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Liebesbriefe ins Nichts

Carola Saavedra lässt an der Echtheit des gerade Gelesenen zweifeln

Neun Briefe an den verlorenen Geliebten werden zur Flaschenpost. Sie erreichen den vielleicht nur eingebildeten Empfänger nicht. Stattdessen gelangen sie zu Marcos, einem gerade geschiedenen Architekten, der diese an neun aufeinanderfolgenden Tagen geschriebenen Liebesbriefe zuerst scheu, dann immer begieriger öffnet und liest.

Die brasilianische Autorin Carola Saavedra hat für ihren Roman »Blaue Blumen« diese Form gewählt, die den Dialog zwischen beiden Hauptpersonen, die sich nicht kennen, ausschließt. Die intimen, lebenserfahrenen, sehnsuchtsvollen Briefe gehen ins Nichts und lösen dort, bei Marcos, einen in seiner Persönlichkeit schon angelegten Abstieg in ein ebenso sehnsuchtsvolles Nichts aus. Die Autorin wechselt immer zwischen einem aus dem innersten Ich geschriebenen Brief und einem beobachtenden Blick auf den ungewollten Empfänger mit dem hohlen Ich. Das schafft Kontrast, eine fast heimliche Spannung, Spielraum für stilistische Abwechslung.

Die Liebesbriefe sind aus tiefer existenzieller Abhängigkeit geschrieben, variieren die Ambivalenz von Liebe und Hass, von Schönheit und grober Ignoranz, von Zärtlichkeit und Gewalt. Der Verlust ist für die Absenderin, die nur als »A.« signiert, so total, dass sie die Erinnerung an die letzten Erlebnisse mit ihrem Partner, den sie mit »Liebster« anschreibt, in aller seelischen und körperliche Brutalität immer wieder in Liebeserklärungen wendet. An einer Vase mit blauen Blumen hat sie sich festgehalten, als ihr »Liebster« sie und sich demütigt. Marcos, der Leser dieser Briefe, ist ebenso wie der Leser des Romans fasziniert von der Intensität der in den Briefen ausgedrückten Empfindungen. Diese Faszination stürzt ihn in grundsätzliche Lebenszweifel und greift seine praktische Lebensfähigkeit an. Er ist - das kann ja auch bei einer wirklichen Flaschenpost geschehen - nicht reif für diese Briefe. Da, wo bei »A.« eine von tiefen Gefühlen überquellende Seele Worte von Bedeutung und Schönheit finden lässt, sitzt bei Marcos auch ein verletztes Selbst, das von den Briefen der »A.« verwirrt und verstört wird.

Die Autorin rundet den Reigen von Briefen und Blicken auf den Empfänger mit einer »Auflösung« ab, die in der lateinamerikanischen Literatur seit Borges als Markenzeichen gilt. Das ist kein »Plot« im herkömmlichen Sinn, sondern ein schöner intellektueller Zweifel an der Echtheit des gerade Gelesenen.

Carola Saavedra: Blaue Blumen. Roman. Aus dem Portugiesischen von Maria Hummitzsch. C.H. Beck, 223 S., 18,95 €.

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