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»Killer im Auftrag von Herrn Blatter«

Die FIFA-Ethikkommission suspendiert den Präsidenten. Im Februar könnte er dennoch wieder der Gewinner sein

  • Von Alexander Ludewig
  • Lesedauer: 6 Min.

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In Zürich läuft alles auf einen Showdown im Februar hinaus. So komisch es klingen mag: Die Präsidentenwahl könnte erneut Joseph Blatter gewinnen.

Manche Sachen sollten erst aufgeschrieben werden, wenn sie als unumstößliche Tatsache feststehen. »Es ist vorbei!«, »Das Aus!«, »Joseph Blatter ist am Ende!« - so oder so ähnlich lauteten am Donnerstag die ersten Schlagzeilen. Vorausgegangen war am Vormittag auf den ersten Blick tatsächlich Erstaunliches: Die Ethikkommission des Fußballweltverbandes hatte den Präsidenten suspendiert, vorläufig für 90 Tage. Das gleiche Urteil ereilte den UEFA-Präsidenten Michel Platini und den ehemaligen FIFA-Generalsekretär Jerome Valcke, der aber vom Weltverband nach erdrückender Beweislast über die Beteiligung an korrupten Vorgängen bereits Mitte September von seinen Aufgaben freigestellt wurde.

»Die Ethikkommission sperrt mehrere Fußball-Offizielle.« Diese dünne Mitteilung des Weltverbandes konnte die große mediale Welle nicht aufhalten. Erste Nachrufe auf den ewigen Funktionär waren schnell zu lesen. Aber: Zumindest für Joseph Blatter ist es noch nicht vorbei. Auch wenn der 79-Jährige vorerst sein Büro räumen muss - er ist noch da.

Darauf lässt das vierte Urteil der FIFA-Ethikkommission schließen. Der Südkoreaner Chung Mong-Joon wurde für sechs Jahre gesperrt. Die zusätzliche Geldstrafe von 100 000 Schweizer Franken wird der Sohn von Hyundai-Gründer Chung Ju-Yung und mit einem geschätzten Vermögen von drei Milliarden Dollar reichste Südkoreaner verschmerzen können. Seine Ausbootung aus dem Weltfußball eher nicht, wollte der ehemalige Vizepräsident am 26. Februar 2016 doch den FIFA-Thron besteigen. Für den 63-Jährigen sind die Mitglieder der Ethikkommission »Killer im Auftrag von Herrn Blatter«. Weil Chung Ju-Yung 777 Millionen Dollar in Form von Entwicklungsfonds angeboten haben soll, wenn sein Land Ausrichter der Weltmeisterschaft 2022 werde, wird die Wahl des Präsidenten auf dem FIFA-Kongress nun wohl ohne ihn als Kandidaten stattfinden.

Alles scheint auf einen großen Showdown am 26. Februar 2016 in Zürich hinauszulaufen. Und wieder einmal könnte der Gewinner Joseph Blatter heißen. Betrachtet man all seine bisherigen Herausforderer und Gegner und all die schon suspendierten Funktionäre, wird klar, dass er aus Krisen meist gestärkt hervorging. Diesmal könnte er seine Position zumindest halten. Die neue Wahlordnung des Fußballweltverbandes sieht nämlich vor, dass die Kongress-Delegierten erstmals auch mit »Nein« abstimmen können. Dies gilt aber nur, wenn lediglich ein einziger Kandidat zur Wahl steht. Und sollte dieser eine Kandidat dann keine Zustimmung von 51 Prozent erlangen, bleibt der alte Präsident im Amt - Joseph Blatter!

In diesem Zusammenhang wird die Personalie Michel Platini jetzt noch interessanter. Seine Suspendierung kann wie die von Blatter laut FIFA-Regularien um weitere 45 Tage ausgedehnt werden. Eigentlich gerade noch rechtzeitig, am 20. Februar 2016, wären beide wieder im Rennen. Der kleine Unterschied: Joseph Blatter muss von keiner Wahlkommission bestätigt werden, er tritt ja offiziell gar nicht an. Platini schon. »Heute morgen habe ich die Briefe mit der Unterstützung, die ich für meine Kandidatur als FIFA-Präsident benötige, abgeschickt«, sagte der Franzose. Schriftlich fixierte Schreiben von fünf Nationalverbänden benötigt man, um zur Wahl antreten zu können.

