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Diese Hörfehler

Katharina Mommsens Goethe-Dokumentation

Einmal hatte Goethe »Tugendfreund« diktiert. Der Schreiber verstand »Kuchenfreund« und schrieb es so hin. Niemand bemerkte es, auch der Autor nicht, und so wurde es schließlich gedruckt. Ein andermal hieß es »Irrtum« statt »sehr dumm«. Goethe hat es eher amüsiert.

Zu Hörfehlern, meinte er, »kann ich aus eigener Erfahrung die wunderbarsten Beyspiele anführen«. Zwischen Ende November 1817 und Ende November 1819 hat er sich in seinem Aufsatz »Hör- Schreib- und Druckfehler« zum Thema ausführlich geäußert und mittendrin eine Liste hübscher Beispiele vorgelegt. Wann und wie oft er sich mit dieser Arbeit beschäftigt hat, von der kein Entwurf und keine Druckvorlage existiert, steht jetzt in einem Buch, das ein riesiges wissenschaftliches Unternehmen fortsetzt: die 1958 von Momme Mommsen begonnene, nach dem Mauerbau abgebrochene und 2006 von Katharina Mommsen wieder ins Leben gerufene Edition »Die Entstehung von Goethes Werken in Dokumenten«.

Da wird, für den Laien fast unvorstellbar, jeder Goethe-Text, selbst der winzige Aufsatz in seiner Entwicklung verfolgt, von der ersten Erwähnung, dem Entwurf und den verschiedenen Arbeitsstadien bis zum Abschluss. Nirgendwo wird die enorme Produktivität des Dichters, an der auch Mitarbeiter, Freunde, Berater ihren Anteil hatten, sichtbarer als in dieser gewaltigen Ausgabe, die die Kenntnis einer schier unübersehbaren Literatur erfordert, aller Briefe etwa, aller sonstigen Äußerungen. Dazu sind natürlich die ungedruckten Materialien zu sichten, die in den Archiven lagern. Diese Zeugnisse für die Dokumentation eines Gedichts, Dramas oder Prosatextes vollständig zu erfassen, gleicht den Mühen des Herkules.

Band 7 wird mit Goethes Ankündigung seiner Biografie Jakob Philipp Hackerts eröffnet und reicht bis zum Entwurf einer geplanten Abhandlung über indische Dichtungen. Für den Bericht zu den Hörfehlern braucht es nur wenig Platz, aber dass Goethe bis 1819 auf das Thema mehrmals zurückkam, offenbart zumindest, dass ihm die Sache denn doch so gleichgültig nicht war. Und die vielen Hör- und Schreibfehler haben ja mitunter bizarre Folgen gehabt, sogar zu Sätzen geführt, die keinen Sinn ergeben, aber von Ausgabe zu Ausgabe ungeprüft weitergeschleppt wurden.

Katharina Mommsen, die an diesem Freitag im kalifornischen Palo Alto ihren neunzigsten Geburtstag feiert und mit bewundernswerter Energie, unterstützt von einer Schar kompetenter Mitarbeiter, an der Krönung ihres Lebenswerks arbeitet, ist unendlich froh, ein weiteres Ergebnis ihrer Mühen zeigen zu können. Ihre Gedanken freilich kreisen längst wieder um die wohl größte Herausforderung, den Doppelband, der die Entstehung des »Faust« verfolgen wird.

Sechzig Jahre lang hat Goethe in immer neuen Anläufen mit dem Stoff gerungen, da kann man sich leicht vorstellen, vor welchen Herausforderungen die Bandbearbeiter stehen, die diesen Prozess haarklein, in all seinen Phasen dokumentieren wollen.

Katharina Mommsen (Hg.): Die Entstehung von Goethes Werken in Dokumenten, Bd. 7, Red. Ute Maack. De Gruyter. 551 S., und 14 Tafeln, geb., 249 €.

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