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DSDS im Bullenwinkel

  • Von Andreas Gläser
  • Lesedauer: 3 Min.

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Im Prenzlauer Berg wurden die plötzlich endenden Straßen, die an eine Mauer grenzten, hinter der die S-Bahnen fuhren, von meiner Mutter und anderen Ureinwohnern oftmals Bullenwinkel genannt, weil man dort über Jahrzehnte das Vieh hielt. Von viel Kultur war in diesen verkehrsberuhigten Zonen selten die Rede. So ein Bullenwinkel findet sich zum Beispiel zwischen den Parallelen der Kopenhagener Straße und den Bahngleisen am dunklen Ende der Ystader Straße, in deren Nummer 10 seit 2001 das Haus der Sinne beheimatet ist; eine hübsche Kulturstätte, welche seit 1998 an wechselnden Orten im Nordosten Berlins existiert. Für wenig oder keinen Eintritt kann man Tango-Nächten, Konzerten, Theateraufführungen oder Lesungen beiwohnen.

Jeden letzten Sonntag im Monat bietet seit nunmehr fünf Jahren die Offene Bühne eine Gelegenheit für Talente aller Art. Ich war neulich dort, um für ein Freibier einen Kopfstand zu machen, vor allem aber, um zu sehen und zu hören, wer da wie kreucht und fleucht. Der Mitbetreiber und Moderator Uwe sang zum Auftakt ein Lied vom großen Klaus, bevor die sechs Zugezogenen der kleinen Blues Brigade vier englischsprachige Klassiker boten, vermutlich weil Sachsen und Thüringen am Mississippi liegen. Dabei gibt es so fetzige Lieder von Westernhagen.

Weiter ging es mit Nicole, die jetzt Marie heißt; gefolgt von einem angenehmen Bob-Dylan-Jünger: Graubart Fontaine, hörte zumindest ich den Moderator sagen. Das Frauenduo Das-Meer-X, mit Cello, Gitarre und Gesang bot so schöne Lieder, dass sich Udo Lindenberg schon 1973 veranlasst sah, den Song »Cello« zu schreiben.

Wenig später plättete ein Pianist im Wrack die aufgeschlossenen Anwesenden unverstärkt mit seinem Superopernorgan und schaffte es, dem Publikum einen Singsang zu entlocken. Klassik mit Kabarett, demnächst wohl auf größeren Bühnen und im Fernsehen. Zwei Latin-Gitarristen wussten zu gefallen. Ein Sänger aus dem fernen Kreuzberg belustigte sich über das Gender-Sprachgestolpere, er schilderte, wie der Sarottimoor sich fühlte, als er beim Blick in den Spiegel feststellte, plötzlich weißhäutig und blond gelockt zu sein.

Es war eine kurzweilige Show, so was wie DSDS im Bullenwinkel, jedoch ohne unnötige oder sogar entwürdigende Wertungen seitens einer Jury oder des Publikums. Zum Schluss sangen alle »Gute Nacht, Freunde«, das war nicht schön. Diese Offene Bühne war ein duftes Blind Date von zwei Dutzend Artys, deren Zahl die der sonstigen Zuschauer übertraf. Hieran müssen die Kulturbeauftragten arbeiten, damit etwa die in Mitte bei den Jazz-Sessions uninteressierten, aber anwesenden Besucher per Shuttle nach Prenzlauer Berg finden. Mein Kopfstand hat übrigens geklappt, er wird aber nicht im Fernsehen zu bewundern sein.

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