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»Nu feixt doch mal ni so!«

Laudatio auf Uwe Steimle, den diesjährigen Träger des Berliner Kabarettpreises DER EDDI

  • Von Hans- Dieter Schütt
  • Lesedauer: 7 Min.
Der Berliner Kabarettpreis DER EDDI wurde von 1981 bis 1988 an Satiriker, Karikaturisten, Musiker der DDR verliehen, denen große staatliche Auszeichnungen versagt blieben. Seit 2013 wird der Preis wieder vergeben.

Kabarett ist ein Elend. Denn wie viel Hokuspokus muss die Wahrheit vollführen, um gehört zu werden. Aber nie darf diese Wahrheit im Kabarett so nackt auftreten, dass sie das Publikum verjagt. Kabarett, und das ist noch elender, teilt somit das Schicksal der Politiker: Sie wollen reinen Tisch mit Übeln machen, möchten jedoch gleichzeitig, dass die Leute an diesem Tisch Platz nehmen.

Wer aber sind diese - Leute?

Deutsche. Schon sind wir bei der Bibel. Kain erschlug Abel. Abel keiner will’s gewesen sein. Unser Kainsmal: Wir ducken uns weg. So entstanden die Kainbürger. Kleinbürger. Dieses Wesen macht hierzulande Geschichte, seit eh und je. Ist überall dabeigewesen, ist es aber nie gewesen. Sand, der sich selber rauswäscht aus jedem Getriebe. Dieser Mensch, dessen Denken nie stillsteht, aber auch niemandem standhält. Der Mensch, der in Zeiten leidet, in denen er nicht sagen darf, was er denkt. Der in Zeiten glücklich ist, in denen er alles sagen darf, ohne vorher gedacht zu haben.

Jetzt sind wir schon bei den Sachsen - und ihren Wechseljahren. Nachdem jene Grenze, die den Osten vom Westen, also vom Besten, getrennt hatte, zur D-Markationslinie wurde, die Oben und Unten neu sortierte. Der Ostdeutsche schmiss sich in Schale, in Bananenschale, nur im Jargon blieb man sich treu, das Gesachse schimpft bis heute am lautesten aufs vermeintliche Gesockse. Nun endlich sind wir bei Uwe Steimle. Er hat als Satiriker den präzisesten Spürsinn für dies sächsische Gemüt. Wovon ist es geprägt? Davon, dass man in diesem Landstrich nach dem Dreißigjährigen Krieg zu oft die Seiten wechselte, immer in der hechelnden Hoffnung, endlich mal zu den Siegern zu gehören. So wird man zum ewigen Verlierer und gerät, weil man zu lange Napoleon nachlief, zudem noch zur komischen Figur.

Steimle ist ganz nah dran an dieser deutschen Misere. Die darin besteht, dass die Leidenschaft des Bürgers dort besonders stark ist, wo er tut, was er gar nicht will. Und das für wahrgenommene Demokratie hält. Brot für die Welt, doch die Wurst bleibt hier! Und immer ist der Mensch auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Selten sucht er das verlorene Gewissen. Er will heile Aussichten statt heilsamer Einsichten. Und weil man den Glauben braucht, glaubt man am ehesten die Lügen. Etwa denen über die blühenden Landschaften - die aus lauter Flachs bestehen. Die wahre innere Einheit, deren 25. Jahr wir feiern, ist deshalb die zwischen einem dummen Schwein und einem armen Teufel. Denn wer heute ein armer Teufel bleibt, der ist nun mal ein dummes Schwein. Steimles Kabarett-Figur Günther Zieschong ist so ein Bedauernswerter, zu kurz Gekommener. Aber eben auch: ein aufgedrehter Selbstling, der einem auf die Ketten geht, an denen er doch selber hängt. Daraus entsteht jene groteske Mischung aus Schläue und Stumpfheit, aus liebenswerter Überlebensmühe und zänkisch-hinterhältiger Auftrumpferei.

Ich sah Uwe Steimle oft mit blaugerändeter Brille, grasgrünem Pullover und knallroten Turnschuhen. Nichts passte zusammen, alles stimmte. Seine Paradoxie als Künstler besteht wohl darin, dass er als personifizierte Ruhestörung gilt, was den Mann aber dauernd in Verzweiflung stürzt, weil er doch das Gegenteil anstrebt: Hausfrieden, Wärme, Ermunterung, Selbstvertrauen. Er ist ein Ostprodukt, war Pionier, FDJler, Arbeiterklässler, Leistungssportler, er wollte sogar Diplomat im Trainingsanzug werden. Und der Gipfel des Schrecklichen: Er trainierte wahrhaft nur, um in der DDR zu laufen, nicht, um vor ihr, aus ihr wegzurennen.

Steimle, dessen patentierte Schöpfung »Ostalgie« ja längst in den allgemeinen Sprachgebrauch einging, erlebt man bisweilen in Talkhows - diesem Modern Talking des taktlosen Gewäschs. Da ist er der genervt Nervende, der sich nicht dauernd nur über den Osten lustig machen will, darüber, dass dort so lange mit der roten Fahne gefuchtelt wurde, bis wirklich Millionen Leute Rot sahen. Nein, Steimle zürnt vehement auch gegen westliche Arroganz, gegen einen gesellschaftlichen Stillstand, bei dem man sich wünschte, die vielen sanften Selbsthilfezirkel im Lande würden sich endlich zu Kampfgruppen mausern. Und er zürnt gegen westliche Unfriedensstiftung in der Welt - in der Logik dieser Wut würde es gut passen, wenn er laut und böse fragen würde, wieso der Terror einen Bogen ums ehrwürdige Deutschland macht. Jedes vernünftige Land hat schließlich Anschläge zu vermelden - hat man uns vergessen?

