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Der Geruch von rotem Lederpolster

Schlossbauherr Manfred Rettig über den Palast der Republik und das Humboldtforum

Gefällt Ihnen die Ausstellung über den Palast der Republik?

Ich finde sie interessant. Vor allem wollte ich sie mir anschauen, weil wir auch im Humboldt-Forum an die Geschichte des Ortes erinnern wollen. Da wird der Palast der Republik nicht fehlen.

Haben Sie den Palast noch zu DDR-Zeiten erlebt?

Ja, als Student der FU bin ich mal »rüber gegangen«, wie es damals hieß, und habe mir natürlich auch den Palast angeschaut.

Und welchen Eindruck haben Sie gewonnen?

Ich habe ihn als zeitgenössische Architektur wahrgenommen, über die man diskutieren kann. Der Palast war ein besonderes Highlight der Stadt. Ich habe heute noch den Geruch der roten Lederpolster in der Nase, und ich erinnere mich an den Blickfang im Foyer: die Gläserne Blume. Mit dem Künstler stehen wir in Kontakt, denn wir möchten die Gläserne Blume, die sich zur Zeit im Fundus des Deutschen Historischen Museums befindet, gern in das Schloss verpflanzen.

Besuchten Sie auch Veranstaltungen im Palast?

Nein, als Student konnte ich mir nicht leisten, die Grenze regelmäßig zu passieren. Ostberlin verlangte ja damals Eintritt.

Warum konnte keine Kompromisslösung gefunden werden, die den »Palast des Volkes« mit dem Hohenzollern-Schloss architektonisch-raffiniert verbindet? Der Abriss hinterließ bei Ostdeutschen einen Beigeschmack von westdeutscher Siegerwillkür.

Es war einer der letzten Beschlüsse der Volkskammer, den Palast zu schließen. Dies geschah noch vor der Wiedervereinigung. Ich war damals im Bauministerium tätig. Wir haben das Gutachten, das zu DDR-Zeiten angefertigt wurde, noch einmal von einem der bedeutendsten Asbestexperten in Westdeutschland evaluieren lassen. Er bestätigte, dass der im Palast verwandte Spritzasbest hundsgefährlich ist. Die einzige Alternative wäre gewesen: zurück zum Rohbau.

Ich führte damals mehrere Gespräche mit Heinz Graffunder, dem Palastarchitekten. Er hat sich natürlich für sein Werk eingesetzt. Er wäre ein schlechter Architekt, wenn er das nicht getan hätte. Aber auch Graffunder erkannte das Problem mit dem Asbest, dessen man sich zur Zeit der Eröffnung des Palastes weder im Osten noch im Westen bewusst war. Es war also keine »böswillige« politische Entscheidung, sondern eine Entscheidung der Politik auf Grund bautechnischer Tatsachen.

Insgesamt 4000 Gebäude in Berlin sollen asbestverseucht sein.

Aber das ist vielfach gebundener Asbest. Das Problem beim Palast der Republik war der Faserasbest. Ich habe den Bühnenboden gesehen. Der sah aus, als hätte jemand mit einer Schrotflinte reingeschossen: überall Abplatzungen. Man hat schon zu DDR-Zeiten versucht, das Material zu binden. Vergeblich.

Weinten Sie dem Palast eine kleine Träne nach?

(Lacht) Ich habe mich immer geärgert, wenn die Diskussion nur auf ein Pro oder Kontra zugespitzt wurde. Ich hoffte, dass man nüchtern überlegt, wie man mit diesem Gebäude umgeht, was man daraus machen kann. Man reißt ein Gebäude nicht mir nichts dir nichts ab. Wir haben Originalmöbel eingelagert, damit wir in der Lage sind, sie wieder zu nutzen. Aber es fand sich keine Idee, den Palast zumindest teilweise zu integrieren und zu nutzen.

Können Sie sich vorstellen, dass nicht nur die Gläserne Blume, sondern auch die Gemälde aus dem Palast, von namhaften Künstlern nach dem Motto »Wenn Kommunisten träumen« geschaffen, künftig im Schloss hängen werden?

Ich gehe davon aus. Vielleicht nicht alle auf einmal und dauernd, sondern im Rahmen von kleineren Wechselausstellungen. Denn, wie gesagt, wir wollen auch die Geschichte des Ortes darstellen.

Was sagen Sie zum Vorwurf, das Schloss sei Disneyarchitektur? Das einzig authentische Teil, der Balkon, auf dem Karl Liebknecht am 9. November 1918 die »Freie Sozialistische Republik« verkündete, prangt am Staatsratsgebäude.

