Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

Ein Schutthaufen voller Waffen

Ein Zeuge berichtet im sächsischen Untersuchungsausschuss erstmals über den Fund der NSU-Mordwaffe

  • Von Hendrik Lasch, Dresden
  • Lesedauer: 3 Min.
Im NSU-Ausschuss des sächsischen Landtags hat ein ehemaliger Polizeischüler berichtet, wie er 2011 die Mordwaffe des Terrortrios fand. In den vier Jahren seither wurde er nie befragt.

Er dachte, er ziehe an einem Heizungsrohr, »und plötzlich hing eine Pistole dran«, sagt der Bereitschaftspolizist Jörn N. über einen Einsatz in Zwickau am 9. November 2011. Schon das wäre eine unangenehme Überraschung gewesen. Sie wuchs sich allerdings zur Sensation aus, als klar wurde, was für eine Art Waffe der damalige Polizeischüler aus dem Schutt des bei einer Explosion zerstörten Wohnhauses in der Zwickauer Frühlingsstraße 26 geborgen hatte: Es handelte sich um die Pistole vom Typ Ceska CZ 83, mit der die Mitglieder der rechten Terrorzelle NSU in den Jahren von 2000 bis 2006 mindestens neun griechische und türkische Kleinunternehmer ermordet hatten.

Der Görlitzer Beamte berichtete am Montag im NSU-Ausschuss des sächsischen Landtags über den Einsatz, an dem er noch als Polizeischüler teilnahm - und zu dem er in den vier Jahren seither noch nie befragt wurde: »Das ist heute das erste Mal«, sagte N. Weder Polizeiermittler und Staatsanwälte noch eines der parlamentarischen Untersuchungsgremien in Bund und Ländern seien auf ihn zugekommen.

Seinen Schilderungen zufolge wurden die Polizeischüler herangezogen, um den Schutthaufen zu durchsuchen, in den eine Explosion Teile des Hauses verwandelt hatte. Noch ahnte niemand, dass die zerstörte Wohnung jahrelang Unterschlupf des NSU-Trios war. Dessen männliche Mitglieder Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos waren fünf Tage zuvor in Eisenach nach einem Banküberfall tot in einem in Flammen aufgegangenen Wohnmobil gefunden worden. Beate Zschäpe, die unmittelbar im Anschluss die Wohnung in die Luft gejagt hatte, war noch untergetaucht.

Aufgabe der Polizeischüler sei es gewesen, den Schutt in Schubkarren zu verladen und zu einem Sammelplatz zu bringen, wo er akribisch durchsucht werden sollte. Schon bald wurde klar, dass es sich um weit mehr als schnöde Gebäudereste handelte: Neben Balken, Brettern und Ziegeln seien auch eine Maschinenpistole und ein Revolver gefunden worden, dazu Gläser voller Schwarzpulver und Schachteln mit Munition. Zusätzliche Sicherungsmaßnahmen wurden nach den brisanten und gefährlichen Funden freilich nicht veranlasst: Weder Hunde noch Metalldetektoren seien eingesetzt worden, sagte N. Die Ceska wurde schließlich gegen Ende des Einsatzes entdeckt: »Was ich für ein Heizungsrohr hielt, entpuppte sich als Schalldämpfer«, sagte N. Um welche Waffe es sich handelte, habe er Tage später nach Zeitungsberichten gewusst: »Da wurde mir klar, das ist was Besonderes.«

Unklar bleibt nach der Vernehmung, wie exakt der Fundort der Ceska dokumentiert wurde. Der Zeuge erklärte, er habe zwar selbst kein Foto angefertigt; ein anderer Beamter habe die Situation aber festgehalten. Sobald er das Fundstück als Waffe identifiziert hatte, habe er sie wieder abgelegt und fotografieren lassen.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln