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Die Lust am Spielen verloren

Gegen Georgien gelingt der DFB-Elf ein mühsamer 2:1-Sieg und die EM-Qualifikation

  • Von Jirka Grahl, Leipzig
  • Lesedauer: 4 Min.
Halbwütende Pfiffe und unangebrachte Partymusik: Nach dem mühsamen 2:1-Sieg der DFB-Elf gegen Georgien freuen sich die Leipziger wieder auf Zweitligafußball.

War dem Stadion-DJ des DFB bange wegen des Leipziger Publikums? Wusste auch er, dass die Zuschauer in der Red-Bull-Arena nicht selten besseren Fußball zu sehen bekommen, als am Sonntagabend? Vermutlich: Der Abpfiff beim EM-Qualifikationsspiel Deutschland gegen Georgien war kaum verklungen, da startete der Mann in der Stadionregie flugs seine Party-Playlist und drehte die Boxen so laut, dass das Dröhnen jedes Pfeifen übertönt hätte. Doch selbst zum Pfeifen fehlte den meisten der 43 630 Zuschauer die Lust. 2:1 für Deutschland stand nach 90 Minuten auf der Anzeige, und die Menschen, die in der Halbzeit noch so halb wütend gepfiffen hatten, beeilten sich, nach Hause zu gelangen. Schließlich wollten sie am Montag ihren Kollegen davon erzählen, dass sie dabei waren, als sich Deutschland im letzten Gruppenspiel für die EM qualifiziert hatte.

Von der Hauptstadt mal abgesehen verirrt sich der DFB mit seiner Vorzeigemannschaft nicht allzu oft in den Osten des Landes. In 25 gemeinsamen Fußballjahren von Ost und West vergab der DFB gerade mal acht Länderspiele in die ehemalige Zone: Eines in Dresden 1992, zwei in Rostock (2002, 2006) und fünf in Leipzig - nach 2004, 2005, 2009, 2012 nun eben 2015 jenes gegen Georgien, für das Thomas Müller als Elfmeterschütze in der 50. Minute und Max Kruse als Lieferant des entscheidenden Tores in der 79. Minute in die Statistiken Eingang finden werden. Ein Sieg mit Ach und Krach: Für die couragierten Georgier hatte Kapitän Jaba Kankawa zwischenzeitlich den Ausgleich besorgt (53. Minute), was den kaukasischen Fanblock in Rage versetzte: Ein paar Hundert Männer in Uniformen - georgische Soldaten, die gerade in Deutschland ausgebildet werden und zum Spiel eingeladen wurden - tobten hinter dem Kasten ihres Torwartes Nukri Rewischwili. Das hatten sie auch zuvor schon getan, als Rewischwili bei den wiederkehrenden Torschussversuchen von Marco Reus und Co. immer wieder geschickt Körper oder Hand zwischen Tor und Ball gebracht hatte.

Deutschland spielte sich meist bis zum Strafraum der Georgier durch, doch in Tornähe brachten all die Pirouetten, die Özil drehte und all die Zweikämpfe, die Toni Kroos siegreich bestritt, wenig. Stets war ein gegnerisches Bein dazwischen, wenn der Ball Rewischwili allzu nahe kam. Und irgendwann im Laufe dieses eintönigen Spiels verlor der Weltmeister die Lust am Spielen. Man beherrschte den Gegner mit dauerhaftem Ballbesitz, wusste ihn aber nicht zu knacken, während Georgiens einsame Angreifer Tornike Okriaschwili und Nikolos Gelaschwili ziemlich gefährliche Konter zu inszenieren wussten. Nach dem schnellen Ausgleichstreffer hatten die Gäste in der 60. Minute sogar die Chance zur Führung: Torwart Manuel Neuer verhinderte das Schlimmste, als er den Ball nach Okriaschwilis Schuss über die Latte lenkte.

»Wir sind im Moment ein Boxer, der viele Treffer landet, aber nicht den K.o. schafft«, befand Joachim Löw, als er nach dem Spiel zur Analyse gebeten wurde. Eigentlich könne er in Leipzig das gleiche Lied anstimmen wie in Dublin, wo sein Team am vergangenen Donnerstag mit 0:1 verloren hatte. Insgesamt aber gab sich der Bundestrainer unaufgeregt. Er sei zufrieden, als Gruppenerster qualifiziert zu sein: »Ich weiß, dass wir eine lange Vorbereitung haben, was uns normal gut tut. Ich denke, dass wir im November noch einige Spieler testen werden, die jetzt weniger gespielt haben oder nicht dabei waren.«

Die Diskussion, dem Spiel der Deutschen fehle ein brachialer Stürmer wie Mario Gomez oder gar RB Leipzigs Zweitligatorjäger Davie Selke, wollte er nicht führen. »Unser Spiel soll so angelegt sein, wie es bisher war. Wir wollen nicht nur Bälle hoch reinschlagen, auch wenn das mal ein Mittel sein kann. Spieler wie Davie Selke oder Mario Gomez und andere werden mit solchen Bällen auch nicht glücklich. Besser ist es über Kombinationen.«

Womit er wohl recht hat. Deutschland ist als Gruppenerster qualifiziert, sieben Siege, ein Unentschieden und zwei Niederlagen sind zu verzeichnen. Ein Triumphzug war die Qualifikation zu dieser EM, die erstmals 24 Starter umfassen wird, sicherlich nicht. Aber hätten die unzähligen Kombinationen, die die deutschen Fußballer mittlerweile so gekonnt beherrschen, in den beiden letzten Spielen zu Toren geführt, hätten wohl nicht wenige der harschen Kritiker von heute gejubelt, wie meisterlich es dieses Team doch zu spielen verstehe.

Auch die Leipziger Zuschauer wären vielleicht nicht so wankelmütig gewesen wie an diesem kalten Oktoberabend, an dem sie das UFO namens DFB erst mit La-Ola-Wellen zu feiern versuchten, um zwischenzeitlich zu buhen und am Ende schließlich leise und verfroren zur Straßenbahn zu schleichen - heim nach Knautkleeberg oder Grünau-Süd, in dem sicheren Wissen: Ein Besuch bei RB lohnt fast mehr als einer beim DFB. Bis sich »die Mannschaft« mal wieder zu einem Länderspiel hier blicken lässt, spielen die »Bullen« eh schon in der ersten Liga.

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