Die Suspendierung traf Platini zwar etwas später, seine Briefe dürften somit rein rechtlich noch akzeptiert werden. Aber wer unterstützt noch einen suspendierten UEFA-Chef? Selbst der Deutsche Fußball-Bund mit seinem Präsidenten Wolfgang Niersbach - erst lange treuer Unterstützer von Blatter, dann, spätestens nach den staatsanwaltlichen Ermittlungen gegen den FIFA-Präsidenten auf die ebenso fragwürdige Alternative Platini umgeschwenkt - sagt nun: »Jetzt müssen wir die Situation neu bewerten. Vor allem muss er aber selbst überlegen, ob er mit dieser Belastung die Kandidatur aufrechterhalten kann.«

Bleibt als ernsthafter Kandidat bislang also nur der Jordanier Ali bin al-Hussein. War da nicht was? Ja, bei der jüngsten Wahl am 29. Mai 2015 zog er seine Kandidatur nach dem ersten Wahlgang zurück. 73 von 209 Stimmen hatte er bekommen. Danach war der Weg für die fünfte Amtszeit von Joseph Blatter frei. Sehr viel mehr Unterstützer wird al-Hussein jetzt auch nicht haben. Und trotz Ermittlungen und Suspendierung darf man davon ausgehen, dass Blatter seinen Laden immer noch recht fest im Griff hat.

Diesen Eindruck sowie das schreckliche Szenario eines erneuten Siegers Blatter bestätig sein Berater Klaus J. Stöhlker: »Blatter ist rechtzeitig zurück, um am 26. Februar den Kongress zu führen.« Und zur Suspendierung sagte er: »Ausgerechnet die von Blatter initiierte Ethikkommission hat ihn jetzt an die Seitenlinie gestellt. Er will aber zurück ins Spiel.« Und Blatters Anwälte sehen die Entscheidung als »Missverständnis«. Denn die Schweizer Bundesanwaltschaft habe nur »ein Ermittlungsverfahren eröffnet, aber keine Anklage erhoben.«

Woher die Advokaten des Schweizers das wohl wissen? Denn laut Artikel 36 im Ethikcode ist die Ethikkommission über laufende Verfahren sowie nicht rechtskräftige Entscheidungen zum Schweigen verpflichtet. Eine Änderung wurde trotz mehrerer Forderungen, unter anderem von Hans-Joachim Eckert, dem Vorsitzenden der rechtsprechenden Kammer der Kommission, noch Ende September vom FIFA-Exekutivkomitee abgelehnt. Insider aus Zürich sollen erfahren haben, dass Blatters Stab vorab informiert wurde. Gleiches ist im Fall Platini anzunehmen. Sonnst hätte er wohl nicht eiligst noch seine Unterstützerbriefe abgeschickt. Zeit hätte er dafür noch bis zum 26. Oktober gehabt. Chung Mong-Joon ist nicht der einzige, der die Ethikkommission nicht besonders mag. Vorwürfe, dass sie besonders hart gegen Blatter-Gegner vorgehe, bestehen seit ihrer Gründung - durch Joseph Blatter.

Und was sagt eigentlich der suspendierte Präsident selbst? »Ich halte das aus, weil ich der Überzeugung bin, dass ich die nötigen Reformen zum Wohle der FIFA einleiten kann. Man muss mich nur endlich arbeiten lassen - und nicht ewig diese Attacken.« Seit 34 Jahren arbeitet Blatter in verantwortlichen Positionen bei der FIFA, 17 als Generalsekretär, 17 als Präsident. Man sollte ihn keine Sekunde weitermachen lassen. Das korrupte FIFA-System trägt seinen Namen.

Die sicherste Variante, ihn loszuwerden, wären erfolgreiche Ermittlungen samt Anklage in der Schweiz. Wegen »ungetreuer Geschäftsbesorgung« wie die Eidgenossen die Zahlung von zwei Millionen Schweizer Franken an Michel Platini nennen. Blatter soll sie dem Franzosen für Dienste zwischen Januar 1999 und Juni 2002 gegeben haben. Allerdings erst 2011 - als die UEFA-Mitgliedsverbände Blatter bei der Präsidentschaftswahl gegen Mohamed bin Hammam aus Katar unterstützt hatten. Oder wegen weit unter Wert verkaufter Fernsehrechte.

Die schnellere und auch einfachere Variante, Blatter loszuwerden, wäre ein Aufstand im Fußballweltverband selbst. Aber den gab es bislang nicht. Und den wird es vermutlich auch nicht geben. Viele haben wohl selbst noch die ein oder andere Leiche noch im Keller. Und alle haben dabei selbst viel zu viel zu verlieren. Wie widerlich es beim Weltverband zugeht, zeigt die zwischenzeitliche Präsidentenlösung. Der Kameruner Issa Hayatou hat laut FIFA-Statuten nach Blatters Suspendierung nun den Vorsitz übernommen. Müßig zu erwähnen, dass auch seine über 30-jährige Funktionärskarriere von Korruptionsvorwürfen begleitet wird.

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