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Eine Stadt im Spagat

Kommen und Gehen - Frankfurt/Oder zieht an und stößt ab und ist ohne den Zwilling Slubice selbst nur Hälfte

  • Von Henry-Martin Klemt
  • Lesedauer: 7 Min.

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Slubfurt ist ein Kunstname aus Frankfurt und Slubice. Doch es ist auch ernsthaftes Projekt auf beiden Seiten der Doppelstadt an der Oder. Und Seelenzustand einer Stadt, die um ihre Zukunft ringt.

Wenn Journalisten in den 1990er Jahren einen finsteren Ort suchten, wenn sie ihre Vorstellung geistiger, seelischer und erst recht wirtschaftlicher Tristesse zu illustrieren trachteten, kamen sie an die Oder. Frankfurt ist eine gebeutelte Stadt. Eigentlich wäre sie gern berühmt und noch lieber richtete sie sich ein in ihrer mentalen Betulichkeit, aber weder das eine noch das andere ist ihr bis heute vergönnt.

Für die Berühmtheit fehlt Frankfurt der strahlende Kern, um den das städtische Leben kreist. Für die Betulichkeit fehlt es an Geld. Die Stadt verbraucht 100 Millionen Euro - rund 40 Prozent des Etats - für Jugend- und Sozialhilfeleistungen, jedes dritte Kind ist armutsgefährdet. Die Arbeitslosigkeit liegt immer über dem Brandenburger Landesdurchschnitt. Das lässt sich auch im Straßenbild nicht verbergen. Die Stadt hat ihre Jugendlichkeit verloren.

Euphorisch war man hier nie, nüchtern eher und ein wenig mürrisch. Immer geneigt, ein bisschen zu meckern auf Gott, die Welt und die da oben, aber auch, furchtbar beleidigt zu sein, wenn Fremde dies tun. Aber es kommt auch schon eine Generation in die Jahre, die nicht mehr an vergangenen Enttäuschungen trägt, sondern die hier ihre Nester baut. Und wenn das ein Ort sein soll zum Leben, dann muss man ihn selbst gestalten, so gut man kann. Diese Anfangzwanziger bis Enddreißiger prägen die Kulturszene, das studentische Leben, so weit es nicht nachmittags in den RE 1 nach Berlin steigt, sie säen Neugier auf Nachbarschaft jenseits der Oder und Zukunft jenseits der Eurobürokratie. Sie ernten Spott, Mitleid - und langsam auch ein wachsendes Interesse.

Für sie ist nicht mehr wichtig, dass Frankfurt einmal Bezirksstadt in der DDR war, dominiert durch die Mikroelektronik, verjüngt durch den Zustrom der Fachkräfte, die hier Wohnung fanden, ein gutes Auskommen und eine Stadt, die sich neu erfunden hatte. Für sie ist wichtig, dass sie die Stadt selber neu erfinden müssen - und können. Das ist die Hoffnung, die sie hält. Ob sie geborene Frankfurter sind, spielt keine Rolle dabei.

Für Michael Kurzwelly, der seiner Heimatstadt Bonn den Rücken kehrte, ist Frankfurt Wahlheimat geworden. Eigentlich Slubfurt - so heißt auch der von ihm gegründete Verein - die europäische Doppelstadt am Fluss. »Ich liebe diesen Ort, weil ich mich so schnell zwischen den Kulturen hin- und her bewegen kann«, sagt er. Bürgerprojekte, Chorsingen mit Flüchtlingen, Unterhaltungen in drei Sprachen zugleich und Kunst, die mit einem Stück Utopie auffällig wird im Stadtbild: Das ist Zuhause für ihn.

Auch Torsten Seiring, der ein erfolgreiches Werbeunternehmen leitet, hat es immer wieder nach Frankfurt gezogen. »Ich habe in Berlin mehr Geld verdient und auch schon in Frankfurt am Main gearbeitet. Aber zu Hause bin ich hier.« Deshalb engagiert er sich für sozial tätige Vereine, unterstützt neue Ideen und Projekte und setzt sich auch öffentlich dafür ein, dass Frankfurt weltoffen und menschenfreundlich bleibt.

Es gibt Initiativen wie die Bürgeraktion Gesunde Umwelt für meine Stadt - der Lennépark. Vor sieben Jahren ein ganz bescheidener Anfang: Sonja Gudlowski, die jeden Tag durch den Park geht, ging seine Wiederherstellung entschieden zu langsam. Inzwischen sind Zehntausende Euro Spenden gesammelt worden. Jeden Sommer gibt es eine Kleine Parknacht, an der Künstler und Unternehmer aus der Region sich beteiligen - als Sponsoren für einen der ältesten Bürgerparks in Deutschland. Andere ziehen den Überraschungseffekt vor. Eines Abends beleuchteten hunderte Frankfurter die Fassade des seit Jahren ungenutzten Filmtheaters der Jugend mit Taschenlampen. Zum bunten Comicbrunnen im Zentrum trugen sie Wasser in Flaschen, um auf die Trockenheit aufmerksam zu machen, die jedem Gast signalisiert: Denen hier steht das Wasser bis zum Hals.

Das Kino ist noch ungenutzt, aber der Brunnen, dank Sponsoren, sprudelt wieder.

