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Nachts hinter den Barrikaden von Gever

Die kurdische Jugend wehrt sich gegen den Staatsterror der türkisch-nationalistischen Obrigkeit in Ankara

Die mehrheitlich kurdische Stadt Cizre in der Südosttürkei war eine Woche lang von Armee und Polizei abgeriegelt worden. Kurdenvertreter werfen den Behörden schwere Menschenrechtsverletzungen in der Stadt vor. Die Bevölkerung wehrt sich dagegen, auch in Diyarbakir, der heimlichen Hauptstadt Türkisch-Kurdistans, und Gever.

Diyarbakir. Ein aufgeregtes Klappern, Rasseln und Rattern tönt durch eines der Viertel der kurdisch-türkischen Stadt Amed (türkisch Diyarbakir). Die Menschen versammeln sich auf ihren Balkonen und in den Straßen. Sie trommeln auf Töpfe, Teller und hämmern gegen Garagentore. Die Sonne geht gerade unter, und an den schlecht verputzten Wänden an der Hauptstraße flackert der Schein brennender Barrikaden.

Eine Handvoll mit Tüchern und behelfsmäßig mit T-Shirts vermummter Jugendlicher hat einen Straßenzug unter ihre Kontrolle gebracht. Immer wieder hallt eine Parole durch die dunklen Gassen: »Bijî Berxwerdana Cizîr!« – »Es lebe der Widerstand in Cizîr!«

Vor einigen Tagen endete die Belagerung der Stadt Cizîr (türk. Cizre) durch das türkische Militär. In der Stadt lieferten sich die türkische Armee und die Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) tagelang schwere Gefechte. Die Lebensmittel wurden knapp. Tote Zivilisten lagen auf den Straßen, und Verletzte konnten nicht behandelt werden – es galt eine Ausgangssperre.

Wer trotzdem auf die Straße ging, lief Gefahr, von Scharfschützen des türkischen Militärs hingerichtet zu werden, die auf den Minaretten der Stadt lauerten. Mit dem Belagerungszustand versuchte der türkische Staat, die PKK aus der Stadt zu vertreiben. Doch die Guerilla schlägt sich wacker, ihr Rückhalt in der Bevölkerung ist groß: In einem Tunnelsystem können sich die Kämpfer und Kämpferinnen der PKK von Haus zu Haus bewegen. Seit der Belagerung kommt es vor allem in den kurdischen Teilen der Türkei immer wieder zu Ausschreitungen, die Bomben- und Raketenangriffe der Armee und die Gegenaktionen bewaffneter linker kurdischer und türkischer Einheiten haben ein Ausmaß angenommen, bei dem von Bürgerkrieg die Rede sein kann. Längst kursiert auf Twitter der hashtag »civil war«. In Städten wie Amed knallt es inzwischen jede Nacht.

»Bijî Berxwerdana!«, plötzlich verstummen die Parolen hinter der Barrikade. Nur das Knistern des Feuers ist noch zu hören. Angespannt starren alle in Richtung Polizeistation. Ein Schuss durchbricht die Stille der Nacht. Tränengaskanister sausen zischend hinter der Barrikade nieder. Die Menschen flüchten sich in eine kleine Seitengasse, als mächtige Detonationen die Fenster beben lassen. Die Jugendlichen versuchen, die angreifenden Polizeikräfte durch einfache, selbst gebastelte Granaten zu stoppen. Ungebremst durchbrechen die Panzerfahrzeuge die Barrikaden. Gasse um Gasse, Haus um Haus hüllt sich alles in beißenden Tränengas-Nebel. Vom Himmel tönt das dumpfe Knattern von Hubschraubern. Von Ameds Militärflughafen starten Kampfjets in Richtung Gever (türkisch Yüksekova) im südöstlichen Teil des Landes.

Auch die Straßen von Gever im äußersten Südosten der Türkei zeugen von den Gefechten zwischen der türkischen Staatsmacht und den Selbstverteidigungskräften der Bevölkerung. Patronenhülsen liegen auf den Gehwegen, an manchen Pflastersteinen klebt Blut.

Seit einigen Tagen ist es wieder ruhiger in Gever, alles scheint wie gewohnt zu laufen, in den vielen kleinen Läden und vor den Teehäusern tummeln sich die Menschen. Doch sobald die Sonne untergeht, kreisen Hubschrauber über der Stadt, es fallen Schüsse. Abseits des Stadtzentrums, das sich unter Kontrolle des Staates befindet, türmen sich in den Seitenstraßen die Barrikaden. Errichtet wurden sie in den vergangenen Wochen durch die Bevölkerung. Als das Militär in die Stadtteile einrücken wollte, rissen die Einwohner die Pflastersteine aus den Straßen, um Schutzwälle zu errichten.