Selbst dieses Portal IV ist nicht mehr lupenrein authentisch. Es ist in Details verändert worden, als es ins Staatsratsgebäude eingebaut wurde. Das wurde jetzt festgestellt, als das gesamte Portal abgescannt wurde. Es liegt als 3D-Druck komplett vor ...

Das ist ja irre - ein 3D-Drucker wird das Schlossportal ausspucken?!

Nein, nein, nein. Das Portal wird entsprechend dem 3D-Druck in der Spandauer Schlossbauhütte nachgebaut. Es wird dem Original näher sein als das Segment am Staatsratsgebäude. Zum Disney-Vorwurf: Um diesem vorzubeugen, haben wir damals eine internationale Expertenkommission einberufen. Ihr gehörte u. a. Andrzej Thomaszewski an, der maßgeblich am Wiederaufbau des Warschauer Schlosses beteiligt war. Es wurde ein Papier mit zehn Thesen ausgearbeitet. Die Wissenschaftler der Villa Vigoni waren sich einig: Das wiederaufgebaute Berliner Schloss wird nicht Fantasy sein. Es wird Naturstein verbaut. Jedes Schmuckelement der Fassade wird von einer hochkarätig besetzten Expertenkommission abgenommen.

Sind ostdeutsche Firmen beteiligt?

Ja, Steinmetze und Bildhauer der Ostberliner und Dresdner Schule. Es wirken die Schüler von Jürgen Klimes mit, der zu DDR-Zeiten an der Wiederherstellung des ursprünglichen Gesichts des Gendarmenmarkts und auch Unter den Linden beteiligt war. Die Ausführungen erfolgen bundesweit, auch Bamberg ist mit von der Partie. Wir haben fünf Firmen unter Vertrag. Natürlich wird auch modernste Technik angewandt. Sonst könnten wir das Schloss nicht so schnell bauen. Der Feinschliff am Barockgebäude erfolgt aber manuell, wird von Hand nachgeschlagen. Damit die Natürlichkeit bleibt.

Es gibt heftige Kritik von einigen gesellschaftlichen Gruppen, dass im Humboldt-Forum die ethnologischen Sammlungen gezeigt werden sollen, die im Zuge kolonialer Eroberungen nach Berlin kamen. Das sei Verherrlichung oder Verharmlosung deutscher Kolonialgeschichte.

Das ist Unsinn. Neil MacGregor, Direktor des British Museums in London, hätte unter dieser Prämisse sich nicht bereit erklärt, als Gründungsdirektor des Humboldt-Forums anzutreten. Während in den ethnologischen Museen anderer europäischer Staaten sich in der Regel nur Exponate aus deren Kolonien befinden, kann Berlin mit kulturellen Zeugnissen aus der ganzen Welt, aus fast jedem Kulturkreis aufwarten, von Forschungsreisenden, Volkskundlern, Archäologen entdeckt und geborgen. Wir haben in Berlin eine über 500 000 Exponate umfassende ethnologische Sammlung. Das Humboldt-Forum bietet die wunderbare Chance, sie der Öffentlichkeit zu präsentieren. Durch Wechselausstellungen und die sie begleitenden Veranstaltungen werden die verschiedensten Kulturen in den Dialog treten. Die koloniale Vergangenheit Deutschlands wird natürlich auch thematisiert.

Anfangs sollte das Schloss 2014 fertig sein, nun ist 2019 anvisiert. Realistisch? Oder droht ein BER?

Gewiss nicht. Als ich meinen Job übernahm und erfuhr, dass die Eröffnung des Schlosses 2014 erfolgen sollte, sagte ich aber: Never. Großprojekte brauchen ihre Zeit.

Die Kosten sind inzwischen aber auch beim Schloss gestiegen.

Von Kostenexplosion kann man jedoch noch nicht sprechen. Wir haben ein Risiko einberechnet. Ich denke nicht, dass wir die einkalkulierten 590 Millionen Euro, plus der Option von Spenden, überschreiten werden. Erfreulicherweise gibt es immer wieder generöse Spender. Für das Eckrondell am Schlossplatz hat zum Beispiel ein Gönner 2,5 Millionen zur Verfügung gestellt. Das Schloss ersteht nicht nur auf Kosten des einfachen Steuerzahlers.

Finissage der Ausstellung heute, 18 Uhr.

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