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»Die Jugend trägt den Widerstand«

Bénéwendé Stanislas Sankara über den Wandel in Burkina Faso seit Compaorés Sturz

Im vergangenen Jahr jagten Massenproteste den Langzeitpräsidenten Blaise Compaoré aus dem Amt. Im Oktober sollen die ersten freien Wahlen seit 28 Jahren stattfinden. Ist Burkina Faso dafür bereit?
Absolut. Diese Wahlen werden einen historischen Moment in der Geschichte Burkina Fasos darstellen und die Übergangsregierung unternimmt meiner Meinung nach alles, um diese Wahlen ordnungsgemäß durchführen zu können. Inzwischen sind 16 Kandidaten zugelassen. Zum ersten Mal seit der Präsidentschaft Blaise Compaorés wird es ein Parlament mit verschiedenen Meinungen geben, indem frei über alles diskutiert werden kann. Die Parteien werden Allianzen und Koalitionen bilden müssen und dadurch zu einem ausgeglichenen Parlament beitragen. Außerdem werden wir die Exekutive besser kontrollieren können. Doch es gab zuletzt auch kritische Momente.

Von welchen Momenten sprechen Sie?
Der Putschversuch seitens der Präsidentengarde RSP war eine akute Krise, die wir zum Glück abwenden konnten. Außerdem steht noch der Prozess gegen den Regierungskreis um den ehemaligen Präsidenten Blaise Compaoré aus, der sich seit seinem Sturz im Nachbarland Côte d’Ivoire aufhält.

Auch die Wahlregeln sind umstritten. Der Oberste Gerichtshof hat sechs Kandidaten, vor allem jene der ehemaligen Regierungspartei CDP, von den Wahlen ausgeschlossen. Die westafrikanische Staatengemeinschaft ECOWAS hat diese Entscheidung als unzulässig kritisiert. Dabei hat das Gericht ausdrücklich betont, dass es die Kandidaten nicht aufgrund ihrer politischen Einstellungen oder ihrer Parteizugehörigkeit abgewiesen hat. Die Gründe sind Korruption und anderer Amtsmissbrauch in der Vergangenheit.

Worin besteht Ihrer Meinung nach die größte Herausforderung für eine neue Regierung nach den Wahlen?
Wir sind heute wieder eines der ärmsten Länder der Welt, wenn nicht gar das ärmste. Für uns Sankaristen ist das natürlich besonders bitter, wenn wir an das Burkina Faso unter Präsident Thomas Sankara zwischen 1984 und 1987 zurückdenken. Damals hatten wir eine gute Regierungsführung und Sankara war gewillt, unser Land aus der Armut zu führen, etwa, in dem er die Korruption bekämpfte. Leider wurden Burkina Faso und seine Ressourcen anschließend unter Compaoré in den Händen einiger weniger aufgeteilt. Deshalb lebt ein Großteil der Bevölkerung in Not. Das wollen wir ändern. Jede Regierung muss das ändern. Bei den Wahlen steht daher viel auf dem Spiel, denn die Erwartungshaltung ist gewaltig. Sollte die neue Regierung nicht willens oder unfähig sein, echte Umverteilung einzuleiten, wird die wahre Revolution erst noch kommen.

Jetzt klingen Sie wie ihr Cousin Thomas Sankara in seinen besten Tagen. Welche Rolle spielt seine Philosophie heute?
Das politische Modell Burkina Fasos unter Thomas Sankaras war ein Vorbild für ganz Afrika. Er ist für uns bis heute ein Symbol für Entwicklung, Gerechtigkeit und Fortschritt. Viele behaupten, Sankara sei der Präsident der Armen gewesen. Dabei war er der Präsident aller, die Freiheit und Gerechtigkeit lieben. Unter dem Regime Compaoré war es nicht gestattet, offiziell an Sankara und seine Errungenschaften zu erinnern. Kein Wunder, schließlich müssen wir davon ausgehen, dass Compaoré selbst den Befehl gab, seinen ehemaligen Weggefährten umzubringen. Dieser Mord ist bis heute nicht aufgeklärt. Nun, da Blaise weg ist, erleben wir eine Renaissance des politischen Erbes Thomas Sankaras, getragen von der Jugend, die entscheidenden Anteil an den Protesten im vergangenen Jahr hatte. Während der Proteste wurden revolutionäre Parolen aus der Zeit Sankaras skandiert.

Was bedeutet es für Sie, heute Sankarist zu sein?
Wir fühlen uns dem Ideal und der politischen Philosophie Sankaras verpflichtet. Letztlich geht es darum, Burkina Faso seine angeborene Integrität zurückzugeben. Das ist einer unserer Schlüsselbegriffe: »Das Land der aufrechten Menschen«, der Name, den Thomas Sankara unserem Land gab. Diese Parole spielte auch bei den Protesten eine entscheidende Rolle.

Welchen Anteil hatten Sie an den Protesten?
Unsere Arbeit hat nicht erst mit den Massendemonstrationen im vergangenen Oktober angefangen, sondern bereits seit unserer Gründung im Jahr 2000, damals noch unter dem Namen »Union pour la Renaissance/Mouvement Sankariste« (die Fusion mit einer kleineren Sankaristen-Partei erfolgte 2009, A. d. Red.). Unsere Aufgabe bestand von Anfang an darin, Widerstand zu leisten und eine lebendige Protestkultur zu fördern. So haben wir uns in den vergangenen 15 Jahren gemeinsam mit zivilgesellschaftlichen Gruppen allmählich an den Aufstand herangetastet. Den entscheidenden Anstoß zum Aufstand gab jedoch Compaoré selbst, als er ankündigte, Artikel 37 auszuhebeln und damit die Verfassung ändern zu wollen. Das konnte niemand hinnehmen, denn damit hätte er sich den Weg für weitere 15 Jahre im Amt geebnet. Doch der Aufstand ist noch nicht abgeschlossen, weshalb ich auch ungern von einer Revolution spreche. Der Widerstand gegen ein Regime, das 27 Jahre von Compaoré angeführt wurde, dauert an.

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