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Steinhoffs Einheit

Vater Carl setzte sich 1947 für eine deutsche Vereinigung ein. Sohn Rudolf erlebte sie - »mit verhaltener Wut«

  • Von Wolfgang Hübner
  • Lesedauer: 8 Min.

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»Der Westen wollte keine Gleichberechtigung«, sagt Rudolf Steinhoff, »deshalb ist eine Einheit, wie sie mein Vater anstrebte, nicht zustande gekommen.«

Das Erwachsenendasein des Rudolf Steinhoff zerfällt in zwei Teile: ein Ostleben und ein Westleben. In seinem Ostleben war er ein angesehener Mediziner, einer, der eine eigene Meinung hatte und sie sich auch leistete. In seinem Westleben wurde er ein Bittsteller, einer, den man schief ansah und den man eigentlich nicht brauchte. In seinem Ostleben war er jung, hatte große Hoffnungen, arbeitete, gründete eine Familie. Aber hier war sein Leben auch so festgefahren, dass er irgendwann das Gefühl hatte, es gehe nicht mehr weiter. Nicht mehr vorwärts, nicht mehr aufwärts. In seinem Westleben ging es nicht mehr ums Vorwärts und Aufwärts; es ging vor allem darum, überhaupt einen Platz zu finden. Aber woher sollte er das wissen, damals?

Was Steinhoff damals, im Frühjahr 1981 auch nicht wissen konnte: dass er seinen 17 Millionen Landsleuten aus der DDR nur voranging auf dem Weg in die Bundesrepublik. In der Wendezeit 1989/90, als er sich schon dem Ruhestand näherte, hatte er den Ostdeutschen fast zehn Jahre Praktikum im Kapitalismus voraus. Mit Grausen beobachtete er, wie der Ruf »Wir sind das Volk!« umschlug in die Parole »Wir sind ein Volk!«. Er gehörte längst nicht mehr dazu, er war ein Außenstehender. Dennoch ging es ihm ans Herz, weil er wusste, was nicht wenigen der euphorischen Demonstranten bevorstehen würde.

Der Weltgeschichte hat es gefallen, sich mit einem ordentlichen Schuss Ironie in seine Familienchronik einzumischen. Denn Steinhoffs Vater Carl hatte sich für die deutsche Einheit eingesetzt - in einer anderen Zeit, unter gänzlich anderen Voraussetzungen. Man könnte die Geschichte der Steinhoffs als Familiensaga verkaufen, in der sich das wilde, reißende 20. Jahrhundert spiegelt.

Was man über Carl Steinhoff weiß, ist ganz wesentlich seinem Sohn zu danken. Der brachte vor ein paar Jahren ein Buch heraus - »Carl Steinhoff. Die Biografie« -, um seinen Vater dem Vergessen zu entreißen. Kaum jemand kannte ihn noch, obwohl er in der Gründungsphase der DDR eine wichtige Figur war. Das ist keine Übertreibung bei einem Mann, der Brandenburgs erster Ministerpräsident nach dem Krieg gewesen ist und der erste Innenminister der DDR. Als 1990 wieder ein Land Brandenburg zu existieren begann und eine sozialdemokratische Regierung bekam, war der Name Steinhoff kaum jemandem ein Begriff.

Dabei war Carl Steinhoff Sozialdemokrat. Der Jurist wurde 1923 von der rot-roten sächsischen Regierung in die Berliner Vertretung entsandt und wie die gesamte Landesregierung nach nur sieben Monaten aus dem Amt gejagt - Reichskanzler Stresemann und Reichspräsident Ebert, beide Sozialdemokraten, wollten damit rechtsradikalen Putschisten in Bayern den Wind aus den Segeln nehmen. Als der Beamte Steinhoff 1932 das nächste Mal entlassen wurde - inzwischen Vize-Oberpräsident in Königsberg -, regierte Kanzler von Papen das durch die politische und wirtschaftliche Krise taumelnde Deutschland mit Notverordnungen. Die Nazis erlegten Steinhoff wenig später ein Berufsverbot als Rechtsanwalt auf. Die Familie zog in einen Vorort von Potsdam; Carl Steinhoff lernte Sprachen, lebte vom Bürojob in einer Kartonhandlung und einer aus politischen Gründen gekürzten Pension. Seine Frau, die einer österreichischen Adelsfamilie entstammte, arbeitete als Dolmetscherin.

