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Leuchten - im Schatten

Cibulka wäre 95

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 3 Min.

Er hatte als Dichter das, was Botho Strauß ein »Vergangenheitsorgan« nennt. Verse als Vergewisserung - von Halt und Aussicht bei Vorboten. Die auftreten, um Risse zu heilen, um Kontinuitäten aufzurufen. Schreiben (und Lesen!) als Aufenthalt in einem Humanismus, der nur im Kunstwerk sicheres Asyl findet: Wer Cibulka liest, bekommt Lust an Goethe und Meister Eckhart, an Bach und Schubert, an Rilke und Hauptmann, an Jünger, Ezra Pound und Franz von Assisi.

Geboren 1920 im mährisch-schlesischen Tuchmacherstädtchen Jägerndorf, vom Zweiten Weltkrieg ins ostdeutsche Mittelgebirge verschlagen, war Cibulka ein Berufsleben lang Bibliothekar in Gotha - neben seiner Lyrik schrieb er Tagebuchprosa von großem Belang. Das schmale Werk der Jahrzehnte (er starb 2004) summierte sich zur erinnerungsdringlichen Literatur, die alle Geografie auf wenige Punkte konzentriert: das Polen und Italien des Krieges, die Ostsee, Thüringen, die Heimat am Fuße des Altvatergebirges.

Die Gedichte sind Verteidigung einer Grundgestimmtheit des abendländischen Menschen: seiner doppelten Eingespanntheit - einmal in die festen realen Verhältnisse und zum anderen in jene träumerischen Versuchungen, die dieses real Mögliche doch ständig übersteigen wollen. Leben und Schreiben gegen dieses elende »Es ist erreicht« des jetzigen Westens, da jedes Ding zur Reklame für sich selbst gerät - um einen Markt dafür herzustellen. Diesem gelogenen Endzustand, der unser Leben so stark durchdringt, setzt Cibulkas Werk, ganz im Lessingschen Sinne, ein Warten im Dasein entgegen. Wider jene zahllosen Konzepte des falschen Wohlseins, die man kaufen kann.

Cibulkas Geist ist ein Träumen, das des Menschen Fähigkeit, Vervollkommnung zu denken, nicht aufgeben will. Diese Gabe gewinnt ihre Energie freilich aus dem gleichzeitig mahnenden Blick auf jene Dinge, die den Übermut des Geistes beständig in Schach halten: Seele, Furcht, Krankheit, Selbstsucht, Gier. Und immer wieder Krieg. Denn der Mensch, »das Flammentuch der Städte/ als Standarte,/ ist auf dem Weg,/ die Hölle zu erkunden.« Der Dichter lobte die Silberdistel (»zart im Wuchs, streng in der Form, unbiegsam im Geiste«), eine Naturschönheit, die im Schatten der anderen leuchtet; Metapher wohl auch für die Umstände seiner eigenen Existenz. Auf der einen Seite hat er, kühn und naiv, sogar den wissenschaftlich-technischen Fortschritt ins Gedicht zu zwingen versucht, andererseits formte er seine bitteren ökologischen Befürchtungen zum warnenden Bild: »Der Mensch/ im Strahlengeviert. // Im Abwasser/ staut sich die/ Schuld.«

Diese Poesie verbindet mittelgebirgisches Grau und südliche Helle, nördliche Mäßigung und klassische Opulenz. Cibulka, der heute 95 wäre, befragt Schöpfung, daraus erwächst eine Fantasie, die jedes vorpreschende Erkennen achtsam in Geheimnis und Magie zurückbettet. Waches Leben bedeutet, vorletzte und letzte Wahrheiten suchen zu wollen, ohne jedoch der Illusion zu verfallen, das Verborgene auch wirklich aufhellen zu können.

Hans-Dieter Schütt ist Herausgeber von »Hanns Cibulka. Labyrinth des Lebens. Ein Brevier«, ersch. im Verlag Das Neue Berlin.

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