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Gewissensbereinigung?

Wenn kindliche Kulleraugen kurz mal den latenten Rassismus der Mitte verkleistern, darf er natürlich nicht fehlen: Johannes B. Kerner. Was JBK dem ZDF allerdings am Donnerstag auf den Bildschirm kippte, war an Zynismus, Stumpfsinn und Banalität kaum zu übertreffen. Mit Floskelmüll wie »war’s hart oder ging’s einigermaßen« behandelte seine Emotionalisierungsmaschine die Betroffenen so, wie sie für viele halt akzeptabel sind: als Schablonen deutscher Gewissensbereinigung, die den Kauf von Billigkleidung aus Bangladesch oder Kerners Foltergeflügel ein bisschen erträglicher machen.

Andererseits sollte man sich hüten, alles schlecht zu reden an der furiosen Welle des Mitgefühls, die sich der unbeugsamen Fremdenfeindlichkeit ringsum zum Heulen schön entgegenstellt. Wenn selbst der Boulevard jene Flüchtlinge, die er sonst als Asylbetrüger in die Armut zurückpöbelt, willkommen heißt, scheint sich tatsächlich was getan zu haben, im Einwanderungsland D. Vielleicht darf es sich diese Woche grad deshalb mal ein paar Auszeiten vom Dauerbrenner Flucht gönnen. Zur Ablenkung taugt etwa die 2. Staffel »True Detective«, in der es ab Donnerstag auf Sky Atlantic Colin Farrell und Vince Vaughn mit den Abgründen ritueller Verbrechen zu tun kriegen, was kaum an ihre Vorgänger Matthew McConaughey und Woody Harrelson heranreichen dürfte, aber immer noch in jeder Minute mehr Substanz haben, als deutsche Durchschnittskrimis in ganzen Staffeln.

In diesem Sinne legen wir den Mantel des Schweigens über den schwäbischen Privatschnüffler Huck, den die ARD ab Dienstag auf Sendung schickt. Und wenden uns einer Perle öffentlich-rechtlichen Humors mit Niveau zu, die Freitag fortgesetzt wird. In »Lerchenberg« kriegt es die wunderbar spröde Eva Löbau als verdruckstes Mainzer Büro-Tierchen Billie mit dem wunderbar schmierigen Sascha Hehn als wunderbar schmieriger Sascha Hehn zu tun, was wie 2014 wirklich witzig ist - und dafür die Sahnesendezeit um 23 Uhr kriegt, knapp übertroffen von den Folgen 2 bis 4 Dienstag nach Mitternacht.

Etwas mehr Glück haben da die ARD-Großprojekte: Iris Berben als merkeleske Bundeskanzlerin, die eine Amnesie ins Jahr 1989 vergleichsweise heiter zurückwirft, was in den besseren Momenten charmanter ist als ein seifiges Happyend (»Die Eisläuferin«, Mittwoch, 20.15 Uhr), das Axel Milberg als Star-Psychiater erspart bleibt, wo er neben Mario Adorf als zotteliges Über-Ich den Hamburger Woody Allen gibt, der besser seine eigenen Neurosen behandeln würde (»Der Liebling des Himmels«, Freitag, 20.15 Uhr).

Alles solide, alles okay, alles nichts gegen »Happy Valley«, ein britischer Thriller, der mittwochs ab 22 Uhr im WDR sechs Teile lang die schmerzhafte Frage stellt, warum so was bei uns unmöglich ist. Antwort: hierzulande (oder in den USA) wäre die Kleinstadtpolizistin Catherine Cawood (Sarah Lancashire) auf der Jagd nach dem Mörder hübsch, cool und hochhackig im Einsatz, also nicht glaubhaft spannend, sondern klischeehaft artifiziell.

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