Als der Krieg vorbei war, bot Carl Steinhoff der neuen Potsdamer Stadtverwaltung seine Dienste an. Jemand aus der Gruppe Ulbricht - aus dem Moskauer Exil heimgekehrte kommunistische Emigranten - erkannte seine Fähigkeiten, und beinahe im Handumdrehen wurde Steinhoff Präsident der Provinzverwaltung Brandenburg. Ein Jahr später war er der erste brandenburgische Ministerpräsident. Karrieren machen in Umbruchzeiten zuweilen große Sprünge.

Als Ministerpräsident schrieb Carl Steinhoff mit an einem Kapitel der schwierigen deutsch-deutschen Geschichte. Der einstige Sozialdemokrat, der aus Überzeugung für die Vereinigung von KPD und SPD eingetreten war, wollte ebenfalls aus Überzeugung die Teilung Deutschlands überwinden. Als im Juni 1947 die Ministerpräsidenten der deutschen Länder aus Ost und West in München tagten, setzte sich Steinhoff als Sprecher der ostdeutschen Premiers für die Schaffung einer gesamtdeutschen Zentralverwaltung ein - als Voraussetzung für einen neuen deutschen Einheitsstaat. Aber die Westländer lehnten rigoros ab, auch unter dem Einfluss ihrer Besatzungsmächte. Steinhoff konstatierte enttäuscht, das Wort Einheit scheine »in der Westzone einen anderen Klang zu haben als bei uns«. Auf der anderen Verhandlungsseite dagegen herrschte Erleichterung: »Gottlob«, fasste später einer der Unterhändler die Stimmung zusammen, »dass wir die Kommunisten los sind.«

Drei Jahre blieb Steinhoff Regierungschef. Bis im Herbst 1949 der SED-Vorsitzende Wilhelm Pieck mit einem Stoffballen unterm Arm bei ihm auftauchte und erklärte, Steinhoff brauche dringend einen neuen Anzug, denn er solle Minister in Berlin werden. Bald darauf war er der erste Innenminister der DDR. 1952 wurde er abgelöst, angeblich, weil Moskau auf dem Posten lieber einen Militär wollte. Mag sein, dass man auch Anstoß an seiner SPD-Vergangenheit nahm; die SED hat sich nicht gerade liebevoll um ihre sozialdemokratischen Wurzeln gekümmert. Steinhoff jedenfalls verlor nach und nach seine politischen Ämter, landete letztlich beim Bezirksfriedensrat. Sein Name verschwand weitgehend aus dem öffentlichen Gedächtnis.

Als Carl Steinhoff abserviert wurde, ging für seinen Sohn Rudolf, Jahrgang 1927, das Leben gerade erst richtig los. Er studierte Medizin, wurde später Chef des Polizeikrankenhauses, danach einer anderen Berliner Klinik, war natürlich SED-Mitglied. Vielleicht glaubte er, seine Kompetenz würde ihn in kritischen Debatten schützen. Wer im DDR-Gesundheitswesen Verantwortung trug, nur zu oft im Konflikt zwischen hohem Anspruch und begrenzten Möglichkeiten, hatte gewiss genügend Anlass zu Kritik. Nach einem Fachkongress in Finnland 1967 merkte er unter dem Eindruck der vorzüglichen Klinikausstattung dort drastisch an: »Wenn man aus Helsinki nach Berlin zurückkehrt, ist einem wohl so, als wenn man aus dem kaiserlichen Deutschland in den afrikanischen Busch gekommen wäre.« Mit solchen Äußerungen machte man sich keine Freunde. Und auch nicht mit dem Diktum: »Zentralismus haben wir genug, wir bräuchten ein bisschen mehr Demokratie.«

Solche Sätze wurden Steinhoff letztlich zum Verhängnis; die SED wollte jemanden mit diesen Ansichten loswerden. Steinhoff blieb zwar Chefarzt, war aber plötzlich nicht mehr ärztlicher Direktor. Eine Professur, die seiner Position entsprochen hätte, wurde ihm verwehrt. Reisen zu internationalen Kongressen konnte er vergessen, was die Möglichkeiten wissenschaftlicher Arbeit einschränkte.

