Werbung

Wochenend und Sternenschein

  • Von Andreas Gläser
  • Lesedauer: 2 Min.

Es war am letzten Sonntagmorgen gegen 4 Uhr, als ich in einem wunderschönen Gasthaus bei Oranienburg an der Theke stand und einige Anwesende von Danis und Max’ Polterabend musterte. Ein Dreadlocktyp schlief in sich zusammengesunken auf einem Stuhl, während bei vier wohlsituierten Herrschaften, welche ich als einheimische Verwandte und Vertreter der Elterngeneration einordnete, jeder Zweite sein Haupt auf dem Tisch geparkt hatte und die Anderen sich tapfer unterhielten; eventuell über die etwa hundertköpfige Puppensammlung ringsum, über Käthe Kruse & Co., sowie Angela als Burka-Merkel.

Mein Interesse konzentrierte sich auf die drei unbesetzten Stühle an ihrem Tisch, die ich gerne zusammengerückt hätte, um mich darauf lang zu machen. Doch diese Herrschaften hatten seit etwa acht Stunden eine große Freakshow mit 111 Gästen toleriert, inklusive der drei Punk-Bands Roiber & Gendarme, Test A und Bockwurschtbude. Die anschließende Tanzveranstaltung im einige Meter entfernten Saal war noch voll im Gange. Ich wollte die Herrschaften nicht in ihrer Nische bedrängen. Das war meine vorerst letzte Sichtweise, bevor es dunkel wurde und ich Stimmen hörte, von Freunden, die an meiner rücklings auf den Boden gestürzten Figur zottelten.

Sie befanden meine Platzwunde am Hinterkopf für in Ordnung und parkten mich in einer dunklen Ecke. Endlich Ruhe. Doch es wird keine Stunde vergangen sein, als sich ein freundlicher Rettungssanitäter für meinen Orientierungssinn interessierte. Leider war ich in diesem Moment zu humorlos, um auf seine Frage nach dem aktuellen Tag den 7. Oktober 1949 anzugeben. Außerdem ging es in unserer Gesprächsrunde, an der sich auch der angehende Bräutigam beteiligte, noch um einen anderen Gast, der eine Treppe hinuntergestürzt, vorerst jedoch nicht aufzufinden sei. Die Sanitäter wollten eine Leerfahrt vermeiden, und irgendwie bot ich mich an; auch wenn ich viel besser aussah als das geopferte Hausschwein, welches wohlrationiert in den Mägen vieler Damen und Herren tanzte.

Im Krankenhaus fanden sich, während an mir herumgestichelt wurde, neben dem Treppenakrobaten freundlicherweise auch Ulrike und der Lange ein, um mich nach Berlin City zurück zu begleiten, was auch gelang. Danke! Ich gebe es zu, derartiges Gepolter darf in Deutschland als Wochenendalltag gelten. Was ich der Welt jedoch unbedingt mitteilen möchte, ist folgende medizinische Neuigkeit: Nachdem mir im Mai am Hals ein Lipom entfernt wurde, lagen ein, zwei Nerven bis neulich bei mir blank; sprich, wenn ich die Stelle des damaligen operativen Eingriffs berührte, kribbelte mein Steuerbordohr so unangenehm. Diese Irritation ist nach dem Polterabend verflogen.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Als unabhängige linke Journalist*innen stellen wir unsere Artikel jeden Tag mehr als 25.000 digitalen Leser*innen bereit. Die meisten Artikel können Sie frei aufrufen, wir verzichten teilweise auf eine Bezahlschranke. Bereits jetzt zahlen 2.600 Digitalabonnent*innen und hunderte Online-Leser*innen.

Das ist gut, aber da geht noch mehr!

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen und noch besser zu werden! Jetzt mit wenigen Klicks beitragen!  

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!