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Wo der Gully heimelig leuchtet

Im niedersächsischen Wallenhorst erinnert ein Kreisel an eine Sternstunde des Gemeinderats

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Nicht nur Millionenverschwendung, auch fragwürdige kleinere Ausgaben werden im Steuerzahler-Schwarzbuch 2015 gerügt. Ein besonders leuchtendes Beispiel gibt es in Niedersachsen.

Bescheidene 10 000 Euro haben sie gekostet: die 80 LED-Lämpchen, die im niedersächsischen Wallenhorst aus fünf Gullydeckeln im Bereich eines Verkehrskreisels leuchten. Im Grunde viel zu wenig verplempertes Geld, um die Illumination herausragen zu lassen aus den Verschleuderungen, die das aktuelle Schwarzbuch des Steuerzahlerbundes aufzeigt. Ganz andere Beträge werden darin angeprangert. Die 4,8 Millionen Euro etwa für ein Feuerwehrerlebnismuseum in Nordrhein-Westfalen, das dreimal teuer wurde als geplant. Oder die Million, die Berlin in ein futuristisches Tram-Haltestellendach am Hauptbahnhof gesteckt hat.

Und doch haben die Wallen- horster Leuchten im Schwarzbuch eine Sonderstellung errungen, sind zum Medienstar unter den gerügten Posten öffentlicher Haushalte geworden. »Stern-TV« spießte die Gullys auf, der Sender »N 24« spottete über »Kunst im Straßenbau«, das ZDF verhöhnte das Deckelensemble als »Hammer der Woche«. Comedian Mario Barth schließlich klärte die RTL-Gucker auf: Nein, diese Deckel seien nicht Darth Vaders Landeplatz aus dem neuesten Sky-Wars-Film, sondern das Ergebnis eines Ratsbeschlusses.

Jenen Beschluss fasste der Rat des bei Osnabrück gelegenen 24 000-Seelen-Ortes im vergangenen Jahr an einem Tag, der als Lieblingsdatum der Scherzbolde gefürchtet ist: am 1. April. Doch ihre Idee, einen Kreisverkehr leuchten zu lassen, meinten die gewählten Wallenhorster Volksvertreter ganz und gar ernst.

Entstanden war der Plan bei einem Blick ins 40 Kilometer entfernte Bad Rothenfelde. Seit 2007 gibt es dort ein Lichtkunst-Festival. So ein klein bisschen leuchten wie die Rothenfelder wollen wir auch! Das mögen sich die Volksvertreter inm Wallenhorst gedacht haben, als sie einen Ratskollegen schwärmen hörten: Die Beleuchtung im benachbarten Kurort sei »eine fantastische Gestaltung«. Die Warnung des Bürgermeisters, dass die Deckelzierde 10 000 Euro verschlingen werde, tat der Begeisterung im Kommunalparlament keinen Abbruch. Installiere man die Lichtgullydeckel im Kreisel, könne man »mit dieser Variante Schönheit und Zweckmäßigkeit verzahnen«, freute sich ein Ratsherr, und ein anderer prophezeite: Das Licht von unten beschere »eine höhere Verkehrssicherheit«. Niemand erwähnte dabei - zumindest nicht laut Protokoll - , dass das Deckelvorbild, die ähnliche Installation in Bad Rothenfelde, von einem Sponsor bezahlt worden war. Kein einziger Steuereuro plumpste also dort in den Gully.

Doch niemand rief »April, April!« am Gully-Sitzungstag in Wallenhorst. Trocken vermerkt das Protokoll: »Bürgermeister Belde erklärte, er gebe sich den Ratsmitgliedern geschlagen.« Ihm sei das Geld für die Deckel jedoch zu schade, er enthielt sich der Stimme. Alle übrigen 34 Ratsmitglieder sagten ja zum Glühwürmchenkreisel, wie ihn der Volksmund rasch benannte.

So leuchtet er denn rot, grün und blau. Zu sehen ist das aber nur, wenn man dicht genug an den fünf illumminierten Gullys steht. Sonst wird deren Buntheit vom blauen Licht der nahen Tankstelle überstrahlt.

Die strahlende Karriere der Deckel muss nicht beendet sein. Der Rat könnte erneut eine Idee kopieren, diesmal aus Hannover. Dort tönt aus einem Gully am Hauptbahnhof - kein Aprilscherz - Musik, zumeist Klassik. Auch in die Leuchtedeckel kann man eine Musikanlage bauen, vielleicht mit Paul Linckes »Glühwürmchen, flimmre« als Endlosschleife - und schon wäre das kleine Wallenhorst womöglich Kandidat für das nächste Schwarzbuch.

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