Irgendwann reifte der Entschluss wegzugehen. Nach Österreich, wo Verwandte seiner Mutter lebten. Steinhoff versuchte nicht, genauer herauszubekommen, was ihn dort erwarten würde. Mancher hatte ihm versichert, er werde selbstverständlich einen guten Job als Arzt finden, bei seiner Reputation. »Aber das wurde eine Bauchlandung.« In Österreich staunten sie zwar, dass die Übersiedler aus diesem merkwürdigen Ostdeutschland immerhin einen Kühlschrank dabei hatten. Aber eine Stelle als Arzt? Österreich ließ Ausländer damals generell nicht praktizieren.

Nach eineinhalb Jahren zog die Familie weiter, in die Bundesrepublik. An einem Hamburger Krankenhaus ging er, der einstige Chefarzt, in die Probezeit. »Da wurde vor allem geprüft, ob man die Schnauze hält und nicht aufmuckt«, sagt Steinhoff. Am Ende wurde er nicht übernommen; man nahm ihm Kritik an einer fachlich überholten Diagnosemethode übel.

Steinhoffs Frau, ebenfalls Ärztin, eröffnete eine Praxis, er selbst aber bekam nirgends einen Fuß auf die Erde. Vielleicht war es auch eine Altersfrage, mit Mitte 50. Schließlich wandte er sich an einen Hamburger CDU-Bundestagsabgeordneten. Er, der Linke aus dem Osten, bat in der entgegengesetzten politischen Ecke um Hilfe. »Gott sei's geklagt«, sagt er, »aber etwas anderes blieb mit nicht mehr übrig.« Der CDU-Mann ließ seine Beziehungen ein wenig spielen, und siehe: Steinhoff bekam eine Stelle beim Bundesgesundheitsamt. Das saß in Berlin West und befasste sich mit Schadensmeldungen über die Wirkung von Medikamenten. Auch gut, dachte Steinhoff, denn damit hatte er sich schon in der DDR befasst. Er hatte sogar an einem Fachbuch über Medikamente in der Schwangerschaft mitgeschrieben. Es erschien kurz vor seiner Ausreise; in späteren Auflagen aber fehlte sein Name.

Von 1985 an fuhr Steinhoff fünf Jahre lang jeden Montagmorgen von Hamburg über die Transitautobahn nach Westberlin, um im Amt eine Arbeit zu versehen, die er schon bald als »völlig wirkungslos« einschätzte: »Die Pharmakonzerne sitzen letztlich am längeren Hebel.« Das oberste Gesetz auch hier: Bloß nicht widersprechen. »Die Freiheit«, sagt Steinhoff, »fing im Westen um 16 Uhr an, mit dem Feierabend.« Wieder einer dieser Steinhoff-Sätze; sarkastisch, immer voll aufs Schlimme. 1990 ging Rudolf Steinhoff in Rente; er dürfte es als Erlösung empfunden haben. Aber glücklich war er nicht. Deutschland befand sich im Einheitstaumel, den er mit »verhaltener Wut« beobachtete. »Der Westen wollte keine Gleichberechtigung«, befindet er, »deshalb ist eine Einheit, wie sie mein Vater anstrebte, nicht zustande gekommen.«

Das Schicksal des Vaters hat ihn nicht losgelassen. Carl Steinhoff starb im Sommer 1981, kurz nach der Ausreise des Sohns. Der Ruheständler Rudolf Steinhoff hat Akten gewälzt, in Archiven gesucht. Und fand im Nachlass Gedichte des Vaters, von denen der nie erzählt hatte. Verse voller Lebensklugheit, manchmal heiter, manchmal resignativ. Darunter ein Vierzeiler, den Carl Steinhoff im Frühjahr 1976 schrieb, als Rudolf aus der SED ausgeschlossen worden war, und den der aus dem Stegreif rezitieren kann: »Du suchtest Wahrheit und Gerechtigkeit / und fandest nichts als Willkür und die Lüge. / Verloren geht, Freund, nur, was vorhanden war, / was niemals auf der Welt war, suchen Toren.«

Spät wurde Rudolf Steinhoff von seinem Ostleben eingeholt - als er den Rentenbescheid erhielt. Für seine Arbeit in der DDR erhalte er »etwa so viel wie eine Sekretärin damals aus unserer Klinik«, verglichen mit Westkollegen lächerlich wenig. Steinhoff sagt, er könne »nicht umhin, diese Praxis mit der der Nazis zu vergleichen, die mein Vater erleben musste«. Mindestens diese Rechnung hat er mit dem vereinten Deutschland noch offen.

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