe jene gesellschaftliche Wehr gegen »die Liaison von Biedermännern und Brandstiftern«. So wie andererseits die Liaison aller politischen Kräfte gegen Rechts immer wieder blödest gefährlichem Lagerdenken zum Opfer fällt. Erardo Cristoforo Rautenberg, Brandenburger Generalstaatsanwalt, verweist auf die eigene Erfahrung, gegen Neonazis öffentlich eine Gemeinsamkeit aller politischen Kräfte »bis hin zu Autonomen« gefordert zu haben. Was seiner Äußerung folgte, war herbeste Kritik »von oben«. Korte, Bundestagsabgeordneter der Linkspartei, führt die Rehabilitation von »Kriegsverrätern« der Wehrmacht an, die erst 2010(!) erfolgte. »Ein Antrag der anderen Parteien im Bundestag wurde nur möglich, weil die LINKE, die das Ganze initiiert hatte, auf ihre Mitwirkung verzichtete und gewissermaßen dem eigenen Anliegen unterm Namen der anderen zustimmte.« Demokratie der notwendigen Winkelzüge - in einer noch immer »klartextfeigen Gesellschaft«, so der Historiker Hannes Heer. Der bei aller Kritik an der braunen Durchfilzung und antikommunistischen Hysterie aber auch auf die »Selbstaufklärung« verweist, die damals in der Bundesrepublik, jenseits der offiziellen Setzungen, betrieben wurde: Resnais' Film »Nacht und Nebel« etwa, Hochhuths »Stellvertreter«, die US-Fernsehserie »Holocaust«, der Studentenaufruhr 1968, die Wehrmachtsausstellung (deren Kurator Heer war). Der Mut zur Mühsal. Schöne Anfechtung durch die Kraft der Ausdauer. Immer wieder vonnöten: wirksamer notärztlicher Geist, damit das Nervensystem der Gesellschaft nicht in Vollnarkose fällt.

Michel Friedman, der Anwalt und Publizist, wehrt sich vehement gegen den Satz, Menschen fielen auf Naziideologie herein. »Niemand fällt herein. Wo jemand hereinfallen darf, nimmt man ihm Verantwortung ab«. Er spricht von der »Enthemmung des Rassismus« spätestens seit Sarrazin. Überall gebe es diese »Aber-Nazis«: Man habe nichts gegen Ausländer, aber ... Friedman empört sich gegen die »religiöse Selektion« von Flüchtlingen, die in Ungarn und der Slowakei betrieben werde. »Und was tut die deutsche Regierung? Wo ist Protest, wo entschiedene Abkehr? Was wollen wir noch alles hinnehmen?«

Friedman, der erfahrene Jude. Erfahren zu sein heißt: Schweigen verlernt zu haben. »Totalitäre Tendenzen recken sich, wo die Mehrheit nichts tut.« Wer einmal wegknickt ins Ducken, ist im Grunde schon verloren. So entstand Auschwitz. In der Mitte. Die Mitte, das wird an diesem Abend mehrstimmig beschworen, das ist dort, wo sich die Eigenheiten gegenseitig aufheben. Regsamste Bewegungslosigkeit. Im pressend Geordneten. Wo sich alles staut. Der Opportunist: ein Raubvogel, der kriecht.

»Nichts gehört der Vergangenheit an. Alles ist Gegenwart und kann wieder Zukunft werden.« Fritz Bauer. Das Zitat vorn auf der Leinwand. Auschwitz wird sich nicht wiederholen, aber es ist nicht zu bewältigen. Dass wir überhaupt nach allem, was im 20. Jahrhundert geschah, auf diese Worte kamen: Bewältigung der Vergangenheit! Dieser eine Auschwitz-Prozess ist also nie zu Ende, jener Prozess in uns, der nur ein Urteil kennt; lebenslänglich, und der jede Verhaltensweise vor die Schranke des inneren Gerichts stellt, all den Ehrgeiz, all die Funktionstüchtigkeit, all die Einsicht ins Befohlene, all diese große Lautstärke, mit der man aus einer Ideologie, aus einer Partei, aus einem Dienstverhältnis austritt - wo man doch vorher sehr lange sehr leise drin war. Vom »Gerichtstag über die Geschichte unseres eigenen privaten Lebens« sprach Fritz Bauer. Jan Korte beschwört zornig, auch sichtbar verzweifelt die »Standards von Humanität«, die jetzt zur Debatte stehen. Es geht also derzeit - angesichts lodernden Hasses - nicht etwa ums Verfeinerte einer hochzivilisierten Umgangskultur, es geht noch immer ums Niedrigste, Mindeste: um Standards. So weit sind wir gekommen, so wenig voran.

Friedman bekommt für sein immer wieder besorgtes Flammen viel Beifall. Willkommenskultur? »Ja, aber nicht als bloßer Affekt, der schnell vorübergeht, sondern als Ausdruck einer dauerhaften politischen Identität.« Friedman wirft das Wort von der »Basisarbeit« in die Runde. Er sagt es wohl auch forciert appellarisch, weil er weiß: Ausgerechnet Politiker, die sich gepanzert durch ihr großperspektivisches Deutschland-Bild bewegen, das in der Praxis meist nur aus ein paar kleinen Bannmeilchen besteht, ausgerechnet sie delegieren mit ihrem Feiertagsgerede vom Gesichtzeigen eine vorrangige Staatsaufgabe an den Bürger, als würde diesem so ein zusätzliches Ehrenrecht verliehen. Hinsehen, Gesicht zeigen!

Mir ging ein großes Ja, aber auch ein großes Fragen durch den Sinn. Auf den Fühlendsten wartet der Fluch, der Eiserne sein zu sollen? Gesicht zeigen, das heißt schließlich: Gesicht hinhalten - dort, wo Schläge zu vermuten sind. Dass die widerständische Seele die verletzlichste Seele des Menschen ist, bedeutet auch: Sie kommt am seltensten vor. Widerstand hat kein Talent, Massenorganisationen zu bilden. Widerstand - siehe Fritz Bauer - ist zum großen Teil Einsamkeit. Tut selten gut, meistens weh. Friedman weiß das. Er sagt, er sei bereit, in jedes Dorf mitzufahren, um sich mit Leuten zu solidarisieren, die das bitterste Kriterium ihrer Anständigkeit erfüllen: Angst haben zu müssen. »Seit Auschwitz ist noch kein einziger Tag vergangen.« Martin Walser.

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!