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Sonntagsausflug auf der Peene

Mit dem letzten DDR-Motorgüterschiff durch Vorpommern

  • Von Peer Schmidt-Walther
  • Lesedauer: 5 Min.

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Die Peene, der mit 136 Kilometern längste Fluss Mecklenburg-Vorpommerns, gilt als das idyllischste Fließgewässer Norddeutschlands. Flora und Fauna des Grenzflusses zwischen den Landesteilen Mecklenburg und Vorpommern sind eine kaum besiedelte Region: ein Eldorado für Paddler und ein Lebensraum für zahlreiche geschützte Tier- und Pflanzenarten.

»Pena« nannten ihn die Slawen einst, »schaumiger Fluss«. Der schlängelt sich allerdings völlig schaumlos durch ein Urstromtal im größten zusammenhängenden Niedermoorgebiet Europas mit zahllosen Torfteichen sowie schier endlosen Sumpf- und Schilfwiesen.

Wir sind unterwegs mit der »Dömitz«, dem letzten DDR-Motorgüterschiff. Abgelegt haben wir bei Flusskilometer 89 in Anklam, der 1264 gegründeten ehemaligen Hansestadt mit Steintor, Pulverturm und Denkmal für den hier geborenen Flugpionier Otto Lilienthal. Sieben Stunden führt die Frachterreise ins Herz von Mecklenburg-Vorpommern. Mit 550 Tonnen Dünger aus dem polnischen Police im Laderaum. In den Bauch des Schiffes passt so viel, wie auf 21 Lkw, statt 630 Liter Diesel wie die Fahrzeuge auf der Straße, braucht es nur 370. Allemal eine positive CO2-Bilanz.

Das Motorgüterschiff, 1960 in Boizenburg an der Elbe gebaut, passt wie maßgeschneidert zum Fluss: 67 Meter lang, 8,19 Meter breit, beladen maximal 2,36 Meter tief gehend und mit 805 Tonnen vermessen. Im Bauch sorgt ein robuster 420-PS-Achtzylinder aus dem einstigen VEB »Karl Liebknecht« in Magdeburg. Der unschlagbare Koloss bringt ein Schwergewicht von zwölf Tonnen auf die Waage. Er ist der Letzte seiner Art in diesem Revier.

»Unterm Kiel haben wir genug Wasser«, beruhigt Kapitän Ulrich Krüger den sonntäglichen Mitfahrer mit Blick aufs Echolot. »Die natürliche Tiefe des Flusses liegt konstant zwischen drei und fünf Metern, das Gefälle beträgt auf 100 Kilometer gerade mal 28 Zentimeter. Weil die Strömung so schwach ist, können wir mit Tempo zehn zu Berg fahren. Bei entsprechenden Windrichtungen«, weiß der Schiffer, »strömt das Wasser sogar gegen die eigentliche Fließrichtung.« 19 Durchstiche und zwei Begradigungen verkürzten den Flussweg für Schiffe von ursprünglich 104,6 auf 98,2 Kilometer.

Aufregung herrscht an Bord, als ein Sumpfbiber knapp vor dem Schiff die Flussseiten wechselt. »Die Tiere«, erzählt Krüger, »wurden hier ausgewildert und sind schnell heimisch geworden«. Fischreiher segeln lautlos in den Schilfsaum. Die ersten Kraniche trompeten aus dem Schilf, zwei Seeadler streiten sich am Boden um einen erlegten Hasen, und Rehe halten beim Äsen inne oder schnellen in eleganten Sprüngen davon. »Welcher Schiffsführer hat schon solche Anblicke?!«, meint Krügers Anklamer Kollege, Geschäftspartner und früherer Schulkamerad Norbert Hagemann beim Mittagessen.