In manchen der Barrikaden sind Sprengsätze versteckt, oft aus einfachsten Mitteln wie Gaskartuschen hergestellt. Sie sind das letzte Mittel der Verteidigung, wenn die Panzerfahrzeuge des Staates nicht anders aufgehalten werden können. »Panser« nennen die Menschen in der Stadt das Kriegsgerät, in Anlehnung an das deutsche Wort Panzer. Denn viele der Waffen stammen aus deutschen Fabriken. »Mit euren Fahrzeugen bringen sie uns hier um«, schimpft ein junger Mann und deutet in eine Seitenstraße, in der sich die türkische Polizei und das Militär in Stellung gebracht haben. Der Lauf der Geschütze ist auf die belebte Hauptstraße gerichtet.

Nach den jüngsten Parlamentswahlen, in denen die Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung – die rechtskonservative Regierungspartei – massiv Stimmen einbüßte, kündigte der Staat den Dialog mit der PKK auf. Im überwiegend von Kurden bewohnten Südosten der Türkei griff der Staat die seit Jahren aufgebauten Selbstverwaltungsstrukturen der kurdischen Bevölkerung an. Tausende Menschen wurden inhaftiert. Und während Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan die angeblich erfolgreichen Attacken auf PKK-Stellungen in den Medien feiern ließ, trafen Bomben und Raketen vor allem Zivilisten.

Aufgrund der Angriffe erklärte die Bevölkerung in vielen kurdischen Städten ihre Unabhängigkeit vom türkischen Staat. Die basisdemokratischen Volksräte, die schon seit Jahren aus dem Untergrund heraus Strukturen aufgebaut hatten, übernahmen die Geschicke in der Stadt. Inmitten des wieder aufflammenden Bürgerkrieges »wollen wir die Ideale der kurdischen Befreiungsbewegung umsetzen«, wie eine junge Frau einer aufständischen Jugendorganisation berichtet. Ihren Namen will sie aus Angst vor staatlichen Repressionen nicht preisgeben. Mit »Ideale« meint sie die vom inhaftierten PKK-Mitbegründer Abdullah Öcalan entwickelte Losung des demokratischen Konföderalismus, der – anders als noch in den 80er Jahren – den Nationalstaat ablehnt und an dessen Stelle basisdemokratische Rätestrukturen aufbauen will.

Die vermeintliche Ruhe in Gever wirkt drückend, es herrscht eine Art Belagerungszustand. Erst Anfang des Monats hallte die Parole »Sehid namirin!« durch die Straßen – »die Märtyrer sind unsterblich«. Tausende Menschen erwiesen Ali Kaval die letzte Ehre. Der junge Mann fiel den Kugeln der türkischen Polizei ausgerechnet in der Nacht zum 1. Septem-ber zum Opfer, dem Weltfriedenstag. Vier Kugeln trafen ihn in Beine, Brust und Kopf. Die Szenerie glich einer Hinrichtung, wie Augenzeugen berichten. Bewaffnet war er nicht, die Schüsse trafen ihn aus einem Militärfahrzeug.

Er war nicht der einzige Zivilist, der in den vergangenen Tagen sein Leben lassen musste: Neun Menschen wurden in Gever von türkischen Sicherheitskräften getötet, manche der Opfer wurden von den Kugeln getroffen, während sie schliefen. Immer wieder ziehen Beerdigungsprozessionen durch die Straßen, die Menschen schreien sich die Wut aus dem Bauch, unzählige PKK-Fahnen flattern im Wind. »Europa muss endlich handeln«, sagt die Mutter eines der Gefallenen, mit fast flehendem Tonfall. Wie es aussieht, wird sie wohl weiterhin enttäuscht werden.

Denn aus Europa kommt zwar immer wieder Kritik an Staatschef Erdogan. Aber berichtet wird kaum über die Geschehnisse im kurdischen Teil des Landes. Und wenn berichtet wird, übernehmen viele Medien die Sicht des türkischen Staates. Und die ist einseitig. So wird beispielsweise behauptet, dass jene Raketen, die in den vergangenen Wochen immer wieder auf Gever niederprasselten, von der PKK abgefeuert worden seien. Doch fragt man die Menschen, deren Häuser durch die Raketen zerstört wurden, hört man etwas ganz anderes: »Der Beschuss kam aus einem 15 Kilometer entfernten Militärstützpunkt«, erklärt der Bewohner eines völlig ausgebrannten Hauses. Außerdem sind Fenster und Wände durchlöchert von Kugeln, abgefeuert aus Helikoptern der türkischen Armee.

Angriffe auf die Zivilbevölkerung mit Raketen sind Kriegsverbrechen. Und so werden sie auch von der HDP, der linken kurdisch-türkischen Demokratischen Partei der Völker, inzwischen genannt.

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