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Deutschland ungetrübt

Bernd Zeller über den Benzinpreis und den Hang der Deutschen, in jeder Chance eine Krise zu sehen

Unser heutiger Bericht befasst sich mit den Stimmungsschwankungen im Hinblick auf uns selbst sowohl in unserem Land als auch in der Außenwahrnehmung. Mit vollem Recht legen wir höheren Wert darauf, wie wir im Ausland wahrgenommen werden, als auf unsere eigenen Befindlichkeiten, zumal es uns in der Summe ohnehin zu gut geht. Wenn uns das Ausland wohlgesonnen ist, dann können wir uns getrost mitfreuen, das sieht dann nicht nach Selbstgefälligkeit aus, denn diesen Eindruck wollen wir vermeiden, um uns ungetrübt wohlfühlen zu können.

Das größte Problem, das uns staatspolitisch aktuell wie langfristig beschäftigt, sind die Benzinpreise. Nun könnte man einwenden, auf die Benzinpreise wird geschimpft, seit es Ölkrisen gibt, die hohen Benzinpreise gehören sozusagen zu Deutschland, aber derzeit ist die Lage anders, also schlimmer. Die Benzinpreise sind im Sinken begriffen, und sollte sich dieser Trend fortsetzen, dann wird, so schätzen Experten, das Benzin noch billiger. Das wäre katastrophal, denn der Preis des Benzins besteht größtenteils aus Steuern. Zu günstig tanken, das ruiniert das Land. Dies nun wäre wiederum gut für Angela Merkel, denn niemand hätte erwartet, dass der Ruin des Landes nicht mit ihrer Kanzlerschaft verbunden werden würde.

Damit ist erklärt, warum wegen der niedrigeren Kosten für das Autofahren noch keine richtige Euphorie aufkommen will. Man freut sich nicht im selben Maße, wie man von den hohen Preisen geschockt gewesen war. Auch das ist typisch deutsch: Man sieht in jeder Chance die Krise.

Wenn die Euphorie nicht wahnsinnig groß ist, lässt sie sich auch nicht kaputtmachen. Es ist daher nicht abwegig zu erwarten, dass die größte Koalition aller Zeiten eine Benzinpreisbremse beschließt, eine, die das Sinken aufhält. Etwa in Form einer pauschalen Tankstellengebühr im Quartal oder einer Straßenumlage pro Haushalt. Maut für alle, das ginge auch. Das wäre sogar europarechtskonform. Alle zu belasten, das ist im Sinne Europas. Einige zu begünstigen, so was fällt nur den Bayern ein und ist deshalb europarechtswidrig. Spaßeshalber könnte Minister Dobrindt ja mal eine Maut nur für Inländer initiieren, einfach nur, um zu gucken, wie der Politikbetrieb in Brüssel daran nagt. Für unser Ansehen in Europa wäre es vermutlich ganz zuträglich.

Zum Glück haben wir das im Moment nicht nötig. Die Kanzlerin hat unsere Beliebtheit ansteigen lassen mit einem schlichten »Wir schaffen das«, was in der Historie die erste an die Deutschen gerichtete Durchhalteparole gewesen sein dürfte, die in der Welt Begeisterung ausgelöst hat. Wir können sehr stolz sein und müssen uns gar nicht mehr dafür genieren, wenn wir Deutschland für das einzige zumutbare Land halten. Sogar von einer nationalen Aufgabe darf wieder geredet werden, ohne dass hierbei jemand die Befürchtung hat, es würde auf die Vergesslichkeit der Massen gerechnet.

Es ist erst allmählich klargeworden, dass die Kanzlerin mit dem Wir, das es schafft, weniger sich und uns meinte, sondern alle anderen, die uns so schmählich alleine lassen. Das kommt davon, dass die anderen Länder aus historischen Gründen Vorbehalte gegen gemeinsame Anstrengungen mit Deutschland haben.

Beim Benzinpreis funktioniert das Retten von Merkel schon ganz gut. Die Tankstellenketten senken den Preis nicht so weit, wie es der Ölpreis ermöglichen würde, damit Merkel und Schäuble nicht zu sehr darunter leiden. Die Stimmung würde auch schnell in Hass umschlagen, wenn die Preise wieder auf das Niveau steigen, das sie schon einmal gehabt haben. Die Autofahrer empfinden den Anstieg als genauso schmerzlich wie von einem hohen Preis ausgehend.

Mit dem Flüchtlings-Sommermärchen verhielt es sich ähnlich. Man war nur kurze Zeit in guter Stimmung wie zur Fußball-WM. Aber das ist normal - wir werden ja auch nicht jeden Monat Fußballweltmeister.

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