An solche Leute denkt vielleicht auch Oberbürgermeister Martin Wilke, wenn er sagt: »Den Standort schlechtreden werde ich nicht. Wenn ich keinen Raum mehr zum Gestalten hätte, dann könnte ich den Job nicht machen.«

Vor der gesellschaftlichen Transformation hat der geborene Frankfurter selbst im Halbleiterwerk gearbeitet, mit anderen Ingenieuren Messverfahren für neue Produkte entwickelt. »Wir wussten, dass dieses Werk mit seiner Produktpalette von 400 Bauelementen nie effektiv arbeiten kann. Aber wir waren jung, hatten eine spannende Aufgabe und haben sie erfolgreich gelöst.« 1993 promovierte er. »Ich wollte diese Etappe zu Ende bringen.« Solche Haltung kam ihm zugute, als ein pragmatischer Kopf für die Stadtspitze gesucht wurde. Einer, der integrieren kann, von keinem Parteibuch belastet. Inzwischen verfügte Wilke über Erfahrungen beim Stadtmarketing und bei der Ansiedlung neuer Unternehmen. Das ist bis heute Chefsache für ihn. Ohne sich durch Misserfolge seiner Vorgänger verunsichern zu lassen, holte er die chinesische Chintgruppe an die Oder, ein Großkonzern, der unterdessen mit dem Gedanken spielt, auch seine Europa-Logistik in Frankfurt anzusiedeln. »Es wurde immer wieder versucht, große Investitionen zu realisieren - von der Mikroelektronik bis zur Solarindustrie. Aber Land und Bund dürfen die Stadt bei solchen Projekten auch nicht alleinlassen«, ist Wilke überzeugt. »Wovon wollen wir morgen leben, wenn wir nicht über ein solides wirtschaftliches Fundament verfügen?«

Heute klingt Oberzentrum ein bisschen, wie früher Bezirksstadt klang. Aber um zentrale Aufgaben in Ostbrandenburg zu erfüllen, Kultur-, Bildungs- und Dienstleistungsangebote zu erhalten, braucht die Stadt Handlungsspielraum. Vehement kämpft das Stadtoberhaupt deshalb um die Kreisfreiheit der Oderstadt. Auf den Tisch legt er ein Organigramm der Verwaltung. Es ist gespickt mit roten Strichen. Dazwischen wenige grüne. Sie zeigen, wie viel Entscheidungsfreiheit der Kommune als Teil eines Landkreises bliebe: außer Stadtarchiv, Standesamt und Sanierungsplanung fast keine. Martin Wilke protestiert dagegen in Potsdam mit seinen Amtskollegen aus Brandenburg an der Havel und Cottbus, mobilisiert Institutionen und Verbände. »Wenn wir eine europäische Doppelstadt sein wollen, müssen wir agieren können«, ist er sich auch mit seinem Slubicer Amtsbruder Tomasz Cieszewicz einig. In der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit bescheinigte erst kürzlich Staatssekretär Thomas Kralinski Frankfurt und Slubice eine »Leuchtturm-Rolle« und eine Zusammenarbeit, wie sie bundesweit nirgendwo so weit gediehen sei. Nicht nur in kulturellen Belangen, wo seit Jahrzehnten zusammengearbeitet wird, sondern auch bei der Daseinsfürsorge. Eine Buslinie durchfährt beide Städte. In diesem Jahr wurden die Fernwärmenetze gekoppelt, um Versorgungssicherheit für die Zukunft zu gewinnen und dabei Kosten zu sparen. Im Bildungsbereich will Wilke über Euro-Kita, Gymnasium und Europa-Universität hinaus einen ähnlich engen Verbund schaffen. »Dazu gehört eine Grundschule.«

Frankfurt (Oder) hat von seinen mehr als 86 000 Einwohnern seit 1990 rund 28 000 verloren. »Über Potenziale wurde hier relativ spät nachgedacht«, gibt Wilke zu. Die Stadtsanierung bis zum Auslaufen des Sondersteuerabschreibungsgesetzes Mitte der 90er Jahre war erfolgreich. Der Großteil historischer Gebäude konnte gerettet werden. Andere verfallen jetzt vor aller Augen. Die Stadt schiebt einen Reparaturstau in Millionenhöhe vor sich her: bei Straßen, Schulen, öffentlichen Einrichtungen. Nicht einmal zum Rasenmähen reicht das Geld überall. Fast 8500 Bürger leben von Hartz IV. Bei diesen Ausgangsbedingungen bis 2018 einen ausgeglichenen Haushalt zu erreichen, wie die Stadtverordneten es beschlossen haben, gelingt nicht ohne Substanzverlust. Das ist inzwischen auch dem Letzten klar geworden, der sich vor unpopulären Entscheidungen bislang drücken konnte. Die Verteilungskämpfe spalten auch die Verwaltung, und der Oberbürgermeister schiebt Frust: »Zum ersten Mal seit der Wende verbrauchen wir Investitionsmittel für die Konsumtion.«

Das Integrieren der Parteien und Fraktionen und erst recht der vielfach enttäuschten Bürger ist doch viel schwerer, als gedacht. »Wir müssen in unsere Chancen investieren: Bildung, Forschung und Entwicklung, kleine und mittlere Unternehmen.« Immerhin hat die Viadrina einen Bestplatz im Ranking der Universitäten, wenn es um die Ausgründung neuer, innovativer Firmen geht. Das Leibniz-Institut für innovative Mikroelektronik schafft Zukunftstechnologie mit seinen Mitarbeitern aus mehr als 30 Ländern. »Wir müssen uns am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen«, beschwört der Verwaltungschef. »Ich gebe die Stadt nicht auf.«

Eine 15-Jährige antwortet auf die Frage, ob sie in Frankfurt bleiben möchte: »Das ist doch ein Massengrab. Die wissen bloß noch nicht, dass sie schon tot sind.« Berlin ist zu nah für einen mobilen Jugendlichen, als dass man nicht mit solchem Bescheid rechnen müsste. Umgekehrt verzeichnet etwa die Europa-Universität Viadrina einen wachsenden Anteil an Studenten und Professoren, die ihren Wohnsitz in Frankfurt nehmen. Kommen und Gehen: Zwischen beidem steht die grüne Stadt an der Oder - im kräftigen Spagat.

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