Ulrich Krüger tastet sich derweil auf der Brücke zehn Kilometer durch die scharf gekrümmten Flussschleifen, die durchschnittlich nur 60 Meter breit sind. Plötzlich ertönt aus dem Schilf eine aufgeregte Stimme: »Ist das aber ein Mordskasten!« »Der wird gleich noch länger!«, ruft jemand schlagfertig zurück. Die Stimmen gehören zwei Anglern bei Stolpe, dem schönen Dorf mit einem Gutshaus, das heute ein Hotel ist. Backbord sind die Reste eines Benediktinerklosters und der historischen Gaststätte »Fährkrug« zu sehen. Nicht weit entfernt beginnt das Peenetalmoor mit seinen ehemaligen Torfstichen. »Bis in die 60er Jahre gab es hier zwei Dutzend Ladestellen«, erzählt Ulrich Krüger. Ein paar Buhnenstummel zeugen noch von den Anlegern für Binnenschiffe. Kleine 90-Tonner wie die bei Anklam noch als Wohnschiff dümpelnde »Valeria«, luden hier Torf, Zuckerrüben und Getreide oder brachten Kohle und Kalkstein zu den früheren Zuckerfabriken in Jarmen und Demmin.

45 Kilometer Beschaulichkeit sind es bis zum Städtchen Loitz, einer slawischen Gründung aus dem 12. Jahrhundert. Überragend präsentiert sich St. Marien, die Backsteingotikkirche aus dem 13. Jahrhundert. Ulrich Krüger gibt gern den Fremdenführer. Seine fundierten Revierkenntnisse hat er auch schon in vielen Beiträgen für die Schifferzeitung dokumentiert.

Kein Schiff kommt der »Dömitz« entgegen, nur hin und wieder sieht man einen Angler. Man winkt sich freundlich zu. Zugewucherte Torfstiche zweigen wie Zinken eines Kammes vom Ufer ab. Erlenbruchwälder und Schilf gleiten als grüner Film vorüber. Durch die würzige Luft segelt ein riesiger Seeadler, der ein dreistöckiges Nest bewohnt. Man könnte fast glauben, mitten im Wald zu sein.

Anruf beim Brückenwärter. Zentimetergenau, mit nur einem halben Meter Abstand zu jeder Seite, zielt Krüger durch das Bauwerk. Routiniert-lässig: »Selbst wenn du hier mal anditschst, ist das kein Problem«.

Nach insgesamt gut 60 Kilometern kommt der 80 Meter hohe spätromanische Turm der Kirche St. Bartholomaei von Demmin in Sicht. Sie thront, von Flussarmen eingezwängt, auf einer neun Meter hohen Sandscholle. »Weil hier die Flüsschen Trebel und Tollense in die Peene einmünden, nennt man die Region auch Drei-Strom-Land. Seit der Hansezeit herrschte hier reger Schiffsverkehr unter Segeln, 1855 kam der erste Dampfer aus Stettin. Sichtbares Zeichen für den regen Handel sind die Getreidespeicher am Hafen«, erzählt Ulrich Krüger. Dahinter liegt das »blaue Wunder von Demmin«, eine Klappbrücke, die den Weg freigibt zum 20 Kilometer entfernten Kummerower See. »Bis Malchin könnten wir fahren«, sagte er, »aber für heute ist Feierabend. Morgen früh ab sieben Uhr wird die Ladung gelöscht.«

Als riesenroter Ball taucht schließlich die Sonne hinter dem Auenwald im Westen unter den Horizont und bringt den Himmel in allen Farben zum Glühen. »Hier bliwt allens bi’n Ollen!«, stellte einst der mecklenburgische Heimatdichter Fritz Reuter auf Plattdeutsch fest. Hoffentlich bleibt auch noch eine Weile für den Oldtimer »Dömitz« alles beim Alten, kann man dem alten Pott nur wünschen. Ulrich Krüger und Norbert Hagemann, beide schon über 40 Jahre auf der Brücke, sehen das alles aber eher skeptisch: »Investitionen lohnen nicht mehr. Wir sind froh, dass wir hier noch was verdienen und hoffen, bis zur Rente über die Runden zu kommen«.

Infos

Tourismusverband Mecklenburg-Vorpommern e. V.:

(0381) 40 30-550
www.auf-nach-mv.de

Die Peene ist mit rund 136 Kilometern der längste Fluss in Mecklenburg-Vorpommern. Sie entspringt bei Gnoien und mündet östlich der Stadt Anklam in den nach ihr benannten Peenestrom, einen der drei Mündungsarmen der Oder. Von ihrer Mündung bis Malchin am Kummerower See ist die Peene als 98 Kilometer langer Schifffahrtsweg ausgewiesen.

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