Jahrelang war Steimle besagter Günther Zieschong, Partner von Ilse Bähnert alias Tom Pauls. Zieschong, der Hausmeister, der Langarbeitslose, der ungerecht Behandelte, der sich im Rächen erschöpfen möchte. Steimle spielte da ausgiebig mit Mehrheitsempfinden, holte sich - mit häufigem Zwischenruf: »Nu feixt doch mal ni so!« - die feixende Zuschauerschaft auf seine Seite. Und drängte jeden Lachenden listig in die Rolle eines Schuldigen. Mit jener scheingemütlichen Breitarschigkeit, die sich aufs Maul verlagert. Die Meinung sagen, als trete man gerade einer schlagenden Verbindung bei. Diese so rührende, dann wieder abstoßende Aggressivität des schwachen Menschen: nicht nur ein gefährdeter Woyzeck zu sein, der keinen Halt finden darf, sondern auch eine gefährliche Woyzecke, die sich überall festbeißen muss, wo noch Geist zu vergiften ist.

Schwäche? Ein Fremdwort für den unvergessenen Hinrichs! Den »Polizeiruf 110«-Hauptkommissar in Schwerin. Steimle lange an der Seite des unvergessenen Kurt Böwe. Sie legten den Sonntagskrimi aufs öde Flachland, und es wurde ein kleines Paradies. Wahre Traumpaare sind ja freche Kombinationen aus Makel und Makel. Böwe als Kommissar Groth: schwer, der ganze Trotz der Erdanziehungskraft, zukunftsmürrisch. Steimle: wie gesagt, nie schwach, stets ganz hibbelig in seiner Dienstbarkeit. Ein Schnipsgummi der Beflissenheit. Ostdeutsche Anpassung ans westliche Funktionsmuster. Wenn er daherkam, akkurat im Anzug: Da war nur immer ein Strampler im Anzug. Das war der Typ, der die DDR im speziellen Exilversteck überlebt hatte: im regelmäßigen Westpaket mit dem »echten Bohnenkaffee«. Aber: Es gab den Menschen im Musterknaben - Steimle sorgte dafür, dass in den Filmen nach dem Tod »Kodi« Böwes dessen berühmter Lederbeutel an der Wand im Ermittlerbüro hing.

Was hat das alles mit Edgar Külow zu tun? Vielleicht einfach nur: Auch Steimle fehlt wie dem Pankower die Übermächtigkeit, der appellarische Brustton. Es ist da etwas Weiches und Berührbares. Und beide sind Schauspieler. Sie sind, und sie spielen. Külow war ja ein raffinierter Typ. Er offenbarte Tapsigkeit, Begriffsstutzigkeit - Eigenschaften, die den Irrtum aufbrachten, er sei ein wenig weltfremd oder nicht auf der Höhe des gerade Verhandelten. Aber stets verrieten ihn die Augen, das Flinke, Knopffeste darin. Külow entwickelte seine freundliche Bosheit aus purer Weltläufigkeit, aus der Preisung nämlich jenes Provinziellen, das überall anzutreffen ist. Er konnte um die Ecke grübeln, dann kam der kurze gerade Schlag.

Gutes Kabarett kehrt sich ab von philosophischer Weisheit, denn das Leben fast aller Philosophen ging gut aus - darin liegt das stärkste Argument gegen jede Philosophie. Nein, gutes Kabarett will nicht Philosophie sein, es zeigt den Menschen auch als einen, der einem leid tut. Steimles Gestalten tun, Külows Figuren taten mir immer auch leid. Der Mensch, dieser kleinen Kriecher des Unglücks, ist bedürftig nach großer Tragödie. Also nach einem guten Witz. Gutes Kabarett schaut auf Katastrophen, aber misstraut geschichtlichen Experten und politischen Spezialisten, die uns Rezepte der Verhinderung anbieten. Gutes Kabarett weiß: Die »Titanic« wurde von Profis gebaut, die Arche Noah dagegen von Laien. Gutes Kabarett ist immer auf der Seite jener Laien, die das Leben zum ersten Mal leben.

Lebte übrigens Erich Honecker noch, er würde er wegen Steimle wohl nur noch als Kopie durchgehen. In der Bloßlegung durch den Kabarettisten steckte doch immer eine Portion Innigkeit - für den Mann mit Pelzmütze und roter Ordensmappe, der hartnäckig und lauthals versucht, das hohe C in die Phrasen seiner Rede einzubauen. Immerhin: Dem Manne, der ein letztlich vergebliches Leben als Politiker versuchte, war durch den blonden Sachsen postum ein erfülltes Dasein größter Aufmerksamkeit beschieden. In diesem Sinne kann Uwe Steimle mit gestärktem Selbstbewusstsein für weitere Wortgreiflichkeiten und geehrt mit dem EDDI in die steimliche Hauptstadt Dresden zurückkehren: »Vorwärts immer - rückwärts nimmer! «

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