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Darßer Geschichten, auf Türen erzählt

Im Ostseebad Prerow wurde eine alte kulturelle Tradition der Region erfolgreich wiederbelebt

  • Von Markus Howest, Prerow
  • Lesedauer: 4 Min.
In sechster Generation stellt die Kunsttischlerei Roloff die berühmten Darßer Türen her - ganz nach alter Überlieferung. Doch auch moderne Einflüsse kommen zum Tragen. Ein Werkstattbesuch.

Es riecht nach Holz, nach antiken Schränken, Holzspänen, Farbe und viel Handarbeit. Etwas zurückhaltend empfängt René Roloff seine Gäste, sein jüngerer Bruder Dirk bleibt am Eingang stehen. Dann legt der gelernte Tischlermeister, Holzbildhauer und Restaurator los. Er spricht von der Darßer Kultur und davon, dass sie unbedingt erhalten bleiben muss. Ein Gebilde für sich, etwas ganz eigenes, so nennt er seine kleine Halbinsel - den Darß im Norden Mecklenburg-Vorpommerns. Ein schönes Symbol dafür sind die Darßer Türen, die man vornehmlich in der Ortschaft Prerow antrifft.

Die geografische Lage des Darß ließ einst wenig Austausch zu. Doch seit die Darßer im 18. Jahrhundert in ferne Meere aufbrachen, wurden sie welterfahrener und wussten, dass es jenseits ihres Horizontes noch jede Menge kultureller Schätze zu entdecken gibt.

Auch wenn die Phase des Aufbruchs zu anderen Kulturen nicht lange andauerte - die Türen sind ein Zeugnis jener Zeit. Sie spiegeln die Eindrücke der Reisenden wider: »Man war stolz darauf, erfolgreich zur See gefahren zu sein«, sagt René Roloff. »Dies hat man auch zeigen wollen.« Zugleich dokumentieren die Türen auch die tiefe Verwurzelung der Menschen in der Heimat. Die Landschaft des Darß, das bäuerliche Leben und die maritimen Symbole - auch sie prägen die Motive auf den Türen.

Eigentlich wurde die Kunst der Türmanufaktur erst 1931 wiederbelebt - durch den damaligen Prerower Bürgermeister, erzählt Roloff. Er setzte durch, dass ein Haus mit Rohrdach erbaut und mit einer typischen Darßer Tür geziert wird. Damals war es das Gemeindeamt, die heutige Kurverwaltung. Der auffallenden Tür in jenem Neubau folgten vieler weitere. Denn: »Wenn der Bürgermeister das gut findet, kann es nicht so schlecht sein«, dachten wohl die Darßer.

Inzwischen sind es über 150 solcher Türen, die überwiegend aus der Prerower Manufaktur der Roloffs stammen. Und sie sind keineswegs nur als dekorativer Schmuck gedacht, erklärt der Tischlermeister. Denn: »Ein gewisser Aberglaube schwingt immer mit.« Zunächst einmal soll die Tür einladend und freundlich wirken, die Sonne ist daher als Motiv oft mit dabei. Häufig ist auch ein Kreuz auf der Tür zu sehen. »Es schützt die Kühe davor, behext zu werden«, erklärt der Werkstattchef. Schutz gegen alles mögliche sei überhaupt ein durchgängiges Motiv. So bedeutet ein Sockel mit einem Schuppenmuster und nach oben zeigenden Spitzen die Abwehr gegen Blitzeinschlag. Auch sind Lebensbaummotive aus Tulpen ein gern verwendetes Symbol.

Und wie muss das Haus beschaffen sein, damit das Design der Tür auch richtig komponiert wird? Die Beschaffenheit der Fassade, die Himmelsrichtung der Tür, Wetter oder Meeresseite - all das gilt es zu beachten, damit der hohe Anspruch auch erfüllt werden kann: »100 Jahre soll die Tür halten«, erklärt Roloff.

Und das nicht nur auf dem Darß. Die Hälfte der Kunden stammt mittlerweile aus ganz Deutschland und Österreich, erzählt der Meister. Aber: »Wir verpflanzen nicht einfach eine Darßer Tür nach Baden-Württemberg.« Andere Lösungen, bei denen die Hausherren oft ihre eigenen Vorschläge mit einbringen, gebe es immer, versichert der Fachmann.

So liegt es auch am Export, dass man nicht bei den alten Motiven verharrt und immer wieder neue Ideen einfließen und verarbeitet werden. Motive aus der Jetztzeit: So tauchen etwa Kraniche auf, auch Fische sind heute wieder salonfähig, früher passten sie nicht zum sozialen Status. Selbst humorvolle Varianten gibt es, wenn etwa eine lustige Biene auf der Blüte sitzt.

Der sympathische Restaurator ist bei den vielen Erzählungen rund um sein Gewerbe ganz in seinem Element. Er spürt mit jeder Frage seiner Besucher, wie außergewöhnlich sein Handwerk ist. Dabei war es gar nicht sein erster Berufswunsch, Türtischler zu werden, gesteht Roloff ein. Eigentlich wollte er Architektur und Kunst studieren, ging dann aber erst einmal drei Jahre zur Armee, und am Ende hat es sich einfach so ergeben, sagt Roloff mit einem Lächeln. Viele Möglichkeiten gibt es auf dem Darß ja auch nicht.

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