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Ein Gefühl wie das von Neil Armstrong

Viele Mieter betreten das Haus nie weiter als bis zu der Etage, auf der sie wohnen. Wie es weiter oben aussieht, wissen sie nicht. Ein Mensch, der im obersten Stockwerk wohnt, kennt diesen Gedanken nicht, denn er zieht täglich an allen Türen vorbei, liest die Namen auf den Klingelschildern und weiß, wer seinen Müll oder die Schuhe in den Flur stellt.

Heute will ich den zweiten Stock verlassen, denn ich habe einen Grund gefunden: Im Hausflur riecht es nach etwas Verbranntem. Womöglich hat es in einer der oberen Wohnungen ein Feuer gegeben, auch wenn mir kein Feuerwehreinsatz aufgefallen ist. Ich stehe vor der Treppe nach oben und setze einen Fuß auf die Stufe. Ein wenig fühle ich mich wie Neil Armstrong, bevor er den Mondboden betrat. Langsam gehe ich weiter. Es ist ein ungewohntes Gefühl, ein ungewohnter Weg, und es dauert ein wenig, bis ich den dritten Stock erreiche.

So gesehen enttäuscht mich der Anblick, denn dort sieht es nicht anders aus als auf meiner Etage. Links wohnt Franziska Müller, wie ich dem Klingelschild entnehme. Abrupt bleibe ich stehen. Das kann doch nicht sein! Meine letzte Freundin in meiner Heimatstadt hieß so! Ich hatte mich von ihr getrennt, weil ich nach Berlin ziehen wollte, was nun viele Jahre her ist. War das nur ein Zufall? Vielleicht habe ich diese Frau schon mal im Hof getroffen. Aber wenn es meine Franziska sein sollte, dann hätte ich sie doch sicherlich wiedererkannt!

Ich bleibe noch einen Moment stehen und überlege, zu klingeln, um mir Gewissheit zu verschaffen. Dann aber setze ich meinen abenteuerlichen Weg fort. Schließlich gibt es viele Frauen mit einem solchen Namen.

Wenig später erreiche ich den vierten Stock und entdecke dort die Ursache für den Geruch. An der Wand zwischen den Wohnungen links und rechts steht ein Grill, der offensichtlich vor kurzem benutzt wurde. Ich erinnere mich an die Erzählung einer Freundin, die von einem Feuerwehreinsatz in ihrem Haus berichtet hatte, weil irgendwelche Nachbarn in der Wohnung gegrillt und anschließend das Gerät zum Abkühlen in den Hausflur gestellt hatten. Offenbar gibt es Nachahmer, und die haben sich ebenso dumm angestellt.

Eigentlich könnte ich jetzt den Rückweg antreten, aber die Neugier, wie es im fünften Stock aussieht, ist groß. Dort angekommen, staune ich nicht schlecht, als ich auf Herrn Wegemann aus dem ersten Stock treffe.

»Was machen Sie denn hier?«, frage ich ihn. Er zögert mit einer Antwort: »Ich ... ich wollte mal sehen, wegen des Geruchs, also welche Ursache das hat.«

Ich bin erleichtert, dass er mir eine Vorlage für meine Antwort gibt. »Mir geht es genauso. Ich wollte nur mal schauen.«

Herr Wegemann geht an mir vorbei die Treppe herunter und ich folge ihm.

»Das mit dem Grill ist schon merkwürdig«, sagt er.

»Ja«, entgegne ich. »Wir haben schon komische Nachbarn im Haus.«

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