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Erdkabel lösen nicht alle Probleme

Erste Höchstspannungsleitung unterirdisch verlegt - Praxistest steht aber noch aus

  • Von Rolf Schraa, Raesfeld
  • Lesedauer: 3 Min.
Können Erdkabel die ungeliebten Strommasten ersetzen? Was viele Bürgerinitiativen fordern, sieht Netzbetreiber Amprion auch nach Fertigstellung des ersten Pilotprojektes skeptisch.

Neue Stromautobahnen für die Energiewende mit 70 Meter hohen Masten sorgen bundesweit für Streit. Viele Bürgerinitiativen fordern Erdkabel als landschaftsfreundliche Alternative. In Raesfeld im Münsterland ist Deutschlands erste 380 Kilovolt-Höchstspannungsleitung im Boden jetzt fertig verlegt. Im Frühjahr 2016 soll sie ans Netz gehen - sehr zur Freude der »Pro Erdkabel NRW«-Bürgerinitiative. Doch Fachleute des Übertragungsnetzbetreibers Amprion bleiben skeptisch - zumindest, was eine Großanwendung angeht.

»Derzeit gibt es nur wenige Erfahrungen«, antwortete der technische Amprion-Geschäftsführer Klaus Kleinekorte vor kurzem auf eine Anfrage der Bundesnetzagentur. Die Leitung müsse erst mal gründlich getestet werden. »Der weitere Ausbau von Verkabelungsabschnitten sollte daher schrittweise erfolgen.«

Eineinhalb Jahre dauerte es, das 3,4 Kilometern lange Erdkabel zu verlegen - alles andere als ein Spaziergang. 42 Meter breit ist die Trasse, auf der dauerhaft keine Bäume mehr wachsen dürfen. Eine wichtige Bundesstraße und ein Bach mussten aufwendig unterquert werden. 30 Millionen Euro hat das Kabel gekostet - gut sechs Mal so viel wie eine vergleichbare Überlandleitung, wie Amprion-Sprecher Andreas Preuß sagt.

Die Raesfelderin Gaby Bischop, Mitbegründerin der Pro-Erdkabel-Initiative, ist dennoch hoch zufrieden. Die Trasse sei bereits mit Rotklee überpflanzt - vorher hätten dort ja Strommasten gestanden. »Das Landschaftsbild hat sich positiv verändert«, sagt sie. Die hohen Kosten hingen auch mit dem Pilotcharakter zusammen. Mit mehr Erfahrung werde die Technik bestimmt günstiger.

Etwas skeptischer sehen das die Bauern der Region, berichtet der Amprion-Sprecher. Sie wollen erst mal abwarten, wie sich ihre Getreideernten über dem in zwei Metern Tiefe verlegten Kabel entwickeln. Denn die gewaltige Leitung, die Strom für mehr als drei Millionen Menschen transportieren kann, strahlt auch kräftig Wärme ab. 35 Grad sind es am Kabel, sagen die Techniker, bei Teilabschaltungen einzelner Stränge könnten es bis zu 50 Grad werden. Die Bauern fürchten, dass das den Boden austrocknet, auch wenn eine Untersuchung Entwarnung gegeben hat.

Die Amprion-Techniker haben weitere Bedenken: Leitungen im Boden sind natürlich im Schadensfall nicht so schnell zu reparieren wie Überlandleitungen. Eine sechs Mal höhere Nichtverfügbarkeit befürchtet Kleinekorte.

Die Raesfelder Leitung transportiert Wechselstrom, der aus technischen Gründen beim Überbrücken langer Strecken schnell Spannung verliert. Maximal sind zehn Kilometer am Stück möglich, dann müssen Kompensationsanlagen von der Größe eines Trafohäuschens eingebaut werden.

Bei Gleichstromleitungen, wie sie für die großen Strombrücken nach Bayern vorgesehen sind, gibt es diese technischen Transportprobleme nicht. Sie brauchen auch nicht so viel Platz für die Kabeltrasse. Stattdessen sind aber große Konverteranlagen erforderlich, die den Strom erst in Gleichstrom und am Ende des Transportweges wieder zurück in haushaltsüblichen Wechselstrom umwandeln.

Dass solche Anlagen auch wütende Bürgerproteste hervorrufen können, hat Amprion in Meerbusch-Osterath bei Düsseldorf gelernt: Dort sollte eine bis zu 20 Meter hohe Anlage von der Größe von 14 Fußballfeldern relativ nahe an Einfamilienhäusern entstehen. Nach jahrelangen heftigen Bürgerprotesten mit zahllosen Eingaben und einer Menschenkette wurde der Standort Ende vergangenen Jahres aufgegeben.

»Das Kabel löst nicht alle Probleme«, sagte der technische Geschäftsführer Klaus Kleinekorte 2014 bei einer Präsentation der Erdkabelbaustelle in Raesfeld. Insgesamt schätzt Amprion, dass sich nur rund ein Zehntel der geplanten neuen Stromleitungen in Deutschland für Erdkabel eignen. dpa/nd

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